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Kultur Gendern in der Literatur? Wie die Branche damit umgeht
Mehr Welt Kultur Gendern in der Literatur? Wie die Branche damit umgeht
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07:51 11.10.2021
"Friseur:innenausbildung" steht in dem Roman Ministerium der Träume von Hengameh Yaghoobifarah.
"Friseur:innenausbildung" steht in dem Roman Ministerium der Träume von Hengameh Yaghoobifarah. Quelle: Sebastian Gollnow/dpa
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Frankfurt/Main

„Buchhändler*in“, „Verleger:in“, „Autor_in“ - auch in Verlagen wird über geschlechtergerechte Sprache diskutiert. Schriftstellerin und Kritikerin Elke Heidenreich hatte im Sommer die Debatte befeuert: „Das ist alles ein verlogener Scheißdreck“, sagte sie in einem Podcast Ende Mai. Sie könne es nicht leiden, „die Sprache so zu verhunzen“. Dieses „feministische Getue“ sei doch „hysterisch“.

Das Gendern mache vor der Literatur nicht mehr halt, schrieb das Fachmagazin „Börsenblatt“ nach einer breit angelegten Umfrage unter Verlagen. Feste Vorgaben, ob und wie in der Belletristik gegendert werden sollte, scheine es bislang aber nicht zu geben. „Autor*innen, die es möchten, können gendern, wie sie wollen - die anderen lassen es eben bleiben“, so die Bilanz.

Belletristik-Lektorin: Gendern nicht überall in der Literatur sinnvoll

„In der Politik wird diese Frage viel kontroverser diskutiert als in der Literatur“, sagt Katharina Gerhardt, die seit über 20 Jahren als freie Belletristik-Lektorin für verschiedene Verlage tätig ist. Ob Gendern sinnvoll sei, hängt ihrer Ansicht nach von der Aktualität eines Textes, von dessen Schauplatz sowie von den Figuren ab. „In einem Roman, der in der Jetztzeit an einer Hochschule spielt, müsste in der Figurenrede einer Professorin gegendert werden, weil geschlechtergerechte Sprache schlicht Teil des Uni-Alltags ist. In einem Roman, der im 19. Jahrhundert spielt, wäre das Unsinn.“

Dass Verlage das Thema vorantreiben und die Entwicklung beschleunigen, glaubt die Lektorin nicht. „Die Buchbranche ist eher konservativ.“ Eine Grenze sei für die meisten erreicht, „wenn sich das Schriftbild so verändert, dass die Lesbarkeit leidet“. Das wolle gerade in der Literatur niemand. Dass ein ganzer Roman durchgängig mit Sonderzeichen durchbrochen wird, kann sie sich nur schwer vorstellen. Wohl aber, dass geschlechtsneutrale Formulierungen wie „Studierende“ vermehrt Eingang in Romane finden oder Autorinnen eben nicht „Arzt“, sondern „Ärztin“ schreiben, wenn eine Frau gemeint ist.

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Die Heftigkeit der Debatte in der Politik kann die Lektorin nicht nachvollziehen. Gerhardt sieht Parallelen zur Rechtschreibreform: Was gab es da für Grabenkämpfe - inzwischen habe sich jeder daran gewöhnt. Genauso wandle sich gerade das Bewusstsein für geschlechtergerechte Sprache. „Wir als Handwerkerinnen der Sprache haben dabei eine besondere Verantwortung, einerseits behutsam vorzugehen, andererseits den gesellschaftlichen Wandel in sprachlicher Hinsicht - wo es sinnvoll ist - auch in der Literatur zu spiegeln.“

Einen Schritt weiter geht der Berliner Orlanda Verlag, der sich auf Themen wie Diversität und Geschlechtergerechtigkeit spezialisiert hat. Er verlegt unter anderem die diesjährige Friedenspreisträgerin Tsitsi Dangarembga. Für das Lektorat ist der Verlag gerade dabei, Richtlinien zum Gendern und zum politisch korrekten Umgang mit Sprache zu entwickeln.

Verlegerin: „Da muss sich etwas ändern“

Sprache forme unsere Sicht auf die Welt, erklärt Verlegerin Annette Michael - wer die Welt verändern wolle, müsse mit Sprache anders umgehen. „Es wird so viel Rassismus und Sexismus über Sprache transportiert und damit in die Gesellschaft implementiert. Da muss sich etwas ändern.“ Bisher wird allerdings auch bei Orlanda nur in Sachbüchern gegendert. In literarischen Texten geschehe das „nicht ohne Zustimmung der Autor*innen“.

Einer aktuellen Befragung des Instituts für Generationenforschung zufolge lehnt die Mehrheit der Deutschen das Gendern ab. In der repräsentativen Umfrage wurden bundesweit 2398 Personen befragt. 65 Prozent fanden „die aktuelle Genderdebatte nicht gut geführt“. Mehr als drei Viertel aller über 40-Jährigen würden „eine offizielle Gender-Vorgabe falsch finden“ - bei Jüngeren stimmten dieser Aussage immer noch etwa die Hälfte der Befragten zu.

Die Gruppe mit den meisten Gender-Befürworterinnen sei weiblich, lebe in Westdeutschland mit einem Hochschulabschluss und sei in einer Altersspanne von 30 bis 45 Jahren zu verorten, berichtet Studienleiter Rüdiger Maas. „Während unserer Befragung haben wir viele Anfeindungen bekommen. Es gab viele verbale Entgleisungen in den Kommentarfeldern.“

RND/dpa

Der Artikel "Gendern in der Literatur? Wie die Branche damit umgeht" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.