Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Widerständler mit Noppen
Mehr Welt Kultur Widerständler mit Noppen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:23 10.04.2014
Von Stefan Stosch
Foto: Helden mit Klammerhänden: Emmet (von links), Wyldstyle und Batman wollen die Lego-Welt retten.
Helden mit Klammerhänden: Emmet (von links), Wyldstyle und Batman wollen die Lego-Welt retten. Quelle: Warner
Anzeige

In „The Lego Movie“ wird die große Steinchen-Revolution angezettelt. Das Erstaunliche ist nur, dass dieses Werbevehikel wochenlang die Kinocharts in den USA angeführt und mehrere Hundert Millionen Dollar eingespielt hat.

Wie viele Lego-Bauer, kleine und vielleicht noch mehr große, sind wohl unter diesen Kinogängern? Schon seit mehr als 80 Jahren schreien Barfußgänger in Kinderzimmern auf, wenn sie mit nackten Füßen in einen vergessenen Stein getreten sind. Nostalgie spielt also wohl eine wichtige Rolle bei diesem Überraschungserfolg: Was waren das für schöne Zeiten, als man sich noch auf dem heimischen Teppich fläzen und als Miniatur-Baumeister reüssieren konnte.

Aber reicht das als Grund, um in einen 3-D-Animationsfilm zu rennen, der gewissermaßen ein Fake ist? Denn niemand hat die rund drei Millionen Steinchen und 180 Minifiguren wirklich per Hand zusammengesetzt, die nun auf der Leinwand zu sehen sind. Sie sind im Computer entstanden. Die cleveren Regisseure Phil Lord und Christopher Miller – verantwortlich schon für „Wolkig mit Aussicht auf Fleischbällchen“ – haben ihrem Werk trotzdem eine ruckelige Stop-Motion-Ästhetik verpasst. Die Figuren bewegen sich so eckig wie in den „Brick-Filmen“ (Ziegel-Filmen), die aus ungezählten Einzelbildern zusammengesetzt und bei Hobbyfilmern beliebt sind.

Der eigentliche Coup dieses Unternehmens aber ist: Die Regisseure bauen auf den anarchischen Geist der Lego-Fans. Wer setzt schon Schiffe, Burgen oder Rennwagen exakt nach der mitgelieferten Anleitung zusammen? Und um die Lust auf individuelle Lösungen geht es auch im Film: Die Lego-Welt muss gerettet werden vor einem Diktator namens Lord Business, der nur nach Anleitung bauen lässt – und, oh Graus, über eine neue Geheimwaffe verfügt: eine Tube Sekundenkleber, mit der er ein für alle Mal die Kreativität zum Stillstand bringen will.

Aber so leicht wird er nicht obsiegen. Ein Auserwählter meldet sich zum Dienst, der den Fiesling stoppen soll – so wie in beinahe jedem US-Heldenepos (Prototyp: „Matrix“). Hier heißt der Retter Emmet Brickowoski, ein gewöhnliches Plastikmännchen und seiner überragenden Bedeutung zunächst einmal keineswegs bewusst. Im Gegenteil: Emmet ist der Lego-Stein gewordene Konsument, der ohne Regelhandbuch nicht weiterweiß in seinem langweiligen Leben. Er summt unentwegt den Legoland-Verblödungssong „Hier ist alles super“ und kauft im Coffeeshop selig, was ihm zu monströsen Preisen vorgesetzt wird.

Doch dann verliebt sich der Noppen-Held in die rebellische Schöne Wyldstyle, und bald schon wächst er über sich hinaus. Gemeinsam mit der Angebeteten bereist er das große, bunte Lego-Universum – den Wilden Westen genauso wie den Weltraum. Lego liefert Bausätze zu allen möglichen Themen, gerne auch aus dem Kino. Mit „Fluch der Karibik“ oder „Star Wars“-Sets lässt sich viel Geld verdienen – und deshalb dürfen hier auch Batman, Gandalf und the Green Lantern mitspielen, zusammen mit Cowboys, Robotern, Piraten oder japanischen Kampfmaschinen.

Vor den Augen eines jeden Lego-Bauers werden Träume wahr. Der Konzern präsentiert, durchaus mit selbstironischer Geste, seine Produktpalette. 100 Minuten Eigenwerbung weltweit und überlebensgroß: Wann sonst darf ein Unternehmen auf so viel geballte Aufmerksamkeit hoffen? Und wann sonst darf sich ein Global Player auf die Seite des kleinen Mannes schlagen und sich gegen eine Marketingmacht stemmen, die er selbst verkörpert – auch wenn diese in diesem Fall Lord Business heißt? Eine ordentliche Portion Schizophrenie steckt in diesem Film.

Der dänische Tischler Ole Kirk Christiansen, der 1932 erst die Holzbauklötze und 17 Jahre später auch die Plastikversion erfand, dürfte vom „Lego Movie“ entzückt sein. Mit diesem Film hat Lego die Lücke zwischen analoger und digitaler Welt spielerisch leicht geschlossen. Und damit nicht genug: Wer begeistert aus dem Kino kommt, kann sich im nächsten Spielwarenladen gleich die passenden Lego-Sets zum „Lego Movie“ kaufen. Es sei denn, es erwacht in ihm der Widerstand gegen so viel gelenkte Fantasie, und er wird zum nächsten Emmet Brickowski.

Werbefilm mit
viel Selbstironie:
Großer Markencoup.
Cinemaxx, Cinestar, Cinemotion

Spiel gut! - oder: Das Imperium der Klötzchen

Der Name Lego setzt sich zusammen aus den abgekürzten dänischen Wörtern „leg“ und „godt“. Auf Deutsch: spiel gut. Der Konzern gehört nach der Erkenntnis von Marktforschern zu den beliebtesten Marken der Welt – er spielt in einer Liga mit Coca-Cola oder Disney. Das dänische Unternehmen hat einen Jahresumsatz von mehr als drei Milliarden Euro. Noch immer ist Lego im Familienbesitz und nicht an der Börse notiert.

Anfang des Jahrtausends schlitterte das Unternehmen in eine existenzielle Krise. Uhren und Computerspiele waren offenbar keine hinreichende Antwort auf Gameboy und Playstation, die sich im Kinderzimmer breitmachten. Lego hatte sich verzettelt und kehrte wieder zurück zu den kleinen, bunten Steinchen, von denen jährlich zig Milliarden produziert werden. Gleichzeitig wurde das Lizenzgeschäft ausgebaut: „Harry Potter“- oder „Der Herr der Ringe“-Bausets tragen inzwischen ein Drittel zum Umsatz bei (mehr über Niedergang und Wiederaufschwung des Unternehmens: David C. Robertson, Bill Breen: „Das Imperium der Steine. Wie Lego den Kampf ums Kinderzimmer gewann“, Campus-Verlag, 34,99 Euro).

Auf der Internetplattform Cuusoo können Bauherren sogar ihre eigenen Kreationen hochladen. Wird die Idee von vielen Fans gemocht, bringt Lego diese auf den Markt – der Erfinder wird am Gewinn beteiligt. So bestimmen die Käufer mit über Legos Zukunft. Viel schlauer geht es kaum.

sto

Kultur Beschlagnahmung aufgehoben - Gurlitt bekommt seine Bilder zurück
09.04.2014
Kultur Museumschef Röhrbein im Interview - „So geht’s nicht“
09.04.2014
Kultur Finale in Kunstkrimi - Klappe auf für Gurlitt
Johanna Di Blasi 08.04.2014