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Kultur Hamburger Kunsthalle feiert den „Wegbereiter der Moderne“
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20:05 29.09.2011
Bitte ein Helles: Lichttupfer im Biergarten in Leiden aus dem Jahr 1900. Quelle: Hamburger Kunsthalle
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Der seinerzeit beliebte Hamburger Bürgermeister Carl Friedrich Petersen wird sich im Grab umdrehen. 1891 hat er sich von Max Liebermann (1847–1935) malen lassen. Es war der erste offizielle Porträtauftrag des Malers. Man sandte dem Künstler eine Fotografie des Bürgermeisters in Amtsrobe. Der Maler war entzückt von dem „Costüm“ – und konterfeite den Bürgermeister prompt in der damaligen Senatorentracht: mit Schnallenschuhen, Degen und Mühlsteinkrause.

Aber nicht die komisch anzusehende Tracht verbitterte den Würdenträger, sondern die Altersspuren im Gesicht. Der Porträtierte ließ sich auf dem Sterbebett das Versprechen abnehmen, das Bildnis niemals in der Kunsthalle auszustellen. Jetzt hängt es dort, als eines von mehr als hundert Gemälden des größten deutschen Impressionisten.

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Die sehenswerte Ausstellung lief zuvor erfolgreich in der Bundeskunsthalle in Bonn. 200 000 Besucher sahen sie. Darunter waren eine Reihe aktiver Maler. „Liebermann zu studieren“, sagte der Kurator Robert Fleck gestern, „kann für heutige Künstler sehr interessant sein.“ Fleck verwies auf das seit 30 Jahren zum ersten Mal wieder zu sehende große Gruppenbild „Hamburgisches Professorenkonvent“ (1905) und die Vorstudien dazu. Manche Skizze könne man für ein Werk von Immendorff, Lüpertz oder Baselitz halten. In der Hamburger Ausstellung, die in Teilen von der Bonner Ver­sion abweicht, nehmen die Liebermann-Werke 14 Räume ein. Der Großteil ist ­Eigenbestand des Hauses.

Die Hamburger Kunsthalle ist das Museum mit der größten Liebermann-Sammlung. Auch in der Niedersächsischen Landesgalerie ist Liebermann ein Schwerpunkt. Hannover entsandte beispielsweise das „Bildnis Paul von Hindenburg“. Liebermann hatte es 1927 im Auftrag der Stadt Hannover geschaffen.

In den zwanziger Jahren war Liebermann längst ein gefragter Porträtist. Es war Mode, sich von ihm malen zu lassen. Besonders reizend ist eines seiner seltenen Damenporträts: 1924 malte er die selbstbewusste russische Intellektuelle Genia Levine im Twenties-Look.

Porträts nehmen nur einen Teil der umfassenden Schau ein, die mit Leihgaben von den Uffizien in Florenz über die Tate London bis zum Metropolitan Museum in New York aufwarten kann. Es gibt Räume mit den berühmten Darstellungen einfacher Arbeiter, die wie Illustrationen zu Hauptmann-Dramen anmuten. Ein Kabinett ist den zauberhaften Waisenmädchen aus Amsterdam gewidmet.

Dominieren in der Frühzeit sozialkritische Themen, so wird es nach und nach vergnüglicher. Mit der eigenen gesellschaftlichen Konsolidierung als Künstler, der sich gegen zum Teil hämische Kritik durchzusetzen hatte, wandeln sich die Themen. Man sieht Biergärten mit sommerlichen Lichttupfern, Bürger in der Sommerfrische am Meer und schließlich die Gartenbilder aus dem Liebermann-Anwesen in Berlin-Wannsee. Doch am Ende verdunkelt sich die Szenerie. Liebermann hat als Greis noch mitbekommen, wie Juden aus der Gesellschaft ausgegrenzt wurden. In vielen Museen wurden seine Bilder abgehängt.

Etwas verwundern kann der Ausstellungstitel „Wegbereiter der Moderne“. Nach landläufiger Auffassung hinkte Deutschland in der modernen Kunst Paris zehn bis 15 Jahre hinterher. Die Ausstellungsmacher halten dagegen, dass die von Liebermann in Deutschland mitbeförderte Durchsetzung des modernen Malstils entscheidend dafür gewesen sei, dass sich moderne Künstler nachhaltig etablieren konnten. „Ohne diesen Einsatz wäre womöglich das Museum of Modern Art in New York nicht entstanden“, meint Robert Fleck.

Hamburger Kunsthalle, bis 19. Februar, Katalog 29,95 Euro.