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Kultur Hermann Hesses 50. Todestag
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19:12 05.08.2012
Von Martina Sulner
ARCHIV - Undatierte Aufnahme des deutschen Schriftstellers Hermann Hesse bei der Lektüre in seinem Arbeitzimmer in Montagnola. Er ist bis heute ein Bestseller-Autor. Mit rund 125 Millionen verkauften Büchern ist Hermann Hesse einer der meistgelesenen deut Quelle: dpa
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Hannover

Da ist zum Beispiel Patti Smith. Hermann Hesse, sagte die amerikanische Sängerin, habe sie seit ihrer Jugend stark beeinflusst - „seine Kraft, Energie, Vitalität waren mir immer ein Vorbild“. Der renommierte ukrainische Autor Juri Andruchowytsch lobte: „Hesse ist der Lehrmeister des rettenden Eskapismus.“ Und Jo Baier, der vor Kurzem Hesses Erzählung „Die Heimkehr“ verfilmt hat, meinte kurz und bündig: „Hesse spricht mir aus der Seele.“

Der Schriftsteller hat geschafft, was nicht vielen seiner Kollegen gelungen ist: Er wird auch 50 Jahre nach seinem Tod am 9. August 1962 noch immer gelesen und geliebt - in aller Welt und von immer neuen Generationen. Von „Demian“, „Siddharta“, „Der Steppenwolf“, „Narziss und Goldmund“, „Das Glasperlenspiel“ und weiteren Werken gibt es Übersetzungen in Dutzende Sprachen. Die Gesamtauflage von Hesses Büchern liegt nach Angaben seines Verlags, Suhrkamp, bei weltweit rund 150 Millionen. Zwei Drittel davon wurden außerhalb des deutschsprachigen Raums verkauft.

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In den kommenden Wochen und Monaten dürfte die Auflage noch mal steigen, denn Suhrkamp hat ein umfangreiches Jubiläumsprogramm mit Neu- und Sonderausgaben zum 50. Todestag Hesses veröffentlicht. Zudem sind in diesem Frühjahr zwei neue Hesse-Biografien auf den Markt gekommen, und im Hörverlag ist eine 14-teilige Hörbuch-Kassette mit den bekanntesten Romanen des Autors erschienen.

Geboren wurde Hesse am 2. Juli 1877 im schwäbischen Calw. Seine Schulkarriere verlief nicht sonderlich erfolgreich: Der aufmüpfige Jugendliche flog von verschiedenen Schulen; er wurde zwischenzeitlich von seinen (wohl heillos überforderten) Eltern in eine Nervenheilanstalt gesteckt und brach später zwei Ausbildungen ab. Der junge Hesse rebellierte gegen Autoritäten und Duckmäuserei - und eines seiner bekanntesten Bücher, „Unterm Rad“, erzählt genau davon. Die Geschichte eines Pubertierenden, der von Lehrern drangsaliert wird und sich von allen Menschen unverstanden fühlt, ist einer der erfolgreichsten deutschen Adoleszenzromane des 20. Jahrhunderts.

Der Einzelne, der sich als Außenseiter empfindet und nach einem höheren Sinn sucht - das ist das große Thema, das sich durch Hesses gesamtes Werk zieht. Und wohl gerade diese Mischung schätzen die immer neuen, vor allem jungen Leser an dem Autor so. Hesse sei Idol und Identifikationsfigur vieler Generationen, sagt Suhrkamp-Lektor Winfried Hörning: „Jede Generation findet etwas in seinem Werk, was sie ermutigt und elektrisiert - sei es die Ermunterung zum Eigensinn, zum Engagement oder zur Selbstbehauptung. Und mehr noch: Seine Bücher haben die Kraft, den Leser durch die Lektüre zu verwandeln.“

Diese Erfahrung haben tatsächlich zahlreiche Leser gemacht: Wenn sie - gerade in einem Alter der Identitätssuche und Selbstvergewisserung - „Narziss und Goldmund“ oder „Der Steppenwolf“ lesen, fühlen sich viele von ihnen irgendwie aufgehoben. Da trifft man auf literarische Gestalten, denen es ähnlich ergeht wie einem selbst, man trifft auf Suchende, die auf gleicher Gefühlswelle schwimmen. Kein Wunder auch, dass Hesses Romane gerade in solchen Zeiten inbrünstig gelesen wurden und werden, in denen Menschen besonders angestrengt eine Gegenwelt zu bürgerlicher Enge und zum konsumorientierten Alltag suchten und suchen. In Deutschland hatte Hesse in den sechziger Jahren besonderen Erfolg, in den USA wurde er in den späten Sechzigern, frühen Siebzigern zum Idol vieler Leser. Eine amerikanische Band nannte sich „Steppenwolf“, nach Hesses Roman über den einsamen Harry Haller, der die Kleinbürger verachtet.

„Der Steppenwolf“ erschien 1927, da war Hesse schon längst ein erfolgreicher Autor. Nach ersten literarischen Versuchen hatten ihn seine Romane „Peter Camenzind“ (1904) und „Unterm Rad“ (1906) bekannt und durchaus wohlhabend gemacht. Von 1919 an lebte der Schriftsteller im Tessin, wo auch seine „indische Dichtung“, so der Untertitel, „Siddharta“ entstand. Zu Indien, Sehnsuchtsland vieler Deutscher zu Beginn des 20. Jahrhunderts, hatte Hesse eine besondere Beziehung: Dort waren seine Eltern als Missionare tätig gewesen und hatten ihm von dem Land vorgeschwärmt. 1911 war Hesse selber - wohl auf der Suche nach Erleuchtung - nach Ceylon und Indonesien gereist.

Solche Suche nach asiatischer Weisheit, nach Individualität und Spiritualität kam bei den Nationalsozialisten nicht gut an, und so waren fast alle Hesse-Bücher in Deutschland von den späten dreißiger Jahren an verboten. Umso mächtiger waren die Renaissance und die Wertschätzung nach Ende des Zweiten Weltkriegs: 1946 erhielt Hesse den Goethepreis der Stadt Frankfurt und den Literaturnobelpreis; 1955 folgte - nach weiteren Auszeichnungen - der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Die damalige Jury lobte, dass der Autor „aus tief erlebtem Wissen um die Einheit der Schöpfung (...) in seinem Leben und Werk mit bedingungsloser Aufrichtigkeit gegen sich selbst und gegenüber dem Sinn des Daseins immer neu die Harmonie der Welt zu erschließen ersucht“.

Solch ein Pathos wirkt heute befremdlich - wie auch Hesses manchmal hoher Ton durchaus nicht nur Freunde hat. Als kitschig wird seine Prosa und besonders seine umfangreiche Lyrik kritisiert, durchaus zu Recht.

„Alle Bücher dieser Welt/Bringen dir kein Glück,/Doch sie weisen dich geheim/In dich selbst zurück“, heißt es etwa in Hesses Gedicht „Bücher“. Solche Worte nobilitieren die Suche des modernen Menschen nach sich selbst, die Sehnsucht nach Identität und Unverwechselbarkeit in einer Welt voller Brüche und Beliebigkeit. Hesses Bücher bleiben wohl auf absehbare Zeit Verkaufsschlager.

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