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Kultur Herta Müller nimmt Literaturnobelpreis entgegen
Mehr Welt Kultur Herta Müller nimmt Literaturnobelpreis entgegen
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22:27 10.12.2009
Herta Müller Quelle: afp
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Mehr Understatement geht nicht. Ganz schlicht einen „Job“ hat die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller erledigt, als sie in Stockholm den Literaturnobelpreis entgegennahm. Es sei für sie das „Allerwichtigste“, dass sie ihr normales Leben weiterführen könne. Auch „das mit dem Nobelpreis“ müsse für sie „etwas Gewöhnliches sein“, sagte sie und betonte, ihr sei es am wichtigsten, dass ein Thema diesen Preis bekommen habe, und das Thema sei „die Diktatur und die systematische und planmäßige Zerstörung von Menschen darin“.

Am Donnerstag erhielt die 56-Jährige die mit rund 950 000 Euro dotierte Auszeichnung aus den Händen des schwedischen Königs Carl XVI. Gustaf, und man sah am Lächeln der sonst so zurückhaltenden, ja fast streng wirkenden Autorin, wie gerührt sie über dieses „normale“ Ereignis war, das ihr Leben schon verändert hat.

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Was ihr sonst durch den Kopf ging, war nicht zu erfahren. Beim Stockholmer Festakt ergriff Müller entsprechend den Traditionen der Nobelpreisverleihungen nicht das Wort. Jurysprecher Anders Olsson hob bei der Zeremonie im Stockholmer Konzerthaus die Konsequenz hervor, mit der sich die seit 1987 in Berlin lebende Autorin gegen die Unterdrückung in der kommunistischen Diktatur ihres Geburtslandes Rumänien gewehrt hat: „Sie haben großen Mut gehabt und provinzieller Unterdrückung und politischem Terror kompromisslos Widerstand geleistet.“

Müller bekomme den Nobelpreis „für den künstlerischen Gehalt dieses Widerstands“, sagte der Vertreter der Schwedischen Akademie. „In Ihrer Prosa findet sich eine sprachliche Energie, die uns von Beginn an mit einbezieht. Es steht etwas auf dem Spiel, bei dem es um Leben und Tod geht.“ Olsson betonte, dass Müllers Kampf gegen die Diktaturen der Welt ein Kampf sei, „der weitergeht und weitergehen muss, eine Form des unwiderruflichen Gegen-Exils“. Mit Müller erhält zum dritten Mal in den vergangenen zehn Jahren ein deutschsprachiger Autor den Literaturnobelpreis. 2004 bekam ihn die Wienerin Elfriede Jelinek, fünf Jahre zuvor der bei Lübeck lebende Günter Grass.

In ihrer Nobelpreisvorlesung Anfang der Woche hatte die Preisträgerin berichtet, wie sie Anwerbungsversuchen des rumänischen Geheimdienstes Securitate widerstanden hatte und danach erbarmungslos isoliert worden war. Es passt zu Müller, die sich gegen jede Art von Überhöhung, von Personenkult wehrt, dass sie ins Zentrum dieser Dankesrede für den bedeutendsten Literaturpreis der Welt ein Taschentuch stellte. Die „normalen“, ja die kleinen, unscheinbaren Gesten und Dinge sind zentral für ihr Leben (und das vieler Leidensgenossen) in der Diktatur gewesen: als letzte Halte- und Orientierungspunkte in einer verrückten Welt, als Verbündete, als Trost. Herta Müller erzählte in ihrer Rede, wie ihre Mutter sie jeden Morgen am Haustor in Nitzkydorf fragte, ob sie ein Taschentuch dabei habe. Behütet habe sie sich gefühlt, umsorgt, beschützt, wenigstens in diesem Moment. Auch im Leben ihres Schriftstellerfreundes Oskar Pastior, ohne dessen Berichte sie ihren Roman „Atemschaukel“ über die sowjetischen Arbeitslager aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nicht hätte schreiben können, habe ein Taschentuch einmal eine wichtige Rolle gespielt. Pastior klopfte, so berichtete Herta Müller, als halb verhungerter junger Mann an die Tür einer unbekannten Russin. Sie gab ihm nicht nur Suppe, sondern, als es von seiner Nase in den Teller tropfte, auch ein Taschentuch. Pastior bewahrte es in Erinnerung an diese menschliche Geste bis an sein Lebensende auf.

In „Atemschaukel“ verarbeitet Müller die Erfahrungen ihres 2006 gestorbenen Landsmannes Pastior als hungernder Deportierter im Gulag der Stalin-Ära. Diesen Roman hob der Sprecher der Nobelpreisjury, Anders Olsson, gestern in Stockholm besonders hervor: Er sei geprägt von „unendlicher Einfühlung und dem unsentimentalen Blick“ der Preisträgerin, sagte er. Herta Müller habe „uns Wörter gegeben, die uns unmittelbar und tief ergreifen“.

Ob es der so Geehrten tatsächlich gelingen wird, ein „ganz normaler Mensch“ zu bleiben? Ihre Bücher jedenfalls werden seit der Bekanntgabe des Literaturnobelpreises 2009 nicht mehr nur in Fachkreisen geschätzt, sondern auch von einem breiten Publikum gelesen. 40 000-mal war die „Atemschaukel“ vor der Bekanntgabe des Nobelpreises verkauft worden. Danach gingen 350 000 Exemplare über den Ladentisch.

Ein neues Werk wird von Herta Müller so schnell nicht zu erwarten sein. Nach jedem Buch hat sie nach eigenen Worten bisher mindestens zwei Jahre Pause gemacht. Es gebe eine Zeit, in der sie „leer“ sei, keine Substanz mehr habe und sage: „Jetzt möchte ich leben.“ Dann komme der Drang zum Schreiben wieder oder auch nicht.
Der Trubel um ihren Nobelpreis soll in späteren Büchern keine Rolle spielen. Darauf hat sich Herta Müller jetzt schon festgelegt. Fast ebenso sicher kann man sein, dass die existenziellen Bedrohungen unter dem kommunistischen Regime Ceaucescus sie weiter beschäftigen werden. Sie könne nicht loskommen von der gesteuerten Verwahrlosung der Menschen in der Diktatur, hat sie gesagt: „Sonst müsste ich gar nicht schreiben.“

Von Jutta Rinas