Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Atemlos in Leipzig
Mehr Welt Kultur Atemlos in Leipzig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:01 09.10.2014
Helene Fischer, eine Frau, die einfach alles kann. Singen, tanzen, plaudern. Quelle: André Kempner/LVZ
Anzeige
Leipzig

Ein Vulkan speit auf dem Vorhang. Dann kommt sie aus dem Bühnenboden. Nein, sie steigt auf. Wie eine Göttin. Helene Fischer, blond, grazil, schwarze enge Trikothose, bunter Flitter obenrum, Haare lang ausgekämmt. Ihre Stimme füllt die Arena. Ein Treibsatz für ihre 8000 Fans in der ausverkauften Leipziger Arena. Sie springen auf. Sie klatschen. „Unser Tag“ hämmert rein. Helene macht ein paar Trippelschritte, einen leichten Hüftkick. Die Band stampft etwas laut. Das bekommt sie den ganzen Abend nicht wirklich weg. Nicht selten deckt sie die Stimme zu. Was ziemlich schade ist.

Denn Helene Fischer ist tatsächlich ein Phänomen. Eine Rarität in der Schlagerbranche. Eine Frau, die einfach alles kann. Singen, tanzen, plaudern. Sie reißt mit. Sie ruft Gefühle an. Sie lässt keinen kalt. Jedenfalls nicht in dieser ausverkauften Halle. Das Bühnenbild ist nicht so ausufernd-aufwendig wie bei der letzten Tour, aber es ist mit Kopf und Konzept gemacht. Ein kleiner Bummel durch Herbst, Winter, Frühling, Sommer, Vivaldis „Vier Jahreszeiten“, die immer wieder aufklingen, als Klammer. Ein Riesenbaum im Bühnen-Hintergrund, der mit Bildern und Lichtern, fallenden Blättern, Schnee, Eiszapfen, Grün und Farben bemalt wird. Einmal steigt Helene Fischer aus einer Lotosblüte. Einmal schwebt sie auf einem goldenen Vogel. Bisweilen läuft sie auf rollenden Bändern an einem Bühnenwald vorbei. Das sieht alles umwerfend aus. Das macht die Show von Helene Fischer zu einer Augenweide.

Anzeige

Erst einmal zieht sie Tempo durch. „Und morgen früh küss ich dich wach“, „Fehlerfrei“, „Mitten im Paradies“. Da glänzt bereits der Schweiß auf ihrem Gesicht. Helene Fischer, inzwischen in pinken Shorts,  steht ja auch nicht still. Sie ist in ständiger Bewegung, singt, marschiert, wirbelt mit zehn Tänzern über die Bühne und das Laufquadrat davor.

Das Licht schaltet auf rot, der Baum trägt Herbst. „In diesen Nächten“, eine Ballade, überall wippen bunte Stäbe. „Wunder dich nicht“ im Puszta-Sound – und ein rotes Ballonherz schwebt auf die Bühne. Diesen Wechsel von Tempo und Durchatmen gibt es immer wieder. Auch da wurde die Show klug zu einer Achterbahn der Gefühle gebaut. Natürlich ist viel von Liebe die Rede, von schmerzenden Gefühlen und dem Wahnsinn, gerade mit diesem einen leben zu wollen, sich verlieren und wiederfinden.

 

Immer wieder wechselt Helene Fischer ihre Anzüge im Rhythmus der Leidenschaften-Achterbahn. Über die Pinkshorts kommt ein Pinkröckchen, dann die ganz große Robe: dunkles, langes Glitzerkleid mit sexy Seitenschlitz und frostig-weißer Umhang. Beim Filmsong „Let it Go“ in Deutsch ist sie halt die Eiskönigin. „Vergeben, vergessen, vertrau’n“ - und zwei Tänzer umrahmen sie geradezu pantomimisch auf hohen Stelzen. Der Kracher „Feuerwerk“, dann ist nach 70 Minuten Pause. Eine lange, 35-minütige Pause, die mit einer Rock-Einlage endet.

 

Einem Hit-Medley aus – von John Farnhams „You’re the Voice“ über Bon Jovis „Livin’ on a prayer“ bis zu „Purple Rain“ – und da regnet es dann silberne Plättchen. „Mit keinem Anderen“, einer dieser typischen  Losgeher. „Der Augenblick“ - und Helene Fischer kommt aus einer Blüte. Klare Stimme, die Band, auch mit Streichern (weiblich) und Bläsern (männlich) hält sich zurück. Es folgt das, was zu Helene Fischer-Konzerten nun einmal dazu gehört: Geschenke. Es wird dicht vor der Bühne. Es gibt Dankeschöns, kurze Sätze, Fotos. Helene Fischer wird berührbar, spricht warm und herzlich. Das gehört sicher zu ihrem Erfolg: Sie sieht einfach hinreißend aus, entschwebt aber nicht. Irgendwie jemand, den man umarmen möchte, wenn man könnte. Sieht sich so an, als ob sie auch gar nichts dagegen hätte. Da ist sie so was wie das Mädchen von nebenan.

 

„Ein kleines Glück“ – und man möchte gleich jede Zeile unterstreichen. Dann erscheint sie in einem blauen Mini, das atemlos macht. Einmal gibt es Probleme mit der Musik, die sie mit einem Geburtstagsständchen übersingt. Die Panne hat Helene Fischer, die Perfektionistin, etwas nervös gemacht. Bei „Phänomen“ holpert es leicht. „Die Hölle morgen früh“ - und sofort kocht die Halle. Inzwischen ist es viertel nach elf. Jetzt kommt - natürlich - endlich „Atemlos“, Einleitung akustisch, dann nimmt Helene Fischer Tempo auf. Zum Mitsingen. Zum Mitklatschen. Zum Mittanzen. Außer Atem ist fast jeder.

Von Norbert Wehrstedt

Kultur Für Aussteigerroman „Kruso“ - Lutz Seiler erhält Deutschen Buchpreis
06.10.2014
Kultur Soloalbum von Tweedy - Eine Familienangelegenheit
Mathias Begalke 05.10.2014
Ronald Meyer-Arlt 05.10.2014