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Kultur Stark in der Manege
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22:44 23.06.2014
Athletisch, präzise, lässig: Dor Mamlia und Idan Sharabi mit „Ours“, der Siegerchoreografie nach Joni Mitchells „California“.
Athletisch, präzise, lässig: Dor Mamlia und Idan Sharabi mit „Ours“, der Siegerchoreografie nach Joni Mitchells „California“. Quelle: Joachim Puppel
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Hannover

Doch gerade wegen der vielen unkonventionellen, zum Teil geradezu experimentellen Beiträgen war das Niveau im Vergleich zu den Vorjahren dieses Mal besonders hoch. Mit Idan Sharabi aus Tel Aviv hat, wie schon 2013, wieder ein Israeli den ersten Preis gewonnen. Doch vor allem die Konkurrenz aus Asien war stark.

Der Publikumsliebling kommt aus Taiwan: Tsai Po-Cheng bot mit seinem Duett „Floating Flowers“ einige Überraschungen auf der Bühne. Die erste war, wie die zierliche Tänzerin plötzlich baumlang wurde, nachdem ihr Partner sich zuvor unter ihrem Reifrock verborgen hatte und sich schließlich mit der Frau auf seinen Schultern aufrichtete. Was folgte, war eine witzige und temporeiche Zwitterpartie. Dafür gab es nicht nur den Zuschauerpreis (dotiert mit 1000 Euro), sondern auch einen von drei Produktionspreisen: Der mit seiner Compagnie Gauthier Dance im Theaterhaus Stuttgart international erfolgreiche Choreograf Eric Gauthier will mit Tsai Po-Cheng als Gastchoreograf im nächsten Jahr auf Tournee gehen.

Gauthier, 2007 selbst Preisträger des Wettbewerbs, gehörte in diesem Jahr neben der Isländerin Katrin Hall, Hannovers Ballettchef Jörg Mannes, Jan Pusch vom Ballett des Staatstheaters in Braunschweig, dem Leiter des Bundesjugendballetts, Kevin Haigen, sowie Richard Wherlock, Direktor Ballett Basel, zur Expertenjury, die insgesamt drei Geldpreise vergibt. Ed Wubbe, der Kopf der Jury und künstlerische Leiter des von der Ballettgesellschaft Hannover zum 28. Mal ausgerichteten Wettbewerbs, konnte wegen einer Erkrankung nicht kommen. Den von seinem Scapino Ballett Rotterdam zusätzlich gestifteten Produktionspreis wird er im Nachhinein anhand von Videoaufnahmen vergeben.

Den zweiten Produktionspreis hat das einst von John Neumeier gegründete Bundesjugendballett dem Briten Joseph Toonga zugesprochen. Der mit einer eigenen, kleinen Compagnie in London arbeitende Choreograf hat seine Wurzeln im Hip Hop. Entsprechend ist sein Duett „Ours“ geprägt von schneller Fußarbeit, Körperdrehungen und typischen Moves wie dem Popping, roboterartigen Bewegungen. Besonderen Reiz gewinnt die Produktion dadurch, dass Toonga die Street-Dance-Elemente geschickt mit Versatzstücken aus dem klassischen Ballett paart.

Lautstarkes Gelächter im Saal

„Ours“ ist zufällig auch der Titel des mit 6000 Euro prämierten Siegerstücks von Idan Sharabi und ebenfalls ein Duett. Sharabi selbst tanzt zusammen mit seinem Partner Dor Mamlia zu Joni Mitchells „California“. Erneut siegen damit wieder Israelis - was bei immerhin elf Finalisten unter den 20 Teilnehmern gar nicht einmal so selbstverständlich war. Junge, vor Kraft strotzende Kerle tanzen zu dieser kristallenen Sopranstimme aus der Mottenkiste des jugendbewegten Folk, ohne dass es lächerlich wirkt - allein das ist schon preiswürdig. Der Song wird immer wieder unterbrochen von eingespielten Tonbandinterview-Schnipseln. Es geht um das Thema Heimat. Ein Motiv, das der in seiner jungen Karriere bereits viel gereiste ehemalige Tänzer des Netherland Dance Theater (NDT) und der israelischen Batsheva Dance Company oft in seinen Arbeiten aufgreift. „Ours“ sprüht vor Witz und ist doch bewegend und nachdenklich. Hinzu kommt das außergewöhnliche Bewegungsvokabular Sharabis: Athletik, tänzerische Präzision und betont lässige, fast improvisatorische Passagen fließen perfekt ineinander.

Von leiser Ironie ist beim Zweitplatzierten nichts zu merken: Chiara Taviani und ihr Duettpartner Carlo Massari sorgten mit ihrer Slapsticknummer „Maria Addolorata“ für lautstarkes Gelächter im Saal. Leiden war das Thema - aufbereitet wurde es mit jeder Menge Bierdosen.Den wahren Clown des Abends gab bei all den Stars in der Manege jedoch Moderator Benito Marcelino, einst gefeierter Solist in Monte Carlo. Amüsant und zuweilen ein wenig flapsig interviewte er die Choreografen in den Umbauphasen. Die Antwort des Italieners Fabio Liberti auf die Frage, warum er choreografiere, lautete, dass er nicht gerne rede. Ausgerechnet sein Stück „Blinking“ war das textlastigste unter den Finalisten. Musik gibt es so gut wie nicht. Eine weibliche Stimme vom Band sinniert über Träume und Erinnerungen, während sich vier Tänzerinnen dazu bewegen; jede Zuckung entspricht einer Silbe. Für diese zehnminütige Präzisionsarbeit gab es den Kritikerpreis der Journalisten (1500 Euro).

Rätselhaft bleibt die Entscheidung der Expertenjury für den dritten Preis (2000 Euro). „Trigger-Happy“ von Joeri Dubbe aus den Niederlanden ist ihm zufolge inspiriert von dem Film „2001: Odyssee im Weltraum“. Die mehr als roboterhaften Bewegungen ließen jedoch nicht darauf schließen. Andere Stücke, die es nicht ins nahezu ausverkaufte Finale im Theater am Aegi geschafft haben, waren nicht nur aussagekräftiger, sondern auch mutiger. Etwa Danilo Floreanis Duett „Believe“ mit einem Behinderten als Partner. „Jeder Körper kann tanzen“, war die Botschaft. Der Ausflug ins All mutete dagegen abgehoben an.

Von Kerstin Hengst

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