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Kultur Hélène Grimaud begeistert im Großen NDR-Sendesaal
Mehr Welt Kultur Hélène Grimaud begeistert im Großen NDR-Sendesaal
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21:58 08.06.2015
Hélène Grimaud. Quelle: Foto: DG/Hennek
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Hannover

Luciano Berio, Toru Takemitsu, Gabriel Fauré, Isaac Albéniz, Franz Liszt, Leos Janácek und Claude Debussy. Wer all diese Komponisten in einer Reihe nennt, braucht nicht nur einen langen Atem - er braucht auch Fantasie.

Auf den ersten Blick passt kaum einer von ihnen zum anderen: nicht stilistisch, nicht was ihre Herkunft angeht, ihre Lebens- oder Sterbedaten. Sonntagabend standen diese acht trotzdem genau so im Programm - zusammen mit einem Lösungsmittel und notwendigen Katalysator. Das Lösungsmittel, Wasser, definierte den thematischen Bezugsrahmen. Der Katalysator, Hélène Grimaud, Art und Umfang der Reaktion.

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Die französische Pianistin holte im Großen Sendesaal der NDR Radiophilharmonie in Hannover ihr für den Herbst vergangenen Jahres geplantes Konzert nach, das sie krankheitsbedingt hatte verschieben müssen. Und kurz hatte es den Anschein, als stünde auch dieser Anlauf unter keinem guten Stern, ließ la Grimaud doch eine geschlagene Viertelstunde auf sich warten. Sie, die Rätselhafte. Sie, die stets eine gewisse Zerbrechlichkeit vor sich herträgt. Sie, eine der namhaftesten Pianistinnen unserer Zeit.

Als sie sitzt, ansetzt, sich an die ersten Töne von Berios „Wasserklavier“ herantastet, spielt nichts davon mehr eine Rolle. Dieser Berio ist der erste von insgesamt sechs konzentrischen Kreisen, die Grimaud um den Kern dieser Dramaturgie - Ravels „Jeux d’eau“ und „Almería“ aus Isaac Albéniz’ Zyklus „Iberia“ - legt. Ein Auftakt, der vieles von dem, was da kommen wird, andeutet, und doch nichts vorwegnimmt. Das Leise, In-sich-Gekehrte, das Sinnieren über einzelnen Tönen, kleinen Motiven: All das wird später von selbst wieder relevant, und Hélène Grimaud ist klug genug, diese Bezugspunkte nie überzubetonen. Es gelingt ihr viel subtiler, viel organischer, die Verbindungen und Gerüste hinter den teilweise erstaunlich ähnlichen, teilweise grundverschiedenen Klangwelten sichtbar zu machen. Akkorde werden unter ihren Händen transparent, die einzelnen Bestandteile stehen klar im Raum, ohne dass die Textur - der Akkord selbst - darüber zerfiele oder der übergreifende Zusammenhang als Horizont aus dem Blick geriete.

Dieser Wasser-Zyklus, das ist nach wenigen Stücken klar, ist in seiner Anlage ungemein stringent und ausgewogen. Trotz (oder gerade wegen) der vermeintlichen Unvereinbarkeit seiner einzelnen Teile. Vielleicht, weil es in allen diesen Wassermusiken in erster Linie Texturen sind, um die es geht: das Strudelnde, Schäumende in Faurés Barcarolle Nr. 5 in fis-Moll, das Helle, Schillernde bei Ravel, später unheimliche Untiefen und Abgründe, die bis zu Albéniz reichen, zu Liszts „Les jeux d’eau à la Villa d’Este“ und Janáceks „In the Mists“.

Die Virtuosität, mit der Grimaud mit diesen Kontrasten umgeht, sie behände umfängt, auffängt, ist beispiellos - und wunderschön. Als würde sie den Augenblick, in dem ein Fisch die Richtung wechselt, diesen eigentlich unerkennbaren Zwischenzustand, für einen Sekundenbruchteil festhalten: Jetzt hier, gleich da. Forte, piano, Dur, Moll. Und Hélène Grimaud ist dabei nicht zimperlich: So behutsam, wie sie vor allem die Enden gestaltet - von Phrasen, Stücken, der ganzen ersten Hälfte -, so unerschrocken packt sie immer wieder zu. Johannes Brahms’ zweite Klaviersonate Nr. 2 in fis-Moll gerät ihr nach der Pause forsch, fast ungestüm. Ihre linke Hand dominiert an vielen Stellen das Geschehen, und in diesen Bassgewittern geht manchmal auch ein wenig jene feine Präzision verloren, die den besonderen Reiz in den Wassermusiken ausmacht.

Nichtsdestotrotz ist das Publikum im nahezu ausverkauften Großen Sendesaal begeistert - auch wenn das erste Bravo hier nicht ganz so unmittelbar anschließt wie an die letzten Töne von Debussys „Cathédrale engloutie“. Mit Debussy dankt Grimaud auch in zwei Zugaben, mit der „Etude pour les arpèges composés“ und dem „Poisson d’Or“, dem Goldfisch.

Von Charlotte Schrimpff

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