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Kultur Grabtuch Jesu ist echte Attraktion
Mehr Welt Kultur Grabtuch Jesu ist echte Attraktion
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09:56 13.04.2010
Zuschauermagnet: Bischöfe beten vor dem Grabtuch Jesu im Dom von Turin.
Zuschauermagnet: Bischöfe beten vor dem Grabtuch Jesu im Dom von Turin. Quelle: afp
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Dämmerlicht im Dom. Die lange Reihe der barocken Seitenaltäre wirkt wie von warmen Kerzen erleuchtet, und von hinten links, die mattgold schimmernde Heiligengalerie entlang, schieben sich die Besuchermassen nach vorne. 5000 pro Stunde, 12 000 schon am Sonnabend; am Sonntag waren es 40 000. Bis zum 23. Mai werden hier zwei Millionen Leute erwartet, Pilger, Neugierige, Skeptiker, Betende – und der Papst.

Da bleiben dem Einzelnen ganze drei Minuten Zeit – höchstens fünf, so haben es die Turiner Planer ausgerechnet – für das Ziel dieser Wallfahrt. Da vorne hängt das Grabtuch Jesu, umrahmt von rotem Samt, spärlich dekoriert von einem weißen Orchideenbukett, zwei Barockengeln mit schiefen Kerzen und zwei lebenden Polizisten in Galauniform.

Das Ziel der Wallfahrt sieht aus wie ein großes Dia; es steckt allerdings in einem wuchtigen, technikgrauen Stahlrahmen. Hinter Panzerglas hängt es, in Edelgas, weil der Sauerstoff, den die Menschen zum Leben brauchen, für das Objekt ihrer Bewunderung auf Dauer den Tod bedeutet. Im Licht von Spezialscheinwerfern, die alle schädlichen Strahlen ausblenden, wirkt das Leinen viel kälter, als man es von allen Fotos zu kennen glaubt – dieses gut vier Meter lange Gewebe, das rätselhafteste, umstrittenste Stück Stoff der Christenheit.

Vor zehn Jahren ist das „Grabtuch Jesu“ zum bislang letzten Mal öffentlich gezeigt worden, und Bruno Barberis scheint froh darüber zu sein, dass er diesmal ein Stück Ballast weniger an Bord hat. Barberis leitet in Turin das Internationale Zentrum für Sindonologie, wie die Grabtuchforschung amtlich heißt. Und anders als bei früheren Ausstellungen gibt’s dieses Jahr keine wissenschaftliche Tagung über die Echtheit des Tuchs. „Die letzten Materialproben sind vor 30 Jahren genommen worden, und außer aberwitzigen Spekulationen hätten wir diesmal nichts zu diskutieren.“

Barberis hat sich vor eine riesige Fotografie des Grabtuchs gestellt; er gibt ein Fernsehinterview nach dem anderen, der Welt erklärend, was bisher nicht erklärt werden kann: Wie alt das Tuch ist, zum Beispiel. Eine mittelalterliche Fälschung? Oder war tatsächlich Jesus darin eingewickelt? Die C14-Methode, also die Altersbestimmung über den radioaktiven Zerfall von Kohlenstoffatomen, deutet auf einen Entstehungszeitraum um 1300 hin. Tatsächlich wird das Grabtuch auch 1356 erstmals in Urkunden erwähnt.

Aber Barberis weiß, dass es in der so oder so gläubigen Forschergemeinde zu jeder Theorie über das Grabtuch mindestens eine Gegentheorie gibt. Andere lassen die Echtheitsfrage inzwischen auf sich beruhen. Severino Kardinal Poletto, der Erzbischof von Turin, sagt zur Eröffnung der großen Schau, für ihn sei „das Tuch das Bild des Leidens Christi“. Den Gläubigen wolle er aber seine persönliche Sicht nicht aufdrücken, und über die Frage der Echtheit könne nicht die Kirche, da müssten die Wissenschaftler entscheiden, „wenn die es denn schaffen“. Giuseppe Ghiberti, der Monsignore, welcher der diözesanen Grabtuchgruppe seit Jahrzehnten vorsitzt, meint, die Gläubigen sollten „einfach ihr Herz sprechen lassen“.

Und da drängen sie sich nun, vor diesem Stück Stoff, sehen – zu ihrer Überraschung deutlicher als auf allen Fotos – die Abdrücke eines Menschen, der offenbar genauso misshandelt und gekreuzigt worden ist wie der Jesus der Evangelien. Sie sehen die Wunden an Händen und Füßen, durch die einst die Nägel getrieben worden sein sollen; sie sehen die blutverschmierten Haare des Hinterkopfs, auf dem anscheinend die Dornenkrone saß; sie sehen den Fleck in der Herzgegend, den Lanzenstich.

„Drei Arten von Blut“, sagt Barberis, „sind in den Stoff gesickert. Arterielles, venöses – Blutgruppe AB, Rhesusfaktor negativ, wenn Sie’s genauer wissen wollen   – und das zersetzte Blut des Gestorbenen.“ Das Serum sei mit den Augen unsichtbar. „Und weshalb sollte irgendein mittelalterlicher Maler mit Absicht etwas Unsichtbares auf das Tuch gemalt haben?“, fragen sich auch andere Wissenschaftler: „Er hätte bis zu den Untersuchungen des 20. Jahrhunderts, von denen er ja keine Ahnung haben konnte, keinerlei Effekt erzielt.“

Und überhaupt, sagt Bruno Barberis: Farbpigmente seien gar keine gefunden worden, um Malerei könne es sich also nicht handeln. Wie also der Abdruck auf das Tuch kam? Durch Oxidationsprozesse wohl, genauer wisse das bis heute kein Mensch. Die Vorstellung jedoch, jemand im Mittelalter könne einen anderen Menschen „auf Jesus-Art“ gemartert haben, nur um eine gefälschte Reliquie zu produzieren, gilt unter Wissenschaftlern als abwegig.

Deutsches Getuschel unter dem Tuch. Eine Gruppe älterer Frauen aus der Gegend von Lindau will sich das kostbare Exponat „einfach mal anschauen“. Drei Tage insgesamt dauert ihre Reise; eine Bäuerin ist dabei. Sie ist mitgefahren, weil „unser Herr Pfarrer von seinen früheren Reisen erzählt hat, wer einmal da war, der ist auch nach zehn oder zwanzig Jahren noch ganz bewegt“. Dass das Tuch „das echte von Jesus“ ist, daran haben die Frauen keinen Zweifel „nach den ganzen Untersuchungen, die man da gemacht hat“. Und überhaupt, sagt eine, „die Anziehungskraft von diesem Tuch, die kommt ja auch nicht von nichts“.

„Es ist ein Mysterium“, das sagt sogar Fiorenzo Alfieri. Der Turiner Kulturstadtrat steht auf den Stufen des Doms und blinzelt in die Sonne. Mit dem „Mysterium“ aber meint er etwas anderes als die Allgäuer Frauen: nämlich dass Turin diesmal aus Finanzgründen höchstens halb so viel Werbung gemacht hat wie bei den Ausstellungen 1998 und 2000, dass aber „die Medien“ von sich aus viel stärker angesprungen seien – und dass so viele Karten vorbestellt worden seien wie nie zuvor.

Normalerweise, sagt der Kulturstadtrat, hätte die Kirche das Grabtuch erst wieder im nächsten Heiligen Jahr, also 2025, gezeigt, „aber wir haben dem Kardinal gesagt, wir würden eine vorgezogene Ausstellung als Geschenk an die Stadt betrachten. Unser Kardinal war früher selber Arbeiter, dann Arbeiterpriester, und den Gedanken der Wirtschaftsförderung empfindet er nicht als blasphemisch.“

Alfieri betont auch, dass Turin große Veranstaltungen brauche, Kunst, Kultur, um nach dem Jahrhundert der „alles andere zudeckenden Autoindustrie“ den wirtschaftlichen Wandel hinzukriegen. Und längst denkt der Kulturstadtrat weiter: Auf der Domtreppe trägt er, zur Eröffnung der Grabtuchausstellung, eine Krawatte, die bereits für den Mega-Event des nächsten Jahres wirbt: für das Jubiläum des Staates Italien, gegründet vor 150 Jahren in Turin.

Paul Kreiner