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Kultur Und wir sind nur die Kandidaten
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00:24 01.12.2014
Von Imre Grimm
Kaum einer ist wandlungsfähiger, Hape Kerkeling. Quelle: dpa
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Hannover

Es ist ein paar Jahre her, da sank Hans-Peter Kerkeling in den tiefen Ledersessel eines Düsseldorfer Luxushotels und bestellte Kaffee. Er sah müde aus. Es war nicht so richtig super gelaufen in letzter Zeit. Gerade erst war er vom kuscheligen WDR zu den Privaten gewechselt. Nicht zuletzt, weil der Sender ihm für eine Folge „Warmumsherz“ nur mickrige 20.000 Mark bezahlte, während RTL und SAT.1 das Geld
säckeweise herankarrten damals, im Fernseh-Holozän. Seine letzten drei Shows „Gisbert“ (WDR), „Zappenduster“ (ARD) und „Cheese“ (RTL) waren bittere Flops. Was jetzt kam, musste sitzen: „Darüber lacht die Welt“, diesmal bei SAT.1. Kerkeling durfte endlich wieder das tun, was er am besten konnte: in Maskerade Leute veräppeln – als  litauischer Fußballtrainer oder Kulturattaché aus Botswana. Hopp oder topp.
„Eigentlich wollte ich aufhören“, sagte Kerkeling damals. „Siegen tut man gemeinsam – verlieren allein.“ Um ein Haar also hätte die Welt Horst Schlämmer nie kennengelernt. Um ein Haar hätte der Jakobsweg den unverhofften Ansturm deutscher Sachbuchleser und Sinnsucher nie erlebt. Und möglicherweise wäre Hape Kerkeling heute in der Provinz als Beatrix-Double unterwegs, denn „Angebote von Autohäusern gab es reichlich“, nachdem er im Schloss Bellevue als Königin Beatrix verkleidet einen Staatsbesuch gesprengt hatte („Lecker Mittachessen!“).

Es wurde dann kein Flop. Sondern Kerkelings Comeback. Dieses Blitzen in den Augen kehrte zurück, die Chuzpe, wie bei einem Schuljungen, dem plötzlich eingefallen ist, wie sich aus einem angebrochenen Sonnabend, prallen Autoreifen, einer Schachtel Reißzwecken und einer Tube Klebstoff doch noch ein gelungener Tag machen lässt. Diese halb erschrockene Spitzbübigkeit, die Kerkeling immer ein bisschen wirken lässt, als fühle er sich bei irgendeiner Scharlatanerie ertappt. „Niemand kann so überzeugend harmlos und ungefährlich dreinschauen wie ich“, schreibt „Hape“ in seinem Buch „Der Junge muss an die frische Luft“.

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Die Verballhornung seines Geburtsnamens Hans-Peter war 1984 die Erfindung seines ersten Managers Manfred Schmidt („Man hätte mich damals auch Silvio La Palma oder Tino Teufel taufen können, ich hätte mit einem halben Liter klebrig süßem Prosecco beschwingt darauf angestoßen.“) Nun also wird er 50 Jahre alt. Das ZDF feiert ihn mit einer Nicht-Show: Statt einer pompösen Gala wie zu seinem 40. Geburtstag spielt die Comedy-Doku „Hape Kerkeling: Keine Geburtstagsshow!“ am Sonntag um 22 Uhr nun mit seiner Abneigung gegen großen Zinnober und erzählt stattdessen die fiktive Entstehungsgeschichte einer nie gesendeten Chaos-Gala; natürlich mit „Hannilein“, mit Beatrix, mit dem versoffenen Provinzcharmeur Horst Schlämmer – dessen verrotzt-schnarchige Lache Kerkeling seinem eigenen Vater
ablauschte –, mit dem „singenden“

Bildungsbürgerentblößer Miroslaw Lemm („Hurz!“) und mit seinen tapsigen Auftritten als „lusticher Glückshase“ im quasi-biografischen Kinoklassiker „Kein Pardon“ von 1993 mit all seiner nordrhein-westfälischen Biederkeit.

Comedygala zum 40. und ironische Brechung zum 50. – besser lässt sich die Wandlung des Hape Kerkeling gar nicht auf den Punkt bringen. Staunend nahm das Publikum zur Kenntnis, dass hinter dem sympathischen Leberwurst-und-Käffchen-Ruhrpottler Kerkeling und seinen schrillen Alter Egos ein zutiefst nachdenklicher Mensch steckt, der die Ungerechtigkeit und Grausamkeit des Lebens kennt und benennt.
Er habe eine Weile gebraucht, um sich auch mit den Brüchen und Schründen seines Lebens ins Licht zu wagen, sagt er. Und meint damit gar nicht mal das Outing durch Rosa von Praunheim 1991 auf dem
„Heißen Stuhl“ bei RTL. Sondern vor allem den Suizid seiner Mutter in einer grauenhaften Nacht im Sommer 1973, dessen Zeuge er wurde, acht Jahre alt. Oder die Trennung von seinem langjährigen (Kreativ-)Partner Angelo Colagrossi. Oder seine tiefe Abneigung gegen die „durchaus auch kaputte Branche“. Das alles klingt bei Kerkeling nie nach Beichte oder Biografieausbeutung, sondern nach pathosfreier Katharsis, die einem Millionenpublikum bei der inneren Verortung hilft. Er will nicht die Margot Käßmann der Comedy sein, aber man wird ja nicht Deutschlands erfolgreichster Sachbuchautor der Nachkriegszeit (mit sechs Millionen verkauften Exemplaren des Pilgerbuchs „Ich bin dann mal weg“), nur weil der putzige Typ aus dem Fernsehen irgendein Büchlein geschrieben hat. Sondern, weil er einen Nerv trifft. Sinnsuche. Wenn selbst der mopsfidele Kerkeling zu leiden hat, wenn selbst diese vermeintliche Spaßrakete Sehnsucht nach tieferen Wahrheiten hat (und sie findet), dann gehörten Leid und Unsicherheit wohl tatsächlich dazu.

Am Ende erzählt auch Kerkelings Leben die Geschichte vom melancholischen Clown, der die Ausgrenzungen und präzisen Weltbeobachtungen seiner Kindheit in humoristisches Kapital wandelte. Der Witz wohnt als Parasit auf dem Leid – und hat die großen Lebensfragen im Gepäck. Schon damals, im Düsseldorfer Hotel, sagte Kerkeling, er wolle „etwas transportieren, was über ,witzisch‘ hinausgeht. Eine ,Mission‘ wäre zu hoch gegriffen. Es ist eine Philosophie, eine Art Metaebene...“ Die Suche nach dieser Ebene war auch der Grund, warum er zweimal das Ungetüm „Wetten, dass ...?“ ablehnte – erst 1992 und dann 2013, als er, auf Thomas Gottschalks Sofa sitzend, der enttäuschten Nation mitteilte: „Ich möchte nicht.“ (Heute sagt er: „So etwas sagt man nicht vor laufender Kamera. Im Rückblick einfach nur peinlich.“)
Diese ganze „menschenverachtende, irritierende Sekundärwelt“ interessiert ihn nicht mehr. „Gelegentlich sind ganz süße Pudel auf dem Titel der ,Bunten‘ drauf. Und? Haben die Pudel etwas davon?“ Horst Schlämmers Herrenhandtasche verstaubt in der Requisite. Beatrix hat abgedankt. Kerkeling hat gefunden, was er suchte: die Bestätigung dafür nämlich, dass alle Menschen nur Kandidaten in einer großen Quizshow sind, deren Regeln sie nicht allein bestimmen.

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