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Kultur Murakami, mumifizierte Asketen und ein blutiges Gemälde
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07:00 22.01.2018
Anwärter auf den Literaturnobelpreis: Haruki Murakami. Quelle: Markus Tedeskino
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Berlin

„Eine Idee erscheint“ und „Eine Metapher wandelt sich“: Die beiden Untertitel für Haruki Murakamis neuen literarischen Zweiteiler verraten bereits, dass es sich hier um Künstlerromane handelt. Der japanische Dauernobelpreisanwärter lässt seinen Protagonisten hier den wahnwitzigen Versuch unternehmen, das Nichts auf die Leinwand zu bannen. Der mittelmäßige Künstler, der aber ein Talent für Porträts hat, erhält das verlockende Angebot eines reichen Geschäftsmannes und Nachbarn. Doch es will ihm nicht gelingen, die wahre Persönlichkeit des „Mannes ohne Gesicht“ festzuhalten.

Das liegt vielleicht an den vielen Geheimnissen seines Models oder an dessen Namen: „Menshiki“ besteht aus den Schriftzeichen für „Farbe“ und „vermeiden“ und klingt im Japanischen wie „farbenblind“. Gleichzeitig beschreibt Murakami das Gesicht wiederum bis ins Detail, etwa die „großen spitzen Ohren“, die den Icherzähler an „kräftige Waldpilze“ denken ließen, „die nach einem morgendlichen Herbstregen ihre Köpfe durch abgefallenes Laub steckten“. Dieses Nebeneinander von Unmöglichkeit und Perfektion kennzeichnet den schöpferischen Akt ziemlich gut, um den Murakamis Geschichte kreist.

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Das Cover. Quelle: Verlag

Am Montag erscheint Band eins von „Die Ermordung des Commendatore“. Dies ist der Titel eines Gemäldes, das der Erzähler auf dem Dachboden seines Domizils findet. Nachdem seine Frau ihn verlassen hat, lebt er einstweilen in der abgelegenen Villa des an Alzheimer erkrankten Vaters eines Studienkollegen. Der im Haus noch gespenstisch präsente Besitzer ist ein renommierter Maler, doch das blutrünstige Gemälde bislang unbekannt. Es erinnert den Erzähler an die Oper „Don Giovanni“: Er sieht in dem Commendatore, der auf dem Kunstwerk sein gewaltsames Ende findet, jenen Komtur, der von Mozarts Titelhelden erstochen wird, als dieser die Entführung seiner Tochter Donna Anna vereiteln will.

Zwischen europäischen Opern und dem gruseligen buddhistischen Ritual der Selbstmumifizierung breitet sich die ganze Spannbreite kultureller Bezüge aus, die das Werk Murakamis so reich und unverwechselbar machen. Die Mischung aus „Das Bildnis des Dorian Gray“ und „Blaubart“ speist sich neben dem Künstlerroman auch aus den Gattungen Spukmärchen und Liebesdrama.

Der Roman klaubt sich das Beste aus Murakamis Werk zusammen. Der magische Realismus des Erzählstils erinnert an den Klassiker „Kafka am Strand“ (2004), das Motiv des mysteriösen Auftraggebers an die Erzählung „Birthday Girl“ (2017), die alles beeinflussenden Paarbeziehungen an „Gefährliche Geliebte“ (1992).

Der 69-jährige Autor beweist einmal mehr, dass er mit seinem charmanten Potpourri aus asiatischen und europäischen Motiven und Schreibtraditionen auf besondere Weise ein Literat von Welt ist. Mit „Die Ermordung des Commendatore“ bewirbt er sich einmal mehr um den Literaturnobelpreis.

Die erste Auflage besticht zudem durch einen blauen Seitenschnitt – es geht schließlich um die Kunst.

Haruki Murakami: Die Ermordung des Commendatore Band 1: Eine Idee erscheint. Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe; Dumont, 480 Seiten, 26 Euro

Von Nina May/RND

Der Artikel "Murakami, mumifizierte Asketen und ein blutiges Gemälde" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

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