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Kultur Hernan Bas’ phantastische Ausstellung
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22:03 16.02.2012
Die Ausstelllung von „Hernan Bas. The other side“ zeigt romantisch zauberhafte Bilder. Quelle: HAZ
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Hannover

 In Hernan Bas’ Gemälde „The dead line“ aus dem Jahr 2011 fügen sich rauschende Wasser, wilde Felsenklüfte und ein verfallender Palast zu einer Traumkulisse, für die es in der Wirklichkeit keine Entsprechung gibt. Und über dem Abgrund schwebt ein junger Mann. Den Blick in die Tiefe gerichtet, balanciert die ephebische Gestalt mit schlafwandlerischer Sicherheit auf einem Seil.

Die Arbeit lasse sich biografisch lesen, gesteht der Künstler atemlos. Die Treppen zum hannoverschen Kunstverein ist er hochgespurtet, um pünktlich zu sein. Der Jetlag nach dem Langstreckenflug macht ihm zu schaffen. Zeitdruck, Terminprobleme, Deadlines bestimmen seinen Alltag. Die Sehnsucht, alle hochgespannten Erwartungen zu erfüllen und dabei die eigene Balance zu halten, gerade so wie der schöne Jüngling in seinem Gemälde, lässt sich nur schwer erfüllen. Das Risiko abzustürzen steht ihm vor Augen.

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Der 33-jährige Bas, geboren als Sohn kubanischer Immigranten in Miami, hat einen rasanten Aufstieg hinter sich. Knapp zehn Jahre währt seine Karriere, doch der Kunstmarkt hat ihn längst entdeckt. Seine Werke sind in zahlreichen Sammlungen vertreten, im März eröffnet seine zweite Soloschau in der renommierten Galerie Lehmann Maupin in New York. „The road ahead is golden ... silver ... bronze“, eine Arbeit, die auch in Hannover zu sehen ist, wurde auf der Messe Art Basel Miami Beach als bestes Gemälde ausgezeichnet. Gold, Silber, Bronze? Wertvoll wie eine Goldmedaille sei seine Ausstellung im Kunstverein Hannover, seufzt Bas. Es ist sein erster institutioneller Auftritt in Europa.

Rund 40 Werke aus den vergangenen fünf Jahren sind hier versammelt und spiegeln das Spektrum seiner Themen: die Neigung zum Mystischen und Spirituellen, die er nicht zuletzt auf den Aberglauben seiner südamerikanischen Vorfahren zurückführt, Motive aus Märchen, Oper, Literatur, ein Interesse am Fin de siècle und der Rolle des Dandys im ausgehenden 19. Jahrhundert. Das kleine Gemälde „Violets are gone“ (2009) beispielsweise zeigt den jungen Dichter Oscar Wilde, eine androgyne Gestalt im Profil. Wie Wildes berühmter Romanheld Dorian Gray scheinen auch Bas’ Figuren von ewiger Jugendlichkeit beseelt. In ihrer zeitlosen Schönheit ähneln sie frappierend den Porträts der amerikanischen Malerin Elizabeth Peyton.

Den jugendlichen Protagonisten wächst in Bas’ ausufernden Landschaftsbildern eine besondere Aufgabe zu. Sie sind die verlässlichen Größen in einer ansonsten unzuverlässigen, geheimnisvollen Umgebung. Als Identifikationsfiguren lenken sie den Blick des Betrachters auf die malerische Natur, deren konkrete Erscheinungsformen sich immer wieder vor unseren Augen in abstrakte Details auflösen. Horizontale Verwischungen wie von Gerhard Richter, Sprühnebel, die nur ein Airbrush zaubern kann, und ornamentale Siebdruckmuster verbinden sich zu phantastischen Topografien. Die delikate Komposition der Farben und die exotisch anmutenden Settings erinnern an die Malerei eines Peter Doig.

Mit Doig, der sich auf die Karibikinsel Trinidad zurückgezogen hat, teilt Hernan Bas auch die Abneigung gegen den Trubel der Kunstmetropolen. Das szenige Miami hat er vor zwei Jahren verlassen und ist ins nordamerikanische Detroit gezogen. Zum ersten Mal besitzt er ein eigenes Atelier. Seitdem wachsen die Formate ins Monumentale, und jetzt erst – aus der Distanz – mag er sich den Landschaften seiner Kindheit zuwenden.

Die Bilder der tropischen Dschungel und der Sumpfgebiete Floridas gehören zum Schönsten, was die Ausstellung im Kunstverein zu bieten hat. Auch hier sind die Figuren allesamt Einsame, wie der Junge in „A Boy in a Bog“ (2010). Doch die Isolation ist keine Bedrohung, die Einsamkeit scheint selbst gewählt. Als romantisches Ideal verspricht sie die größtmögliche Form von Freiheit.

„Hernan Bas. The other side“ bis 29. April im Kunstverein Hannover. Eröffnung heute um 20 Uhr. Kunstvereinsdirektor René Zechlin führt an diesem Sonntag, 19. Februar, um 17 Uhr ein Künstlergespräch mit Hernan Bas. Der Katalog kostet 24 Euro.  

Kristina Tieke

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