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Kultur Hannoversche Chemiker sind Gustav Klimt auf der Spur
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21:01 15.01.2013
„Der trompetende Putto“ galt jahrelang als verschollen. Erst im Sommer 2012 tauchte es wieder auf, jetzt sollen hannoversche Chemiker seine Echtheit klären. Quelle: Surrey
Hannover

Der rechte Zeigefinger weist auf die Wohnungstür schräg unter ihm. Die Linke hält das Horn wie zum Begrüßungssignal. Die drallen Schenkel sollten offenbar auch von ganz unten gut zu sehen sein, denn dieser Knabe hing ganz oben. So etwa muss der Eindruck gewesen sein, der sich einem Gast des Hauses Sandwirtgasse in Wien bot, wenn er in der Wendeltreppe nach oben blickte - auf den „Trompetenden Putto“, der dort mit einem Fingerzeig den Weg zur Wohnung im dritten Stockwerk wies, wo einst Gustav Klimts Künstler-Compagnie ihre ersten Räume innehatte.

Heute ist in dem Gebäude im 6. Wiener Bezirk nichts mehr von dem Deckenrundgemälde zu sehen, denn vor 25 Jahren wurde dort ein Lift eingebaut. Ein Vierteljahrhundert lang galt das Werk als verschollen. Erst im vergangenen Sommer tauchte es wieder auf. Um seine Urheberschaft tobt seither ein heftiger Streit, der jetzt in Hannover geklärt werden soll - im Institut für Anorganische Chemie der Leibniz Universität, die dafür über die modernsten Analysemethoden verfügt. Die Indizien, betont Chemieprofessor Franz Renz, deuten bislang auf Gustav Klimt als Schöpfer des Werkes hin - und nicht auf dessen zwei Jahre jüngeren bereits 1892 verstorbenen Bruder Ernst oder den befreundeten Maler und Mitbewohner Franz Matsch.

Vor allem sieht Renz Parallelen zwischen dem technischen Aufbau des aus den späten achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts stammenden Putto und Klimts berühmtem Beethoven-Fries in der Wiener Sezession von 1902. „Es gibt nichts Vergleichbares von Ernst Klimt“, sagt der Chemiker, der dem Werk mit naturwissenschaftlichen Analysemethoden zu Leibe rückt, „zerstörungsfrei“, wie er betont. Per Computertomografie hat er die nur bis zu drei Millimeter dicken Gemäldescwhichten auf der Leinwand untersucht, die auf Holzrahmen mit Metallverstärkung gespannt ist. „So können wir die verwendeten Substanzen feststellen, Farbpigmente, Kalzium, Proteine.“ Am Dienstag ist das Rundgemälde mit Röntgentechniken in mehreren Schichten durchleuchtet worden. Und geradezu spektakulär erscheint, dass es auch schon mit dem Mößbauer-Spektroskop analysiert worden ist und weiter untersucht werden soll, das auch in der Weltraumforschung verwendet wird - drei dieser Geräte sind derzeit auf dem Mars im Einsatz, der Prototyp steht in Hannover.

Der Chemiker Renz hat für die Analyse des Kunstwerks eine Scharnierfunktion. Er ist Mitglied der Mars-Mission der US-Raumfahrtbehörde Nasa, und sein Bruder ist der Entdecker des verschollenen Bildes - der Kunstrestaurator Josef Renz. Der hat sich in Österreich durch das Aufspüren verschollen geglaubter Kunstschätze - etwa der „Reblaus-Zither“ des österreichischen Kanzlers Julius Raab - einen Ruf als „Jäger der verlorenen Schätze“ erworben.

Doch droht im Falle der Analyse des Gemäldes, zu dessen Eigentümern inzwischen auch Josef Renz gehört, nicht eine Interessenkollision? Franz Renz legt Wert auf die Feststellung, dass er das Urteil von Kunsthistorikern weder ersetzen noch vorwegnehmen wolle. „Ich sammele lediglich chemische Befunde - aber die naturwissenschaftlichen Indizien sprechen dafür, dass es sich bei dem Putto um ein Werk Gustav Klimts handelt.“

Genau das hatte der Wiener Klimt-Experte Alfred Weidinger beim Auftauchen des „Trompetenden Putto“ im Juli 2012 - die ersten Berichte erschienen punktgenau zum 150. Geburtstag Gustav Klimts am 12. Juli - heftig bestritten. „Es ist reine Dekorationsmalerei und eine schlechte noch dazu“, hatte er erklärt, das Bild stamme „von Franz Matsch und Ernst Klimt“. Und es sei kein wichtiges Werk, „nicht einmal unter den Werken von Ernst Klimt“. Kein Wunder, dass der „Putto“ im neu erschienenen Werkverzeichnis für Gustav Klimt nicht verzeichnet ist - der Herausgeber ist Alfred Weidinger.

Von der Urheberschaft des Gemäldes hängt dessen Marktwert ab - und damit der Lohn der Mühen, denen sich Wissenschaftler und Kunstrestauratoren unterziehen. Gemälde von Gustav Klimt gehören weltweit zu den am höchsten bewerteten Kunstwerken. Der Bruder Ernst Klimt spielt dagegen auf dem Kunstmarkt ebenso wenig eine Rolle wie sein damaliger Künstlerfreund Franz Matsch, dessen bekanntestes Werk von 1914 stammt - die sogenannte Anker-Uhr in der Wiener Altstadt.

Josef Renz, der Entdecker des Gemäldes, betont, dass Weidinger ebenso wie andere Kunsthistoriker, die die Urheberschaft Gustav Klimts bestreiten, das Bild noch gar nicht im Original gesehen haben. „Die haben aufgrund von Fotografien geurteilt und dabei teils noch nicht einmal erkannt, dass das Werk übermalt worden war.“ Und das „ganz schiach“, wie er sagt, ziemlich schlecht und stümperhaft also. Dilettantischer Kunstfrevel an einem echten Klimt? „Im Zweiten Weltkrieg befand sich nur 150 Meter von dem Haus in der Sandwirtgasse entfernt eine Flak-Abschussstellung“, erläutert Josef Renz. „Wahrscheinlich haben die Erschütterungen von dort zu zahlreichen Spannungsrissen in dem Deckengemälde geführt - und die sind schlecht übermalt worden.“

Die Analysen seines Bruders am Institut für Anorganische Chemie machen es auch möglich, diese jüngeren von älteren Farbschichten zu unterscheiden. „So wird auch der Weg frei für einen unverhüllten Blick auf das Originalgemälde, das einmal Klimts gemalte Visitenkarte vor der ersten Stätte der Künstler-Compagnie war.“

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