Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Geiger István Szentpáli geht in Ruhestand
Mehr Welt Kultur Geiger István Szentpáli geht in Ruhestand
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:12 30.05.2012
Von Stefan Arndt
„Mit meiner Geige bin ich glücklich“: István Szentpáli. Quelle: Janssen
Anzeige
Hannover.

Den Satz, der vielleicht mehr über sein langes Berufsleben erzählt als alle Fakten und Anekdoten, sagt István Szentpáli ganz beiläufig: „Ich bin glücklich mit meiner Geige.“ 40 Jahre hat der 1947 im ungarischen Debrecen geborene Musiker im Orchester der hannoverschen Staatsoper verbracht. Am Ende der Spielzeit geht er nun in den Ruhestand. Vier Jahrzehnte lang hat er im Schnitt alle zwei Tage Konzerte oder Opernaufführungen gespielt. Jetzt wird sein Instrument viel seltener erklingen. Für den Mann, der seine Geige liebt, ist das aber kein Unglück. In den vergangenen 20 Jahren hat er die Theaterferien meist im Orchestergraben der Bayreuther Festspiele verbracht. „Ich habe also einigen Nachholbedarf an Entspannung“, sagt Szentpáli mit Blick auf die vor ihm liegende freie Zeit. „Und außerdem habe ich vorsichtshalber schon einmal mit Golfspielen angefangen.“

Nach Deutschland kam Szentpáli, weil die politische Situation in seinem Heimatland ihm keine Möglichkeit auf ein Studium eröffnete. Dabei hatte der junge Geiger, der schon mit fünf angefangen hatte, sein Instrument zu lernen und ab zwölf als Vorstudent am Konservatorium unterrichtet wurde, Talent genug. Nach einem Jahr Studium an der Hochschule in Schwerin stellte man ihm einen Reisepass für die Bundesrepublik aus - wo er prompt eine Anstellung beim Siegerlandorchester in Hilchenbach erhielt. Ein Jahr später wechselte er in das hannoversche Orchester, dem er bis heute die Treue gehalten hat. Am 1. August 1971 trat er dort seinen Dienst in den Zweiten Geigen an, ein Jahr später wechselte er zu den Ersten Geigen. 1980 ging er dann wieder zurück zu den Zweiten - diesmal als Stimmführer.

Anzeige

Ein solcher Schritt ist keine Selbstverständlichkeit. „Natürlich ist die Erste Geige schöner, da spielt man viel mehr Melodie“, sagt Szentpáli. „Gerade wenn man an Verdi denkt oder den frühen Mozart: Da haben die Zweiten eigentlich immer nur Nachschlag.“ Doch der Ehrgeiz bewog ihn schließlich zum Wechsel. Eine Soloposition ist eben mehr als eine Tuttistelle: Sie bedeutet auch, ab und zu alleine im Orchester hörbar zu werden.

Am 1. Januar 1993 ging Szentpáli dann noch einen Schritt weiter. Mit seinem Johann-Strauß-Orchester leitete er, der Geiger, einen ganzen Klangkörper. Die populären Neujahrskonzerte, die von dem damaligen Intendanten Hans-Peter Lehmann erst in der Oper geduldet, bald aber eingefordert wurden, sind der ganze Stolz des Geigers. 14 Jahre lang begann für viele hannoversche Musikfreunde das neue Jahr mit Szentpáli. Dass der heutige Intendant Michael Klügl bei seinem Amtsantritt mit dieser Tradition brach, hat den Ungarn zwar geschmerzt, übel genommen hat er es seinem Chef aber nicht. „Es gibt eben eine Zeit für schöne Dinge, und es gibt die Zeit, in der sie enden“, sagt er.

In der Oper hat Szentpáli auch jenseits der eigenen Konzerte viele schöne Dinge erlebt. Gern erinnert er sich an die letzte „Ring“-Inszenierung von Hans-Peter Lehmann oder an die „Moses und Aaron“-Produktion zur Eröffnung des umgebauten Opernhauses. Musikalisch sind ihm vor allem eine „Salome“ mit dem berühmten Gastdirigenten Ferdinand Leiter im Gedächtnis geblieben und die ersten Schritte des jungen Christian Thielemann, der Szentpáli als Kapellmeister in Hannover nicht nur durch Arroganz auffiel, sondern auch durch Kompetenz. „Heute hat er sich charakterlich aber sehr geändert“, sagt der Geiger über den Dirigenten, mit dem er regelmäßig in Bayreuth musiziert.

Geändert hat sich in seinem traditionsreichen Beruf über die Jahrzehnte nur wenig. „Auffällig ist eigentlich nur, dass unsere Arbeit aus vielen Proben und relativ wenig Vorstellungen besteht. Früher war es genau umgekehrt“, sagt er. So überrascht es nicht, dass Szentpáli auch jetzt mit Proben beschäftigt ist. Diesmal geht es um sein Abschiedskonzert. Am 3. Juni präsentiert er im Sprengel Museum noch einmal das breite Spektrum seines Könnens: vom Sologeiger in einer Bach-Partita über den Förderer der Neuen Musik (der Komponist Marcus Aydintan hat ihm ein Stück zum Abschied geschrieben) bis hin zum Orchesterleiter bei seinem geliebten Johann Strauß. Dessen „Rettungs-Jubel-Marsch“ setzt den Schlusspunkt im Programm. Für Szentpáli ist es das Fazit eines glücklichen Berufslebens.

„Musik ist mein Leben“: Das Abschiedskonzert für István Szentpáli ist am Sonntag, 3. Juni, um 11 Uhr im Sprengel Museum. Karten: (0511) 99991111.

30.05.2012
Uwe Janssen 30.05.2012
Simon Benne 30.05.2012