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Kultur Horst Bredekamp und ein aufsehenerregendes Buch über den Großen Garten
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00:15 12.01.2013
„Kunst der Abweichung“: Der Garten folgt nicht dem rechten Winkel – und seine Fluchtlinien enden auf diesem Stich von 1708 vorm Horizont. Quelle: Handout
Hannover

Vom Himmel zur Hölle ist es manchmal nur ein Schritt. „Paradies-Ort. Selbstschussanlagen und eiserne Fußfallen“ - so droht 1823 ein Warnschild in einem jener Landschaftsgärten, die der Brite William Kent als Gegenstück zur strengen Symmetrie französischer Barockgärten entwarf. So widerlegen wenige Worte die große Erzählung vom jedermann einladenden englischen Garten, der den Blick tiefengestaffelt durch Hügel, Brücken und geschlungene Wege ins Unendliche lenkt. Aber eben nur den Blick, nicht den Schritt.

Wo die britische Gentry ihre Kreise durch Wilderer und Pöbel gestört sah, zerstob der Schein vom schrankenlosen Arkadien jäh - und damit auch die ideologische Aufrüstung des Landschaftsgartens zum Hort libertärer Entgrenzung und klassenloser Natürlichkeit. Trotzdem wird er bis heute gegen den französischen Garten, dem Ort von höfischen Schranken, Fürstenhuld und Ancien Régime, in Stellung gebracht.

Es ist das Verdienst des Kunsthistorikers, Archäologen und Philosophen Horst Bredekamp, mit diesem schematischen Blick gründlicher denn je aufgeräumt zu haben. Und das am vielleicht besten Beispiel dafür: dem Großen Garten von Herrenhausen. Der nämlich entzieht sich bei genauem Hinsehen nicht nur dieser schlichten Zuordnung, er ist geradezu zum Garten geronnene Philosophie. Das verdankt sich der Tatsache, dass Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) ihm vier Jahrzehnte seines Lebens gewidmet hat - wobei er vor allem das Wohlwollen und die Zuwendung der aufgeklärten Herzogin Sophie und später ihrer Tochter Sophie Charlotte genoss.

Der an der Berliner Humboldt-Universität Kunstgeschichte lehrende Bredekamp hat darüber ein Buch geschrieben, das durch seine liebevolle bibliophile Gestaltung mit fast hundert farbigen Abbildungen, darunter zwei großen, ausklappbaren Plänen des Großen Gartens, ebenso seinesgleichen sucht wie durch seine intellektuelle Flughöhe. Der ausgewiesene Leibniz-Kenner räumt in „Leibniz und die Revolution der Gartenkunst“ nicht nur mit alten Klischees auf, er schaufelt auch den Blick auf eine immer noch unterschätzte Gartenanlage frei. Er fördert dafür aus der Leibniz-Bibliothek großenteils noch nicht publizierte Quellen zutage, stellt Vergleiche mit dem französischen Versailles oder dem britischen Stourhead in der Grafschaft Wiltshire an. Und er erwähnt auch jenen mit „Spring Guns“ und „Steel Traps“ bewehrten „Paradise Place“ in der Tradition William Kents, der der Wegbereiter des Englischen Landschaftsgartens war.

Das Warnschild illustriert die exklusive Realität der britischen Gentry - und blamiert das scheinegalitäre Ideal ihrer Gärten. Doch was ist beständiger als das Klischee? Bis heute ist es üblich, den Landschaftsgarten als irgendwie zeit- und menschengemäßer zu verklären und den Barockgarten als zu Hecken, Rabatten und Beeten geronnene Geometrie zu verdammen, als Diktatur von Achsensymmetrie und rechtem Winkel.

Bredekamp lässt keinen Zweifel daran, dass dies für Herrenhausen nicht gilt. Das beginnt schon damit, dass der Große Garten um 2,8 Grad vom rechten Winkel abweicht. Diese „Kunst der Abweichung“ passe bestens zur von Leibniz in seiner „Theodizee“ entwickelten Idee, dass Harmonie nicht aus der bloßen Zusammenstellung passender Elemente, sondern erst „aus dem Umsprung von Störung in Fügung“ erwachse. Dazu passt die später in einem Kupferstich verewigte Anekdote, nach der Leibniz vor Herzogin Sophie seine Idee unendlicher Vielfalt daran demonstriert, „daß nicht zwey Blätter einander völlig ähnlich seyn“. Die Ordnungsachsen des Gartens huldigen demnach weniger der Geometrie als dem Prinzip der unendlichen Einschachtelung und erlauben es, übersichtlich möglichst viel von jener Vielfalt zu präsentieren. So habe Leibniz in diesem geometrischen Garten gefunden, „was spätere Interpreten erst im Landschaftsgarten zu erkennen meinten: die Freiheit des Individuellen“. Bredekamp weist auf die Feuerwerks- und Wasserkunstpläne des Universalgelehrten hin, schildert den Großen Garten aber vor allem als Ort einer Versinnbildlichung der Leibniz’schen Philosophie - von der Monaden- über die Leib-Seele- bis zur Elementarlehre.

Doch Philosophie ist für Bredekamp auch Inspirationsquelle der Politik: Im genauen Blick auf Herrenhausen widersetzt er sich auch der traditionellen politischen Ausdeutung des Barockgartens als Feudalsphäre. Fälschlicherweise gelte der 1792 eröffnete Englische Garten in München als erster, der von Anbeginn jedermann offenstand. Im Widerspruch zu dieser „künstlichen Frontstellung gegenüber dem Barockgarten“ betont Bredekamp, dass die Pariser Tuilerien bereits im 16. Jahrhundert geöffnet wurden. „Die Form des Barockgartens war nicht etwa ein Grund der Abschirmung, sondern die Bedingung seiner Öffnung.“

Anders als der nur in der Anmutung grenzenlose, tatsächlich jedoch bis heute oft ganz exklusive Landschaftsgarten sei mit der Geometrie des Barockgartens „keinesfalls ein Anspruch auf die unendlich sich fortentwickelnde absolute Macht gemeint“. Schon auf älteren Gemälden von Versailles, das illustriert Bredekamp in eindrucksvollen Gegenüberstellungen, endet die Herrschaft der Achsensymmetrie noch vor dem Horizont. Und auf einem Kupferstich-Panorama von 1708 werden die geraden Fluchtlinien des Großen Gartens im Süden gleich zweimal, erst durch ein Wäldchen, dann durch den Höhenzug des Deisters, gebrochen. „Der Große Garten von Herrenhausen stellt eine nach innen gewendete Unendlichkeit dar, die nicht etwa nach außen in eine unbestimmte Ferne ausgreift, sondern in der internen Organisation eine größtmögliche Vielfalt von Varianten aufbietet“, folgert Bredekamp. „Hierin ist er als Großform jenen Blättern strukturverwandt, die Leibniz in ihrer Individualität erkannte.“

Horst Bredekamp: „Leibniz und die Revolution der Gartenkunst“. Wagenbach. 165 Seiten, 29,50 Euro.

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