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Kultur Israel-Gedicht von Grass sorgt für Wirbel
Mehr Welt Kultur Israel-Gedicht von Grass sorgt für Wirbel
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17:18 04.04.2012
Günter Grass veröffentlichte umstrittene Verse zu Israel.
Günter Grass veröffentlichte umstrittene Verse zu Israel. Quelle: dpa
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Berlin

Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte den Text „ein aggressives Pamphlet der Agitation“. Der Text sei unverantwortlich und eine Verdrehung der Tatsachen. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe äußerte sich über Tonlage und Ausrichtung des Gedichts entsetzt. Es verkenne völlig die Situation, dass ein nach Atomwaffen greifender Iran das Existenzrecht Israels bestreite, den Holocaust leugne und sich internationaler Kontrolle seiner Kernenergiekonzepte verweigere.

Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, Ruprecht Polenz (CDU), sagte der „Mitteldeutschen Zeitung“ (Donnerstag): „Günter Grass ist ein großer Schriftsteller. Aber immer wenn er sich zur Politik äußert, hat er Schwierigkeiten und liegt meist daneben. Diesmal liegt er gründlich daneben.“ Der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Philipp Mißfelder, nannte das Gedicht im „Kölner Stadt-Anzeiger“ (Donnerstag) geschmacklos und unhistorisch, es zeuge von Unkenntnis der Situation im Nahen Osten.

Dagegen sagte Regierungssprecher Steffen Seibert vor Journalisten in Berlin, es gebe eine Freiheit der Kunst und eine Freiheit der Bundesregierung, sich nicht zu jeder Äußerung äußern zu müssen.

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles distanzierte sich von dem Gedicht. „Ich schätze Günter Grass sehr, aber das Gedicht empfinde ich vor dem Hintergrund der politischen Lage im Nahen Osten als irritierend und unangemessen“, sagte Nahles „Spiegel Online“. Grass war früher SPD-Mitglied und hat die Sozialdemokraten mehrfach im Wahlkampf unterstützt.

Der Publizist Ralph Giordano (89) nannte das Gedicht einen „Anschlag auf Israels Existenz“. „Selten hat mich etwas so erschüttert“, schrieb Giordano am Mittwoch der Nachrichtenagentur dpa in Köln. Mit seiner einseitigen Anklage stelle Grass die Dinge auf den Kopf. Der Publizist Micha Brumlik warf Grass mangelnde Objektivität vor. Grass erwähne nicht, dass die iranische Führung Israel seit Jahren verbal mit der Auslöschung bedrohe, kritisierte der Frankfurter Professor für Erziehungswissenschaften im SWR2-Journal am Mittwoch.

Volker Beck, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, warf Grass vor, mit seiner als Gedicht verbrämten Kritik an Israel ein antisemitisches Stereotyp zu kolportieren, wonach es angeblich tabu sei, israelische Politik zu kritisieren. „Damit disqualifiziert das Gedicht sich selbst als Beitrag in der Debatte“, sagte Beck der „Welt“ (Donnerstag).

Publizist Michel Friedman, früherer stellvertretender Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, warf Grass vor, antisemitische Klischees zu bedienen. Der „Bild“ (Donnerstag) sagte Friedman: „Wie krank ist die Argumentation, er habe über Jahrzehnte schweigen müssen, um nun endlich der Welt zu erklären, der jüdische Staat ist die größte Bedrohung für die Menschheit?“ Es wäre besser gewesen, Grass hätte weiter geschwiegen, meinte Friedman.

Der Präsident des deutschen Pen-Zentrums, Johano Strasser, unterstützte Grass. Er warne dringend vor Waffenexporten Deutschlands an eine israelische Regierung, die den Anschein erwecke, ein Krieg gegen den Iran sei unausweichlich, sagte Strasser dem Radiosender NDR Kultur.

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Jerzy Montag verwies auf die Freiheit der Kunst. Er sagte „Spiegel Online“: „Das ist ein Gedicht und kein politischer Beitrag.“ „Wenn Herr Grass einen politischen Meinungsartikel mit diesen Argumenten geschrieben hätte, wäre dieser verheerend“, schränkte Montag aber in der „tageszeitung“ ein. Der Linke-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrcke erklärte in einer Mitteilung: „Günter Grass hat Recht.“ Grass habe den Mut auszusprechen, was weithin verschwiegen werde.

Was gesagt werden muß

von Günter Grass

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
was offensichtlich ist und in Planspielen
geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
der das von einem Maulhelden unterjochte
und zum organisierten Jubel gelenkte
iranische Volk auslöschen könnte,
weil in dessen Machtbereich der Bau
einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
jenes andere Land beim Namen zu nennen,
in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
ein wachsend nukleares Potential verfügbar
aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
empfinde ich als belastende Lüge
und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
sobald er mißachtet wird;
das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
das von ureigenen Verbrechen,
die ohne Vergleich sind,
Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
ein weiteres U-Boot nach Israel
geliefert werden soll, dessen Spezialität
darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
dorthin lenken zu können, wo die Existenz
einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
Weil ich meinte, meine Herkunft,
die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
dem Land Israel, dem ich verbunden bin
und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
gealtert und mit letzter Tinte:
Die Atommacht Israel gefährdet
den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
Weil gesagt werden muß,
was schon morgen zu spät sein könnte;
auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
durch keine der üblichen Ausreden
zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
weil ich der Heuchelei des Westens
überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
den Verursacher der erkennbaren Gefahr
zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
gleichfalls darauf bestehen,
daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
des israelischen atomaren Potentials
und der iranischen Atomanlagen
durch eine internationale Instanz
von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
mehr noch, allen Menschen, die in dieser
vom Wahn okkupierten Region
dicht bei dicht verfeindet leben
und letztlich auch uns zu helfen.

frx/dpa

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