Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Innere und äußere Grenzgänge
Mehr Welt Kultur Innere und äußere Grenzgänge
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
06:15 11.05.2012
Bischof Norbert Trelle hatte unter dem Motto "Religion und Migration" Sozialwissenschaftler, Theologen und Philosophen eingeladen. Quelle: Udo Heuer
Anzeige
Hildesheim

Abraham hat sich auf den Weg gemacht. Auch Mose hat es getan, ist ausgezogen mit einem ganzen Volk, um der Knechtschaft zu entgehen. Heute hätte man die beiden Glaubensväter aus der Bibel wohl als „Migranten“ bezeichnet, als Auswanderer, Ausreisende.

Weltweit gibt es 214 Millionen Migranten, Menschen also, die „ihren“ Ort noch nicht gefunden haben, weil sie ihn verloren haben - durch Hunger, Vertreibung oder Flucht. Oder durch die Sehnsucht, irgendwann einmal in ein Land zu kommen, „wo Milch und Honig fließen“. Oder, wenn man die Ansprüche nicht gleich so biblisch hoch schrauben will, wo es wenigstens Strom gibt und Wasser.

Anzeige

Mit dem Thema „Religion und Migration“ haben sich am Samstagnachmittag auf Einladung des Bischofs von Hildesheim, Norbert Trelle, auf einem Symposium Sozialwissenschaftler, Theologen und Philosophen befasst. Die Wahl des Themas geschah nicht zufällig, denn Trelle, der in diesem Jahr 70 wird, ist Vorsitzender der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz. Für Trelle, der in einem pointierten Eingangswort den Auftakt setzte, gehörten „Sehnsucht und Notwendigkeit zugleich, Grenzen zu überschreiten und Erfahrungen des Unbegrenzten und Grenzenlosen zu machen, zur Signatur des Menschen“. Selbst Gott habe durch seine Menschwerdung eine Grenze überschritten, sagte er und mahnte, Migranten freundlich aufzunehmen. Gastfreundschaft sei nicht zufällig ein Schlüsselgebot in allen Religionen.

Das scheinen viele vergessen zu haben. Zumindest nach Ansicht der Wiener Pastoraltheologin Regina Polek, die auch bei vielen Christen eine „Migrationsblindheit“ beklagte, zumal in Österreich. Schon der Begriff Migrant, den viele Wohlmeinende verwenden, ist nach ihren Ausführungen in den Ohren der Betroffenen, ein Unwort und habe stigmatisierenden Charakter. Kirche, empfahl Polek, sollte sich viel stärker den Einwanderern öffnen, sich als Teil einer Weltfamilie darbieten. „Nötig ist die Erziehung zu einer mondialen Betrachtung“, sagte Polek.

Die Sozialwissenschaftlerin Ursula Boos-Nönning zeigte am Beispiel Münchens, in dem 2010 siebzig Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund gehabt hätten, wie sehr Deutschland ein multiethnisches Land geworden sei. Mit der ethnischen sei die religiöse Vielfalt gekommen. Die Islamfeindlichkeit vieler deutscher Jugendlicher führte Boos-Nönning auch auf die Tatsache zurück, dass viele von ihnen überhaupt nichts mit Religion anfangen könnten - ein Trend, den die Professorin als „irreversibel“ bezeichnete, was ihr einen beherzten Einspruch des Bischofs eintrug.

Der theologische Funkenflug des Salzburger Professors Hans-Joachim Sander blieb ohne bischöfliches Widerwort. Sander forderte die Bischöfe dazu auf, als Migranten Gottes zu den „Hotspots“ im Leben zu eilen - und Einspruch zu erheben, wenn Migranten inhuman behandelt werden. Das war ganz im Sinne des Münchener Publizisten Heribert Prantl, der den furiosen Schlussvortrag des siebenstündigen Symposiums hielt. Prantl forderte, die Kirche möge die „Festung Europa“ schleifen: „Wäre bei uns die eigene Auswanderungsgeschichte präsent, hätten die Deutschen nicht so eine Heidenangst vor der Einwanderung.“

Das Wort „Heidenangst“ kam gut an im Hildesheimer Domhof.

Michael B. Berger

07.05.2012
Kultur Nach „Schrei“-Auktion - Sotheby’s will Millionen machen
07.05.2012