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Kultur Heiner Geißler klärt Hannoveraner auf
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07:48 26.10.2012
Scharfe Kritik am Kapitalismus, gut gelaunt vorgetragen: Heiner Geißler plädiert für die soziale Marktwirtschaft. Thomas Quelle: Thomas
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Hannover

Heiner Geißler pflegt ein lässiges, ironisches Selbstbewusstsein: „Dass Sie Interesse am Thema finden, spricht für Sie“, lobt er gleich zu Beginn sein Publikum, das auf Einladung von Buchhandlung Decius, Publik Forum und Katholischer Erwachsenenbildung in das hannoversche Tagungshaus St.Clemens gekommen war. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Übermorgen Kirche?“ stellte der ehemalige Minister und Generalsekretär der CDU sein neues Buch vor, das er - gegen die Bedenken der Verleger - keck mit dem lateinischen Motto „Sapere aude!“ (Ullstein. 160 Seiten, 16,99 Euro) betitelte. Das Motto „Wage zu denken“ von Horaz hatte dann Immanuel Kant in seine Definition der Aufklärung aufgenommen: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

Für Geißler hat diese Aufforderung zum Selberdenken nichts von ihrer Brisanz verloren. Ging es früher darum, den Legitimitätsanspruch absolutistischer Herrscher infrage zu stellen, so bedarf es nach Geißlers eindringlich vorgebrachter Forderung heute einer neuen Aufklärung, die den neuen Absolutismus, sei es nun jener der Ökonomie oder des religiösen Fundamentalismus des Islams und der katholischen Kirche, in den Blick nimmt.

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In seinem improvisierten Vortrag, der die Themen des Buches erläuterte, zeigte er sich einmal mehr als engagierter Feminist. Keine Gruppe, stellte er fest, werde so entrechtet wie die Frauen. Eine große Schuld hätten dabei die großen Weltreligionen, wobei der ehemalige Jesuitenschüler auch an diesem Ort die katholische Kirche streng ins Visier nahm. Die Benachteiligung der Frauen, etwa ihren Ausschluss vom Priesteramt, sieht er gleichsam als Erfindung der Theologen, im Evangelium sei davon nicht die Rede. Jesus, ein Freund der Frauen, hatte auch Jüngerinnen, die sich, anders als die Männer, auch nicht aus dem Staub machten, als es ernst wurde. Bis heute seien Frauen, was Bezahlung und Bildung betrifft, benachteiligt, in manchen islamischen Ländern auch Opfer legaler männlicher Brutalität.

Den größten Teil seiner Ansprache widmet er dem derzeitigen Wirtschaftssystem. Das, was im Bereich der Spekulation mit faulen Wertpapieren oder mit Nahrungsmitteln geschieht, nannte er ein Verbrechen. Letzteres koste schon Zehntausende von Kindern in den Armenvierteln der Welt das Leben.

Das führe zu tiefem Misstrauen gegenüber Wirtschaft und Politik, die offensichtlich wenig Einfluss auf die Finanzmärkte habe. 1979 habe auf seine Veranlassung das Institut für Demoskopie Allensbach die Frage „Wenn es der Wirtschaft gut geht, geht es dann uns auch gut?“ gestellt. 80 Prozent hatten sie damals bejaht, heute seien das 17 Prozent. Er warnt davor, dass Spekulanten in die Sozialversicherungssysteme greifen könnten.

Der Finanzmarkt müsse geregelt werden, die Börsengeschäfte besteuert, also eine Finanztransaktionssteuer erhoben werden. Dabei lobte Geißler Angela Merkel, weil sie das anstrebe, gegen den Widerstand der FDP, die ihm offensichtlich zuwider ist. Lob bekam seine Parteivorsitzende auch für die Energiewende. Sie sei die beste Entscheidung, die in der Bundesrepublik je getroffen worden sei.

Das Misstrauen gegen Großprojekte, wie er es als Schlichter im Streitfall „Stuttgart“ hautnah miterlebte, erstaunt ihn nicht. Ohne eine Ausweitung der direkten Bürgerbeteiligung wären solche Konflikte heute nicht mehr lösbar.

Wenn er auf die Lösung für die Probleme, die der entfesselte Kapitalismus geschaffen habe, zu sprechen kommt, präsentiert er sich als begeisterter Anhänger der sozialen Marktwirtschaft, wie sie Ludwig Erhard verstanden habe. Für ihn wäre sie auch das Modell für eine gerechte globale Wirtschaft.

Letztlich komme es auf das Menschenbild an. So einfach es klinge, wenn von der Würde des Menschen gesprochen werde, es habe eben doch große Konsequenzen, wenn man diesen Wert ernst nehmen würde.

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