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Kultur Heißes Gebläse von Hazmat Modine
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20:46 03.06.2012
Von Volker Wiedersheim
Hazmat Modine machten am Wochenende dem Pavillon Beine. Quelle: HAZ
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Hannover

Da gibt es Bands, deren Musik jemandem wirklich schwer zu erklären ist, der sie nicht gehört hat. Und dann gibt es solche Truppen wie Hazmat Modine. Für die finden nicht einmal diejenigen eine gute Beschreibung, die sie eben gehört haben. Wie jetzt im Pavillon, als das New Yorker Septett 500 Zuschauer zusammen und ziemlich aus dem Häuschen gebracht hat. Ein paar Stichworte, um grob auf die Spur zu kommen: Blues, Bluegrass, Mundharmonika, Brass-Band-Sound à la New Orleans - so weit die Ingredienzen aus Nordamerikas Süden. Aber den strahlenden Glanz erhält die musikalische Legierung durch die Einschmelzung von Calypso-Klängen, Polka und Folklore von Rumänien über Armenien bis hin zu den mongolischen Steppen der Tuva - das sind die mit dem Obertongesang.

Verwegener Stilmix. Es braucht wohl einen im positivsten Sinne wahnwitzig genialen Musiker wie Wade Schuman, der als Emulgator und Stabilisator das alles zusammenhält, ohne dass die Stile in weltmusikalische Beliebigkeit ausflocken.

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Wades Bluesgesang, teils in tanzbarem Tempo, klingt mitunter tiefschwarz, er ist aber ein lockiges Bleichgesicht. Ein Künstlertyp, eigentlich ist er im Hauptberuf Dozent für Malerei einer New Yorker Kunstakademie, aber eben auch eine sendungsbewusste Rampensau mit der Bewegungsdynamik des frühen Joe Cocker. Und er hat eine Stimme, die zuweilen wie ein Nachrichtensprecher („Cicada“) , manchmal aber auch so klingt, als würde er auf einer auf ein Katze kauen („I’ve Been Lonely for so long“).

Dazu greift er zur Bluesharp, spielt auf der Dobro verchromte Gitarrenriffs oder Blue Notes auf einer lautenartigen Klampfe. Mitreißend, besonders bei „Mocking Bird“ oder „So Glad“, einem Ausflug ins Reich des Reggae. Dabei spielt Schuman seine Harmonika mit einem Klangeffekt, der jeden gespielten Ton um eine und zwei Oktaven nach unten transponiert und dazumischt - so dass der Sound wie eine Gospelorgel atmet. Überhaupt: Atem, heiße Luft. Das steckt schon im erklärbedürftigen Bandnamen. Hazmat steht für „Hazardous Material“, zu Deutsch „Gefahrgut“. Und Modine ist der Name eines US-Herstellers von Heizlüftern. Das ist durchaus programmatisch, denn in Schumans Septett sorgen außer Schlagzeuger Richard Huntley und den Gitarristen Pete Smith und Michael Gomez vor allem die Bläser für den frischen Wind bis ins tiefste Register: Statt eines Bassgitarristen tönt hier Joe Daley hier mit einem Sousafon im Klangkeller. Unerhört prägnant, präzise und groovy. Der Mann hat schon im Mahavishnu Orchestra und bei Taj Mahal im Untergrund gearbeitet.

Bei Hazmat Modine liefert er das Fundament für die überragende Trompeterin Pamela Fleming, deren Soli wie in „Cotonou Stomp“ süßlich schmeicheln wie Southern Comfort mit Schlagobers und Schokostreusel. Steve Elson spielt mannschaftsdienlich wie wenige andere Tenorsaxofonisten, und den zweiten Harmonikaspieler, Bill Barrett, fügt sich sensationell ins Klangspektrum der Bläsersektion.

Zusammen nimmt das Septett, das schon vor einem Jahr beim Masala-Festival des Pavillons für Begeisterung gesorgt hat, den Blue Notes jeglichen musealen Touch. Schuman und seine Heizlüfter werden zweimal für Zugaben aus der Garderobe herausgeklatscht. Das wärmt wirklich. So kann’s weitergehen mit dem Blues. Und das muss dann auch nicht mehr groß erklärt werden.

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