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Kultur „Ich hätte nichts gegen Kestners Altertümer“
Mehr Welt Kultur „Ich hätte nichts gegen Kestners Altertümer“
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09:18 05.07.2014
Von Daniel Alexander Schacht
Seit 2011 ist sie Leiterin des Roemer-Pelizaeus-Museum in Hildesheim: Regine Schulz. Quelle: Chris Gossmann
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Hannover

In der Debatte um das Kestner-Museum entsteht zuweilen der Eindruck, dass alte Kulturen fürs Publikum nicht attraktiv sind. Stimmt das?

Wenn das stimmt, hätte die Bildungspolitik total versagt. Wer die eigenen Wurzeln, die eigene Geschichte und Kultur für überflüssig erklärt, bringt auch kein Verständnis für fremde Kulturen auf. Uns unterstützt zum Beispiel ein Reisebüro dabei, einen Katalog unserer chinesischen Porzellansammlung auf Chinesisch, Englisch und Deutsch zu publizieren, weil man das dort für wesentlich hält, um die deutsche Kultur zu verstehen. In China hat man erkannt, dass dieses Verständnis ein Wirtschaftsfaktor ist.

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Nun hat Ihr Haus, das Roemer-Pelizaeus-Museum, eine größere Sammlung und auch Fläche als das Kestner-Museum …

Kein Museum hat genug Fläche, man muss daher kreativ sein im Umgang mit den Ressourcen. Man kann nicht alles gleichzeitig zeigen, man kann aber gerade in diesen beiden Mehrspartenhäusern spannende Querverbindungen herstellen. Im Kestner-Museum wurde das mit schönen Ausstellungen vorgeführt, „Food Design“ oder „Inseln der Winde“. Klar, das Haus ist kleiner, aber es hat ein hohes Potenzial auf allen Ebenen.

Ist eine attraktive Schau eine Frage des Platzes oder der Entschiedenheit?

Ganz klar der Entschiedenheit. Man kann eine spannende Ausstellung auf drei Quadratmetern machen - und eine langweilige auf 2000 Quadratmetern.

Politiker achten ja eher als auf die Qualität einer Ausstellung auf die Zahl ihrer Besucher.

Tja, die wollen am liebsten massenwirksame Blockbuster-Ausstellungen, aber die sind auch extrem teuer. Und besonders die kommunalen Häuser stehen unter extremem finanziellem Druck, denn die Aufgaben der Museen zählen zu den sogenannten „freiwilligen Leistungen“.

Ist es falsch, nach Synergien zu suchen?

Synergie ist für mich schon fast zum Schimpfwort geworden. Eigentlich bedeutet dieses Wort ja, Ressourcen zum gegenseitigen Vorteil gemeinsam zu nutzen, nicht aber zu kürzen. Wenn man Synergien gewinnt, heißt es seitens der Geldgeber oft: Klasse, das streichen wir. Im Effekt wird man so zugleich effizienter und ärmer.

Aber der Kostendruck zwingt doch zum Handeln ...

Auch uns. Steigende Kosten bei stagnierenden Etats führen in eine fatale Abwärtsspirale. Wenn die Museen durch Kürzungen so unattraktiv werden, dass sie kein Publikum mehr anziehen, werden ihre Kosten umso schmerzlicher. Denn einsparen kann man kaum ganze Häuser, weil mit den Sammlungsbeständen meist die Pflicht einhergeht, sie zu pflegen und zu zeigen.

Welche Rolle hat die Museumsforschung?

Forschung ist für jedes Museum wichtig. Weil sich der Kenntnisstand ständig ändert, müssen auch die Darstellung der Sammlung und der Forschungsstand ständig aktualisiert werden. Was vor zehn Jahren als bedeutsam empfunden wurde, ist etwas anderes als in zehn Jahren. Ein guter Kurator spielt eine Schlüsselrolle zwischen Forschung, Publikum, dem Objekt und dessen Geschichte. Wenn er die nicht mehr spielen kann, wird die Sammlung zur toten Materie, werden die Exponate reine Staffage.

Wie haben sich die Bedingungen für Forschung entwickelt?

Ganz viele Museen sind extrem im Stich gelassen worden, besonders die kommunalen. Selbst wenn die Grundfinanzierung nominell gleich bleibt, wird sie durch die Kostenentwicklung immer unzureichender.

Sie haben lange als Ägyptologin in Baltimore im US-Bundesstaat Maryland gearbeitet. Wie sind da die Bedingungen?

Da gibt es weniger Geld vom Staat, aber genau deshalb auch mehr privates Engagement. US-Bürger zahlen weniger Steuern, dafür gehört für sie das Spenden zum guten Ton. Hier hält man 100 Euro für eine große Spende, in den USA wären das eher 10.000 Dollar. Forschung wird da oft über Stiftungszinsen finanziert. Das wirkt nachhaltiger als hier, wo Sponsoren oft nur gezielt für eine Ausstellung oder ein Projekt mobil werden.

Welchen Wert haben Kooperationen zwischen Museen?

Kooperationen können Rettungsanker sein. Wir profitieren von unserer Kooperation mit Baltimore - wie es sie bei der Ausstellung „Der Archimedes-Code“ gab. Im September geht es mit „Die Entstehung der Welt“ über Ägyptens Schöpfungsmythos weiter, einer Ausstellung, die in Europa nur in Hildesheim und in Wien gezeigt wird. Wir arbeiten aber auch regelmäßig mit den Antike- und Ägyptologie-Experten des Kestner- Museums zusammen. Das bietet beiden Häusern die Chance, über Ausstellungen Profil zu zeigen.

Kann auch eine Fusion hilfreich sein, wie sie in Hannover zwischen Kestner- und Historischem Museum geplant ist?

Fusionen machen Museen träger. Große Institutionen wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz brauchen viel mehr Vorlauf für ihre Projekte; wir können auch in wenigen Monaten etwas auf die Beine stellen. Ich gehe mal davon aus, dass man sich das in Hannover gut überlegt hat. Aber wenn es dabei nur ums Sparen gehen soll, könnte das fatale Folgen haben.

Wäre eine Konzentration der Altertumsbestände in der Metropolregion sinnvoll - etwa indem das Roemer-Pelizaeus-Museum diese Sammlungsanteile des Kestner-Museums übernimmt?

Tja, ist es sinnvoll, damit reine Spartenhäuser zu bilden? Die Ägyptologie ist in Hannover stark, weil sie in enger Verbindung zur Antike steht. Ich hätte nichts dagegen, die zu uns zu holen. Aber natürlich hätten wir dann gern auch die Etats und Personalstellen dazu. Und damit wird es wohl kompliziert. Überdies bleibt noch die Frage, was aus den Kunstgewerbesammlungen wird. Bei angewandter Kunst und Design haben wir hier vieles, das wir nicht ausstellen können. Aber es kann nicht darum gehen, dass die einen was loswerden und die anderen dann schauen müssen, wie sie damit fertigwerden, woher die Räume und die Etats kommen. Sinn macht so etwas nur, wenn es Teil eines gut durchdachten Masterplans ist und kein Schnellschuss, mit dem man schnelle Einsparungen erreichen möchte.

Ein solcher Tausch könnte Profile schärfen.

Wenn man das will, muss man erklären, was denn das Profil sein soll. Antike und Ägyptologie? Das Design? Oder ist das Profil eben das Kestner-Museum mit seiner ganzen Geschichte der Bürgersammlungen aus zwei Jahrhunderten? Aber auch für solche Überlegungen muss man nicht fusionieren, da reicht eine intelligente Kooperation. Überdies lässt sich fragen, ob es für Hannover gleichgültig wäre, wenn es da keine Ägypten- und Antikensammlung mehr gäbe.

Zur Person

Regine Schulz, habilitierte Ägyptologin und Kunsthistorikerin, leitet seit 2011 das Roemer-Pelizaeus-Museum in Hildesheim. Zuvor war die gebürtige Berlinerin zehn Jahre Kuratorin der Antikensammlung und Direktorin für Internationale Beziehungen am Walters Art Museum in Baltimore und lehrte Ägyptologie an der Johns-Hopkins-Universität im US-Bundesstaats Maryland. Sie ist gewähltes Mitglied der Geschäftsleitung des Internationalen Museumsrates I CO M.

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