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Kultur Ironisches „Rotkäppchen" gewinnt bei Ostertanztagen
Mehr Welt Kultur Ironisches „Rotkäppchen" gewinnt bei Ostertanztagen
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18:19 13.04.2009
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Zuckende Körper im Halbdunkel – es war, als ob Marco Goecke, Deutschlands derzeitiger Shootingstar unter den jungen Choreografen, nicht nur das Eröffnungsgastspiel der Ostertanztage in der Staatsoper mitbestimmte, sondern viele Kandidaten des Internationalen Choreographenwettbewerbs mit seinem Stil beeinflusste: Fast die Hälfte der 15 Beiträge, die am Sonnabend und Sonntag zu sehen waren, spielten sich auf spärlich beleuchteter Bühne ab und hatten mit düsterer Musik unterlegte Selbstfindungsszenarien zum Inhalt.

Allerdings fehlte es den meisten Kandidaten im Gegensatz zu Goecke an Originalität und breitem choreografischen Vokabular. So nahm sich dieser 23. von der hannoverschen Ballettgesellschaft ausgerichtete Wettbewerb in den Vorrunden eher eintönig aus. Doch zwischen vielen mittelmäßigen Schattenspielen fanden sich auch Lichtblicke: Der Brasilianer Alessandro Pereira gewann mit einem starken Quartett den mit 6000 Euro dotierten 1. Preis der Expertenjury und den Produktionspreis des von Ed Wubbe geleiteten Rotterdamer „Scapino Ballets“. Publikum und Kritiker wählten den bei Stephan Thoss am Staatstheater Wiesbaden engagierten Zen Jefferson mit seiner amüsanten Rotkäppchenversion zu ihrem Favoriten.

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Zum Finale am Sonntagabend im fast ausverkauften Opernhaus traten noch einmal sieben der aus insgesamt 166 Bewerbungen ausgewählten Wettbewerbskandidaten an. Pereira, der zurzeit dem Ensemble des „Danish Dance Theatre“ angehört, beeindruckte die Zuschauer mit seiner spannungsgeladenen elfminütigen Choreografie „Crossing Silence“: Vier Männer bewegen sich kraftvoll und raumgreifend in atemberaubendem Tempo zu Musik von Joby Talbot und Sylvain Chauveau. Immer wieder bricht einer aus der Gruppe aus, um sich wenig später erneut einzugliedern, und der nächste wird zum Außenseiter.

Die neunköpfige Expertenjury aus Ballettdirektoren, zu der unter anderen Ed Wubbe, künstlerischer Leiter des Choreographenwettbewerbs, Hannovers Staatsopernchef Jörg Mannes und Christiane Winter, Organisatorin des hannoverschen Festivals „Tanztheater International“ zählten, überzeugten vor allem die physische Ausdrucksstärke und die klare Struktur dieser Choreografie.

Zen Jefferson, der in den Vorjahren zweimal als Tänzer im Wettbewerb zu sehen war, präsentierte sich nun erfolgreich als Choreograf. Schon in der Vorrunde sicherte er sich mit der aberwitzigen Märchenpersiflage „Little Red rides through the Hood“ die Sympathien des Publikums. Den mit 1000 Euro dotierten Zuschauerpreis und den Kritikerpreis im Wert von 1500 Euro verdankte der gebürtige Schweizer nicht zuletzt Mirko Guido, den er als Tänzer verpflichtet hatte. Die Teamarbeit brachte beiden bereits 2008 den Publikumspreis sowie den ersten Preis der Expertenjury ein. Damals choreografierte Guido, und Jefferson tanzte.

In der sonst so ernsten Tanzwelt stechen die beiden durch Humor und Selbstironie hervor. Wie Guido beherrscht dabei auch Jefferson die Kunst, trotz mancher Slapstickeinlage die tänzerische Qualität auf hohem Niveau zu halten. Und er hat ein Gespür für das perfekte Zusammenspiel von Bewegung und Musik. Jeder Schritt, jede Geste sind punktgenau auf die Musik abgestimmt, was bei diesem Wettbewerb keineswegs eine Selbstverständlichkeit war.

In Jeffersons „Rotkäppchen“-Version geht es um einen rothaarigen Wolf (Guido), der auf einem Dreirad wie ein Rocker durch die Gegend pest und einem schmollmundigen Mädchen (Aoi Nakamura) auflauert, um diesem einen Joint anzudrehen. Während das Mädchen sich bekifft, hypnotisiert der Rocker-Wolf die Großmutter (Yamila Khodv) mit der Panflöte, damit sie vom Fernsehsessel fällt und er herumzappen kann. Der ganze Spaß ist unterlegt mit Musik von Michael Jackson, MC Hammer und Stücken aus dem Soundtrack zu dem Kinofilm „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Für die phantasievolle und temporeiche Choreografie, die den Darstellern neben tänzerischem Können auch schauspielerisches Talent abverlangt, gab es viele Bravorufe.

Die heimste auch die Koreanerin Sanghye Jung für ihr Duett „Black Suit“ ein, bei dem zwei Tänzerinnen um eine Jacke regelrecht kämpfen und dabei atemberaubend schnell über Tisch und Stühle turnen. Dafür gab es den 2. Preis der großen Jury (3000 Euro).

Den 3. Platz (jeweils 2000 Euro) teilen sich zwei Israelis: Sharon Fridman für ein schwermütiges Duett um Männerfreundschaft und Zufit Simon für einen fünfminütigen Ausschnitt aus ihrem Stück „Meine Mischpuche“, in dem es um Familienbande geht.
Mit den Preisträgern haben jene gewonnen, die nicht auf zuckende Körper im Halbdunkel gesetzt, sondern ureigenen Ideen vertraut haben. Und so schloss dieser „Choreographenwettbewerb“ ganz im Geiste von Rotkäppchen mit einem Happy End.

von Kerstin Hergt