Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Nach Osten!
Mehr Welt Kultur Nach Osten!
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:47 19.05.2014
Von Stefan Stosch
Foto: Weg aus dem Westen: Tommy Lee Jones (rechts) in „The Homesman“.
Weg aus dem Westen: Tommy Lee Jones (rechts) in „The Homesman“.  Quelle: dpa
Anzeige
Cannes

Was ist ein Western? Ein Film, in dem große Hüte und Pferde vorkommen, hat Tommy Lee Jones in Cannes gesagt. Der knorrige Texaner mag die einfachen Geschichten. Und doch fügt Jones, der Regisseur, dem Genre gern neue Facetten hinzu. Das war schon so in seinem an der mexikanisch-texanischen Grenze angesiedelten Debüt „Three Burials – Die drei Begräbnisse des Melquiades Estrada“ (2005), und das gilt auch für seinen, tja, feministischen Western „The Homesman“.

Jones spielt den Deserteur George Briggs, der sich mit der Schlinge um den Hals genötigt sieht, der wackeren Siedlerin Mary Bee Cuddy (Hilary Swank) seine Hilfe zu versprechen. Sie will sich auf eine gefährliche Reise begeben – nicht nach Westen, sondern gen Osten, zurück in die Zivilisation: Drei Frauen hat das harte Frontier-Leben in den Wahnsinn getrieben.

Trotz seines schwarzen Humors wird schnell klar: Jones meint es ernst. Kindstod, Krankheit, Vergewaltigung – der Westen hat seine Verheißung verloren. Viele sind hier angeknackst, auch das seltsame Duo, das mit seiner Gefängnis-Kutsche durch die staubige Prärie in den Sonnenaufgang rumpelt.

Wer sagt, der Western sei tot, irrt: In Cannes lief auch „The Salvation“ – ein Western aus dänischer Produktion! Regisseur Kristian Levring aktualisert Fred Zinnemanns Klassiker „Zwölf Uhr mittags“ (1952) – brutaler, blutiger, zynischer. Und auch Quentin Tarantino hat sich angekündigt, der von Sergio Leones frisch restauriertem Western „Für eine Handvoll Dollar“ schwärmen will.

Tommy Lee Jones darf man wohl in den Kreis der Palmen-Kandidaten einbeziehen – ebenso wie Nuri Bilge Ceylan und sein Drama „Winter Sleep“. In 196 Kinominuten erkundet der Türke die beleidigte männliche Seele: Der ehemalige Istanbuler Theaterstar Aydin (Haluk Bilginer) betreibt mit junger Frau und Schwester ein Hotel in Kappadokien. Er regiert wie ein Patriarch in schlumpfiger Tuffstein-Welt. Seine Position beginnt zu wanken, als ein Kind einen Stein gegen seine Autoscheibe schleudert.
In sorgfältig komponierten Streitgesprächen werden die Themen Moral, Verantwortung und das schlechte Gewissen der Reichen gegenüber der armen Landbevölkerung verhandelt. Tschechowsche Dekadenz schwingt mit, die selbst verschuldete Einsamkeit der Figuren erinnert an Ingmar Bergman. Ob dieser Erkundung männlichen Herrschaftsgebarens die Palme gebührt? Nuri Bilge Ceylan wurde in Cannes schon für seinen Krimi „Once upon a Time in Anatolia“ (2011) gefeiert.

Ein paar andere Filme dürften mit den Preisen wenig zu tun haben, etwa die selbstverliebte Filmbiografie des Modeschöpfers Yves Saint Laurent von Bertrand Bonello, die leichtgewichtige argentinische Wundertüte „Wild Tales“ von Damián Szifron oder auch Atom Egoyans klischeereicher Pädophilen-Thriller „The Captive“. Auch die erste von zwei Frauen hat ihren Wettbewerbsbeitrag vorgestellt: Die Italienerin Alice Rohrwacher erzählt in „Das Wunder“ eine spröde Geschichte vom Erwachsenwerden – durch die Augen der ältesten Tochter einer Aussteigerfamilie.

Schwergewichte wie Olivier Assayas oder die Dardenne-Brüder sind für die zweite Festivalhälfte annonciert, Deutsche nicht. Nur Wim Wenders ist in einer Nebenreihe mit einer Doku über den Fotogafen Sebastião Salgado dabei – und hat über das mangelnde „Fingerspitzengefühl für den deutschen Film“ sinniert.

Nichtsdestotrotz zeigte sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters am Wochenende in Cannes bester Dinge. Der deutsche Film werde geschätzt. Edgar Reitz’ schwarz-weißer Vierstünder „Die andere Heimat“ etwa, aktueller Sieger des Deutschen Filmpreises, habe Kaufinteressierte genauso in den USA wie in Japan gefunden. „Im Moment läuft vieles gut“, so Grütters.

Mehr zum Thema

Ein Mann stürmte beim Filmfest in Cannes auf den roten Teppich und kroch der US-Schauspielerin America Ferrera unters Kleid. Sicherheitskräfte führten den Mann daraufhin ab.

18.05.2014
Panorama Filmfestspiele in Cannes - Mehr Frauenpower!

Von wegen nur Dekoration: Die Regisseurinnen spielen in diesem Jahr eine größere Rolle bei den Filmfestspielen.

Stefan Stosch 16.05.2014
Kultur Film: „Grace von Monaco“ - Adel verpflichtet

Heute in Cannes, morgen schon in den Kinos: Nicole Kidman eröffnet als „Grace von Monaco“ das Filmfestival in Cannes

Stefan Stosch 17.05.2014
Kultur Kindertheaterclub XS - Geheimsache Gackerbande
18.05.2014
Kultur Kritik zu „Godzilla“ - Gut gebrüllt ist halb gewonnen
19.05.2014
Kultur Premiere in Hannover - Die dunkle Seite der Aufklärung
Stefan Arndt 16.05.2014