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Kultur Herta Müllers Roman „Atemschaukel“
Mehr Welt Kultur Herta Müllers Roman „Atemschaukel“
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20:01 24.08.2009
Am Stacheldraht: Lagergeschichten liefern das 20. und 21. Jahrhundert zuhauf.
Am Stacheldraht: Lagergeschichten liefern das 20. und 21. Jahrhundert zuhauf. Quelle: Sven Warnecke
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Dennoch ist Müllers „Atemschaukel“ in jeder Hinsicht ein ungewöhnliches Buch. Zum einen erzählt die 1953 in Nitzkydorf im rumänischen Banat geborene und 1987 nach West-Berlin emigrierte Autorin von einem kaum bekannten Kapitel der furchtbaren Wirren des 20. Jahrhunderts: Im Sommer 1944, so berichtet Müller in einem knappen Nachwort, besetzte die Rote Armee Teile des mit Nazi-Deutschland verbündeten Rumäniens, stürzte den faschistischen Diktator und etablierte eine kommunistische Herrschaft. Als Konsequenz wurden im Januar 1945 alle in Rumänien lebenden Deutschen im Alter von 17 bis 45 Jahren in Arbeitslager auf dem Gebiet der Sowjetunion deportiert, um dort Wiederaufbauarbeit zu leisten.

Wir müssen uns diese Lager als eine leicht abgemilderte Variante des berüchtigten Gulag-Systems vorstellen: Die Inhaftierten hausten in Baracken und hatten in Fabriken, der Landwirtschaft oder auf dem Bau unter harten Bedingungen Zwangsarbeit zu leisten. Sie litten unter extremem Hunger, unhygienischen Verhältnissen, Gewaltakten, hatten aber auch Ausgang und „Freizeit“ – und wurden irgendwann wieder entlassen, um in ihre Heimat zurückzukehren. Dort war ihr Schicksal ein Tabu – ein Grund dafür, dass dieses Kapitel der europäischen Kriegs- und Nachkriegsgeschichte lange im Dunkeln blieb.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen, dem siebenbürgisch-deutschen Lyriker Oskar Pastior, recherchierte Herta Müller und führte Interviews mit Zeitzeugen. Das Projekt, ein gemeinsames Buch daraus zu machen, war mit Pastiors plötzlichem Tod am 4. Oktober 2006 – wenige Wochen vor der Verleihung des Büchner-Preises – hinfällig geworden. Jetzt hat Herta Müller die Arbeit allein verrichtet.

In der Figur des 17-jährigen Icherzählers Leopold Auberg, der im Januar 1945 „zu den Russen muss“, verdichtet sie die Erzählungen, die aus ihrer Recherchearbeit hervorgegangen sind. Und sie tut es auf eine Weise, die man aus ihren mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Romanen – „Der Fuchs war damals schon der Jäger“ (1992), „Herztier“ (1994) oder „Heute wäre ich mir lieber nicht begegnet“ (1997) – kennt: Ein dokumentarischer Bericht liegt ihr fern. Auch die zeitgeschichtlichen Zusammenhänge werden lediglich angerissen. Leo wird für fünf lange Jahre zum exemplarischen Opfer staatlichen Terrors, sein Schicksal steht für das aller Lagerhäftlinge. Aus seiner Sicht schildert Müller nicht nur die konkreten Gräuel des Lageralltags, den Dreck, die harte körperliche Arbeit, die Enge des Zusammenlebens in den Baracken, den permanenten quälenden Hunger, „der immer größer ist als man selbst“. Vor allem geht es ihr um die Auswirkungen dieser Entwürdigungen auf die Psyche des Betroffenen, die Versuche, die Kraft zum Überleben zu erhalten: „Nie mehr war ich so entschieden gegen den Tod wie in diesen fünf Lagerjahren. Gegen den Tod braucht man kein eigenes Leben, nur eines, das noch nicht ganz zu Ende ist.“

Müller schildert das, was die Lagerhaft aus einem Menschen macht (und zwar weit über den Tag der Befreiung hinaus), in dem für sie typischen Stil: einerseits in kurzen, stark rhythmisierten Sätzen, andererseits in einer poetischen Überhöhung, in der die Phänomene des Erlebten stilisiert und personalisiert werden – von der „Baustellenschwermut“ über die „Herzschaufel“, mit der man Kohle schippt und zu der man eine geradezu intime Beziehung entwickelt, bis zum „Hungerengel“: „Er lässt meinen Atem schaukeln. Die Atemschaukel ist ein Delirium“. Das führt zu einer Art Verfremdungseffekt und mag für den Versuch Leos stehen, eine Strategie der Beherrschung seiner Leiden zu entwickeln und mit den Mitteln der Sprache seine Identität zu wahren, denn all die „Fluchtwörter“, die „Hungerwörter oder Esswörter füttern die Phantasie“.

Es hat jedoch den gravierenden Nachteil einer Ästhetisierung des Schreckens. So kraftvoll und irritierend die Bilder sind, die Herta Müllers Assoziationskraft für die „Hautundknochenzeit“ des Lagerelends findet: Die lyrische Metaphorik schafft doch eine kühle Distanz zum Geschehen, sie ist zu sehr „Kunst“, um dem banalen Horror der Lagerhaft gerecht zu werden. An die erschütternde Wucht all der „authentischen“ Berichte, wie etwa Gustaw Herlings Gulag-Erinnerung „Welt ohne Erbarmen“, aber auch einer Romanadaption wie zuletzt Martin Amis’ „Haus der Begegnungen“, kann die „Atemschaukel“ nicht heranreichen.





Herta Müller: 
„Atemschaukel“. 
Hanser.
300 Seiten, 
19,90 Euro.

von Thomas Schaefer