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Kultur Grass wehrt sich und warnt vor Drittem Weltkrieg
Mehr Welt Kultur Grass wehrt sich und warnt vor Drittem Weltkrieg
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17:53 05.04.2012
Foto: Viel Rauch um Grass: Für sein neuestes Gedicht muss der Literaturnobelpreisträger viel Kritik einstecken.
Viel Rauch um Grass: Für sein neuestes Gedicht muss der Literaturnobelpreisträger viel Kritik einstecken. Quelle: dpa
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Berlin

Kampagne, Gleichschaltung, Klischees: Mit starken Worten wehrt sich Literaturnobelpreisträger Günter Grass (84) gegen die Empörung über seine Israel-Kritik. Er habe mit seinem Gedicht „Was gesagt werden muss" dazu aufrufen wollen, dass sowohl Israel als auch Iran ihre Atomanlagen internationaler Kontrolle unterwerfen sollten, sagte Grass in seinem Wohnort Behlendorf bei Lübeck am Donnerstag. Sollte Israel - vermutlich mit konventionellen Bomben und Sprengköpfen - Irans Atomanlagen angreifen, könnte das zum Dritten Weltkrieg führen, warnte Grass.

In Interviews anderer Medien sprach er von einer Kampagne. „Der Tenor durchgehend ist, sich bloß nicht auf den Inhalt des Gedichtes einlassen, sondern eine Kampagne gegen mich zu führen und zu behaupten, mein Ruf sei für alle Zeit geschädigt", sagte er in einem NDR-Interview am Donnerstag. „Widerrufen werde ich auf keinen Fall", sagte er dem TV-Magazin "Kulturzeit" (3sat).

Im Gespräch verwies der 84-jährige Schriftsteller auf die explosive Lage im Nahen Osten, die sich bei einem Präventivschlag Israels zu einem Flächenbrand ausweiten könne. Präventivschläge seien nicht vertretbar. Dies habe sich beim letzten Irakkrieg gezeigt, bei dem unter dem nachweislich falschen Vorwurf, Saddam Hussein besitze Massenvernichtungswaffen, der Krieg begonnen worden sei. Bei Iran sei bisher keine Atombombe oder ein weitreichendes Raketenträgersystem nachgewiesen worden.

Als Fehler bezeichnetes es der Autor, dass in seinem Gedicht von Israel und nicht konkret von Israels Regierung die Rede sei. Er hege große Sympathien für das Land und wünsche, dass es auch in Zukunft Bestand habe.

Zur Kritik sagte Grass im NDR: „Es werden alte Klischees bemüht. Und es ist zum Teil ja auch verletzend. Es wird sofort, was ja auch zu vermuten war, mit dem Begriff Antisemitismus gearbeitet." Er fügte hinzu: „Es ist mir aufgefallen, dass in einem demokratischen Land, in dem Pressefreiheit herrscht, eine gewisse Gleichschaltung der Meinung im Vordergrund steht und eine Weigerung, auf den Inhalt, die Fragestellungen, die ich hier anführe, überhaupt einzugehen."

In seinem Gedicht hatte Grass geschrieben: „Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden." Gleichzeitig warf er sich darin vor, zu lange darüber geschwiegen zu haben. Der Text löste heftige Reaktionen aus. Kritiker sprachen von einem „Dokument der Rache" sowie Ausdruck eines „politisch korrekten Antisemitismus".

Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu reagierte mit scharfen Worten auf das Gedicht von Grass. „Die schändliche Gleichstellung Israels mit dem Iran, einem Regime, das den Holocaust leugnet und damit droht, Israel zu vernichten, sagt wenig über Israel, aber viel über Herrn Grass aus", hieß es in einer Mitteilung seines Büros.

Ins Gewicht fällt bei den Reaktionen auch, dass Grass mehr als sechs Jahrzehnte verschwiegen hatte, dass er als Junge in die Waffen-SS eingezogen wurde und erst 2006 in seinen Memoiren darüber sprach. Der amerikanische Autor und Holocaust-Überlebende Elie Wiesel erklärte in der israelischen Zeitung „Jediot Achronot": „Ist der alte Deutsche plötzlich zurückgekehrt und hat sein Haupt erhoben?".

Der Vorstandsvorsitzende des Medienhauses Axel Springer, Mathias Döpfner, schrieb in der „Bild"-Zeitung, Grass verbreite im raunenden Ton des Moralisten politisch korrekten Antisemitismus. Er versuche die Schuld der Deutschen am Holocaust zu relativieren, indem er die Juden zu Tätern mache. Der Mitherausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung", Frank Schirrmacher, sprach von einem „Machwerk des Ressentiments" und einem „Dokument der Rache".

Unterstützung erhielt Grass vom Präsidenten der Berliner Akademie der Künste, Klaus Staeck. In einem freien Land müsse auch scharfe Kritik „unter Freunden" möglich sein, „ohne reflexhaft jetzt als Antisemit verdächtigt zu werden", sagte Staeck im Deutschlandradio Kultur. Es dürfe keine „Tabuzonen" geben.

Der Verleger von Grass in Israel betonte das Recht seines Autors, seine Meinung frei zu äußern. „Wir stehen zu ihm als Schriftsteller. Zu seinem Gedicht äußern wir uns aber nicht", sagte Ziv Lewis vom Verlagshaus Kinneret in Tel Aviv.

Dieser Artikel wurde aktualisiert.

dpa

Was gesagt werden muß

von Günter Grass

Warum schweige ich, verschweige zu lange,
 was offensichtlich ist und in Planspielen
 geübt wurde, an deren Ende als Überlebende
 wir allenfalls Fußnoten sind.

Es ist das behauptete Recht auf den Erstschlag,
 der das von einem Maulhelden unterjochte
 und zum organisierten Jubel gelenkte
 iranische Volk auslöschen könnte,
 weil in dessen Machtbereich der Bau
 einer Atombombe vermutet wird.

Doch warum untersage ich mir,
 jenes andere Land beim Namen zu nennen,
 in dem seit Jahren - wenn auch geheimgehalten -
 ein wachsend nukleares Potential verfügbar
 aber außer Kontrolle, weil keiner Prüfung
 zugänglich ist?

Das allgemeine Verschweigen dieses Tatbestandes,
 dem sich mein Schweigen untergeordnet hat,
 empfinde ich als belastende Lüge
 und Zwang, der Strafe in Aussicht stellt,
 sobald er mißachtet wird;
 das Verdikt "Antisemitismus" ist geläufig.

Jetzt aber, weil aus meinem Land,
 das von ureigenen Verbrechen,
 die ohne Vergleich sind,
 Mal um Mal eingeholt und zur Rede gestellt wird,
 wiederum und rein geschäftsmäßig, wenn auch
 mit flinker Lippe als Wiedergutmachung deklariert,
 ein weiteres U-Boot nach Israel
 geliefert werden soll, dessen Spezialität
 darin besteht, allesvernichtende Sprengköpfe
 dorthin lenken zu können, wo die Existenz
 einer einzigen Atombombe unbewiesen ist,
 doch als Befürchtung von Beweiskraft sein will,
 sage ich, was gesagt werden muß.

Warum aber schwieg ich bislang?
 Weil ich meinte, meine Herkunft,
 die von nie zu tilgendem Makel behaftet ist,
 verbiete, diese Tatsache als ausgesprochene Wahrheit
 dem Land Israel, dem ich verbunden bin
 und bleiben will, zuzumuten.

Warum sage ich jetzt erst,
 gealtert und mit letzter Tinte:
 Die Atommacht Israel gefährdet
 den ohnehin brüchigen Weltfrieden?
 Weil gesagt werden muß,
 was schon morgen zu spät sein könnte;
 auch weil wir - als Deutsche belastet genug -
 Zulieferer eines Verbrechens werden könnten,
 das voraussehbar ist, weshalb unsere Mitschuld
 durch keine der üblichen Ausreden
 zu tilgen wäre.

Und zugegeben: ich schweige nicht mehr,
 weil ich der Heuchelei des Westens
 überdrüssig bin; zudem ist zu hoffen,
 es mögen sich viele vom Schweigen befreien,
 den Verursacher der erkennbaren Gefahr
 zum Verzicht auf Gewalt auffordern und
 gleichfalls darauf bestehen,
 daß eine unbehinderte und permanente Kontrolle
 des israelischen atomaren Potentials
 und der iranischen Atomanlagen
 durch eine internationale Instanz
 von den Regierungen beider Länder zugelassen wird.

Nur so ist allen, den Israelis und Palästinensern,
 mehr noch, allen Menschen, die in dieser
 vom Wahn okkupierten Region
 dicht bei dicht verfeindet leben
 und letztlich auch uns zu helfen.