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Kultur „Ich steh’ voll auf Kitsch“
Mehr Welt Kultur „Ich steh’ voll auf Kitsch“
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07:30 17.11.2011
Früher spielte er in Saarbrücken vor acht Leuten. Inzwischen tritt Axel Bosse, Sänger und Duett-Partner von Anna Loos, im Capitol auf. Quelle: Handout
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Hannover

Herr Bosse, bei Stefan Raabs „Bundesvision Songcontest“ konnte man bei Auftritten von Ihnen und Sängern wie Alin Coen und Thees Uhlmann den Eindruck gewinnen, dass derzeit vor allem die Songwriter den popkulturellen Ton in Deutschland angeben. Gibt es einen Wunsch nach handgemachter Musik mit guten Texten?
Das sehe ich schon so. Aber vermutlich war es so, dass ein paar Radioleute wieder vermehrt auf Songwriter gesetzt haben und damit mehr Leute erreicht haben als den typischen Tocotronic-Hörer.

Jetzt sind Sie aber bescheiden.

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Wir Songwriter sollten uns eher bei Bands wie Wir sind Helden bedanken. Die haben gute, deutsche Popsongs gemacht und damit eine breite Masse begeistert. Jetzt lassen sich Hörer auch auf jemanden wie Philipp Poisel ein und haben richtig Lust zuzuhören.

Sie selbst sind schon seit 2003 als Solokünstler unterwegs. Ärgert Sie es nicht, wenn Sie erst jetzt als Songwriter gewürdigt werden?

Ich wurde in der Anfangszeit viel mit Bands wie Madsen und Fotos verglichen. Damals wurde Madsen richtig erfolgreich und Bosse nicht. Manches braucht eben seine Zeit. Für mich hat sich bei dem ganzen Spiel trotz voller Hallen nicht viel verändert, denn ich mache einfach weiter meine Musik – egal, ob jetzt Singer-Songwriter oder Indiebands angesagt sind. Aber dass da eine wachsende Basis an Zuhörern ist, tut gut.

Muss man als Songwriter immer noch eine Weile durch Kellerklubs tingeln?

Tingeln ist gut und hat viele Vorteile. Wenn man schon oft aufgetreten ist, hat man eine ganz andere Sicherheit. Ich hab mal vor acht Leuten in Saarbrücken gespielt. Heute kommen da mehr als 1000. So ist es mit den Jahren gewachsen.

Sie haben bis zu Ihrem aktuellen Album „Wartesaal“ mit vielen prominenten Produzenten wie Moses Schneider, Jochen Naaf und Oliver Koletzki zusammengearbeitet. Das klingt nach musikalischer Stilsuche. Brauchte es diese Phasen bis „Wartesaal“?

Ja, die ersten beiden Alben waren eine Suche nach dem richtigen Sound und Stil, meine künstlerische Pubertät. Erst klang ich wie Micky Maus, dann wie ein heiserer Rio Reiser. Beim dritten Album habe ich gemerkt, dass ich so singen kann, wie ich singe. „Wartesaal“ ist das derzeitige Endprodukt. Aber jetzt war ich viel in der Türkei, und das nächste Album wird wieder anders klingen.

Inhaltlich bleiben Sie dann aber doch bei den ganz großen Themen. Es geht sehr oft um die Liebe und deren Ende, und Sie beschreiben das Ein-, Zu- und Loslassen.

Ja, aber das macht das Leben doch aus. Ich schreibe viel über die Liebe, Reisen, Freundschaft, aber auch mal über das Gefühl der Überforderung. Für mich muss immer eine Grundmelancholie mitschwingen.

Wenn man viel über Gefühle schreibt und Bilder benutzt wie den Wartesaal zum Glück, kann es kitschig werden. Haben Sie ein Problem mit Kitsch?

Ich stehe voll auf Kitsch in gewissem Maß. Wenn man Sachen ehrlich anpackt, ist das okay. Wenn jemand „Ich liebe dich“ sagt, ist es vielleicht kitschig, aber es bringt die Sache auf den Punkt.

Sie sind beim „Bundesvision Songcontest“ für Niedersachsen angetreten und stammen aus Braunschweig. Haben Sie eigentlich ein Problem damit, in Hannover aufzutreten, so als Braunschweiger?

Ich bin totaler Eintracht-Braunschweig-Fan. Aber in Hannover kommen mehr Leute zum Konzert als in Braunschweig.

Spricht für Hannovers Musikgeschmack.

Es könnten aber auch Braunschweiger unter den Besuchern sein. Aber Musik verbindet. Ich freue mich vor allem auf das Capitol. Dort habe ich mit 13 Jahren Heather Nova gesehen, Blümchen und Slayer! Ich mag es, genau dort zu spielen, wo ich früher auf der Treppe zur Bühne gesessen habe. Und ich habe so viel Geld für das Licht ausgegeben, dass ich nach der Tour bestimmt pleite bin. Aber der Lichtdesigner zaubert richtig für die 25 Lieder.

Klingt nach einem langen Abend.

Es wird auch ein langer Abend, aber gut. Ein langer Abend zum Zuhören.

Bosse spielt am 30. November im Capitol. Karten kosten im Vorverkauf 22,40 Euro.

Interview: Jan Sedelies