Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Hans Christoph Buch spricht über Haiti
Mehr Welt Kultur Hans Christoph Buch spricht über Haiti
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:08 06.05.2012
Hans Christoph Buch spricht über Haiti nach dem starken Erdbeben am 12. Januar 2010. Quelle: Hagemann
Anzeige
Hannover

„Wann hörst du endlich auf, über Tahiti zu schreiben?“ Die Frage seines damaligen Verlegers Siegfried Unseld hat Hans Christoph Buch nur darin bestärkt, an seinem Lebensthema festzuhalten. Denn offensichtlich ist über Haiti viel zu wenig geschrieben worden, wenn selbst der bedeutendste deutsche Verleger diesen karibischen Staat mit einer Südseeinsel verwechselte.

Buch ist als Reporter wie als Romancier seinem Thema vor allem deshalb treu geblieben, weil Haiti in seiner eigenen Familiengeschichte eine große Rolle spielt, da sein Großvater als Apotheker in das Land gekommen war und eine Einheimische heiratete. Über seine dort heute lebenden Verwandten ist er dem Land, seinen Menschen und ihrer Kultur besonders nahegekommen. Das ist aus dem Text herauszuspüren, den er im Foyer des Schauspielhauses vortrug und der seinem Reportagebuch „Haiti. Nachruf auf einen gescheiterten Staat“ (Wagenbach, 192 Seiten, 12,90 Euro) entstammt.

Anzeige

Obwohl er seit vier Jahrzehnten das Land regelmäßig besucht, macht ihn aber vieles an der dortigen Situation ratlos, wie er im Gespräch mit der gut informierten Chefdramaturgin des Hauses, Judith Gerstenberg, bekannte. Dabei ist er ein genauer und unvoreingenommener Beobachter. Präzise schildert er die Verhältnisse in diesem am 12. Januar 2010 durch ein Erdbeben stark zerstörten Land. Ein vergleichbares Beben hatte in Kalifornien etwas über hundert Menschenleben gekostet, hier aber waren es etwa 250000 Menschenleben. Trotz Warnungen gab es keinerlei Vorbereitungen. Vorschläge aus der Bevölkerung, auf traditionelle Bau-weisen zurückzugreifen (die dem Beben besser standgehalten hätten), wurden ignoriert. Nun kommt auch der Wiederaufbau nicht in Gang in einem gescheiterten Staat, der seit Jahrzehnten unter Kuratel der Vereinten Nationen steht.

Die Bevölkerung sei, wie Buch betont, seit Langem entmündigt, lebt von der Entwicklungshilfe, die oft paradoxe Folgen zeitigt. Durch die Verteilung von Gütern würden lokale Märkte zerstört, zudem seien die UN-Behörden und Truppen korrupt - für eine Literflasche Cola kann man Sex mit Kindern kaufen. Der hohe Lebensstandard der Helfer stehe in schreiendem Gegensatz zu dem der Masse der Bevölkerung.

In dem Gespräch, mit dem die Reihe „Weltausstellung Prinzenstraße“ wiederaufgenommen wurde, erläuterte Buch das Phänomen Haiti und betonte trotz des für uns unvorstellbaren Ausmaßes von Armut, Korruption und Gewalt seine Faszination für das Land (die er beispielsweise mit dem Schriftstellerkollegen Graham Greene teilt). Ihn beeindrucken die Menschen, die sich selbst im Elend noch Würde und Selbstbewusstsein bewahrt hätten. Gleichwohl sieht er für den gescheiterten Staat Haiti keine Zukunft, für die Probleme keine Lösung. Er beschreibt eine Gesellschaft, in der Voodoo eine reale Macht ist und in der die Logik auf den Kopf gestellt werde. André Breton, der dort 1947 ein Rede hielt und mit ihr gleich an Ort und Stelle eine spontane Revolution auslöste, war von der Reaktion begeistert. Hier müsse man den Surrealismus nicht erklären, „hier herrscht der Surrealismus“ - eine Feststellung, die Buch mit vielen Beispielen untermauern konnte.

Ausdrücklich zollte Buch Kornél Mundruczós hannoverscher Inszenierung „Die Verlobung in Santo Domingo oder My sweet Haiti“ großes Lob. Das galt nicht für alle Details, wohl aber für die Atmosphäre. Es würde in Haiti selbst ohne Übersetzung verstanden werden.

Buchs genaue Beschreibung der in Haiti „gelebten Surrealität“ war von bitterer Ironie: „Leider ist das Blut, das dabei fließt, echt.“

Die Gesprächsreihe wird am 17. Juni um11 Uhr in der Cumberlandschen Galerie fortgesetzt. Das nächste Thema: „Rechtsruck in Ungarn - alle schauen zu“.

Karl-Ludwig Baader

06.05.2012
05.05.2012
Kultur „Das Hochzeitsvideo“ - Regisseur Sönke Wortmann im Interview
Stefan Stosch 07.05.2012