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22:32 10.10.2014
Wie klingt ein Ritt durchs Wasser? Howard Shore hat in seiner Filmmusik zu „Die Gefährten“ eine überzeugende Antwort gefunden. Quelle: Verleih
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Hannover

Wenn die Waffen sprechen, verstummt die Musik. Man hört die unheilvoll dumpfen Schläge von Streitäxten und die hässlichen Schmatzlaute, mit denen Pfeile in weiches Fleisch eindringen. Ungeschönt dringt der Lärm der Schlacht durch das hannoversche Funkhaus. Wie sollte man ein solches Gemetzel auch in Musik verwandeln? Komponist Howard Shore hat die brutale Kampfszene in Peter Jacksons „Herr der Ringe“-Verfilmung unvertont gelassen. Das Grauen spricht für sich selbst. Und es gewährt den Musikern der NDR Radiophilharmonie und den Sängern des Mädchen- und des Knabenchors Hannover einen Moment Zeit, um auf die Leinwand hinter sich zu blicken.

Viele solcher Gelegenheiten gibt es nicht bei dieser Filmvorführung mit Livemusik, denn Shore hat ansonsten keine Chance ausgelassen, das Pathos des Films noch zu verstärken. Seine Partitur für „Die Gefährten“, dem fast dreistündigen ersten Teil der Trilogie, kommt zumindest dem Umfang nach einer Wagner-Oper recht nah. Auch die Kompositionsweise, mit der Personen, Orte und Symbole durch bestimmte Motive charakterisiert und in Beziehung gesetzt werden, erinnert an spätromantisches Musikdrama. Bei Shore kann man ahnen, warum Komponisten Anfang des 20. Jahrhunderts im Kino die Zukunft der Musik gesehen haben. Arnold Schönberg hat früh eine „Begleitmusik zu einer Lichtspielszene“ geschrieben, und viele seiner Kollegen wollten den Film als hoch emotionales Medium zur neuen Opernbühne machen.

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Es lohnt sich, die vielfach preisgekrönte Musik zum „Herrn der Ringe“ einmal stärker ins Bewusstsein der Zuschauer zu heben, als es im Kino oder auf DVD möglich wäre. Die Radiophilharmonie spielt sie zu einer Filmfassung, auf der nur noch Dialoge und Geräusche zu hören sind. Das hatte zuletzt bei „Matrix“ schon gut funktioniert. Zwar dürfte im ausverkauften Funkhaus die Aufmerksamkeit der meisten Zuhörer eher der Leinwand zugewandt sein, aber wenn sich ein Orchester in riesiger Besetzung, zwei Chöre und Solisten darunter versammeln, sind sie nicht zu übersehen.

Auch akustisch machen die Musiker nicht nur durch Lautstärke auf sich aufmerksam - manchmal werden die Dialoge übertönt, was wegen der ohnehin eingeblendeten Untertitel aber nicht stört. Vor allem zeigen Chöre und Orchester unter Leitung von David Reitz, wie viel Spielraum sie auch im engen Zeitkorsett einer Filmbegleitung haben. Die Geigen verleihen der dunklen Verlockung im chromatischen Motiv des finsteren Herrschers viel mehr Geheimnis und Süße, als es das London Symphony Orchestra bei seiner Einspielung der Filmmusik getan hat. Die Wucht, mit der die feindliche Armee aufmarschiert, wird durch das exotische Schlagzeugarsenal auf der Bühne verstärkt, und das nicht minder ungewöhnliche Hackbrett schildert das Idyll des Auenlandes hier noch pittoresker, als auf der Aufnahme zu hören ist.

Es ist, als hätten sich die Töne von den Bildern emanzipiert, die sie hervorgebracht haben. Sie sind nicht länger Hintergrundmusik, sie verstärken den Film als gleichberechtigter Partner. Die phantastische Welt von Mittelerde klingt so noch lange nach.

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