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Kultur Geigen für 20 Millionen Euro im Gepäck
Mehr Welt Kultur Geigen für 20 Millionen Euro im Gepäck
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06:15 08.10.2012
Von Jutta Rinas
Florian Leonhard praesentiert seine Stradivari-Geigen im Wert von 20 Millionen Euro. Quelle: Alexander Körner
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Hannover

Herr Leonhard, Sie sind mit fünf Geigen im Wert von 20 Millionen Euro von London nach Hannover geflogen. Wie transportiert man so eine millionenschwere Ware überhaupt? Immer noch im schnöden Geigenkoffer?

Ja, im Grunde hat sich seit dem Bau dieser teuren, antiken Stücke nicht viel geändert. Die Geige wird immer noch in ein Seidensäckchen gehüllt und in einem mit Plüsch ausgekleideten Kasten aufbewahrt. Ich verwende allerdings einen speziellen Koffer, in dem ich gleich vier Geigen unterbringe: kreuzweise übereinandergeschichtet, vorsichtig festgestellt, sehr gut gefedert. Der Kasten wiegt nicht einmal ein halbes Kilo, die Geigen sind auch sehr leicht. Ich kann sie bequem per Hand transportieren.

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Heißt das, Sie haben Geigen im Wert von 20 Millionen Euro im Flugzeug im Gepäckraum über Ihrem Sitz aufbewahrt?

Das ist lange nicht so riskant, wie es sich anhört. Ich wette, die meisten Diebe interessieren sich mehr für die Mobiltelefone ihrer Mitmenschen als für so etwas Komisches wie eine Geige. Und wenn jemand tatsächlich eine Stradivari rauben würde, wo sollte er sie verkaufen? Jeder Diebstahl wäre sofort unter allen Händlern bekannt, die als Käufer infrage kommen.

Trotzdem: Hat nie jemand versucht, Ihnen eine Stradivari zu stehlen? Zu trauriger Berühmtheit ist ja der Fall der Bremer Musikpädagogin Maria Grevesmühl gelangt, der 1996 auf dem Nachhauseweg ihre Stradivari geraubt wurde. Grevesmühl wurde dabei eine Treppe hinuntergestoßen und starb. Auch der Raub einer Stradivari auf dem Rittergut Bennigsen bei Hannover vor vier Jahren erregte viel Aufsehen.

Nein, solche Fälle sind wirklich extrem selten. Die Versicherungsprämien für Stradivaris sind ja auch deshalb so niedrig, weil das Risiko für einen Raub so gering ist. Sie betragen 0,2 Prozent des Sachwertes. Bei einer drei Millionen Euro teuren Stradivari sind es also 6000 Euro im Jahr. Ich habe manchmal noch viel wertvollere Geigen als jetzt bei mir und denke keine Sekunde daran, dass das gefährlich ist.

Waren die Stradivaris auch zu Zeiten ihrer Entstehung so teuer, wie sie es heute sind?

Eine Geige von Antonio Stradivari war auch schon zu dessen Lebzeiten sehr wertvoll. Stradivari hatte sich einen Namen damit gemacht, dass seine Instrumente nicht nur schön und süß klingen, sondern so brillant, dass sie auch in großen Konzertsälen große Strahlkraft besitzen. Die Geigen von Guarneri del Gesu, die heute mindestens genauso wertvoll sind wie die Strads, wurden erst im 19. Jahrhundert berühmt. Paganini spielte eine Guarneri. Da wollten andere gute Geiger natürlich wissen, welches Instrument dieser Supervirtuose benutzt.

Was genau macht den Reiz dieser berühmten, alten Instrumente aus?

Ihr besonderer Klang macht sie so wertvoll. Stradivaris haben eine außergewöhnliche Brillanz und Strahlkraft. Sie tragen auch leise Töne ungewöhnlich kraftvoll in jeden Teil des Konzertsaals. Sie haben so viele tolle Obertöne und Vibrationen, dass ein besonders warmer, farbiger Ton entsteht.

Ist ihr Zauberklang nicht womöglich ein Mythos? Eine französische Wissenschaftlerin hat unlängst alte und moderne Instrumente in einem Blindversuch mit Musikern getestet. Die Musiker erkannten die Stradivaris nicht, bevorzugten sogar häufig neue Instrumente...

Seit ich im Geigenhandel und im Geigenbau tätig bin, seit über 30 Jahren, kenne ich solche Tests. Man kann damit medienwirksam Schlagzeilen erzeugen. Meistens stecken moderne Geigenbauer dahinter, die ihre Instrumente ins Rampenlicht rücken wollen, was ja erst einmal auch nicht verwerflich ist. Die Wahl der meisten Geigenvirtuosen der Gegenwart spricht eine andere Sprache als die Tests. Fast alle spielen doch die alten Instrumente.

Aber die Tests von Claudia Fritz wurden in dem Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlicht ...

Ja, und sie zogen sehr verärgerte Reaktionen von Musikern in Frankreich nach sich.

Warum?

Dieser Blindversuch fand unter fast schon laienhaften Bedingungen statt. Testraum war beispielsweise kein Konzertsaal, sondern ein schnödes Hotelzimmer. Und dann war zwischen dem Geigenspieler und dem ratenden Musiker auch noch ein Bettlaken gespannt. In einem kleinen Raum, noch dazu hinter einem Stück Baumwollstoff, kann die Stradivari ihren warmen, tiefen Ton gar nicht entfalten. Da kommt eine harte, schrille Geige möglicherweise besser durch.

Stimmte noch etwas nicht?

Eine Stradivari muss von einem Geiger gespielt werden, der Stradivaris kennt. Jemand, der ein billiges, mittelmäßiges Instrument gewohnt ist, übt zu viel Druck mit dem Bogen aus. Der charakteristische Stradivari-Klang entfaltet sich so nicht.

In Hannover führen Sie heute einen ähnlichen Blindtest beim Joseph-Joachim-Violinwettbewerb durch. Was erwarten Sie?

Ich bin selber neugierig, was passiert. Ich hoffe, dass ich den Zuhörern verdeutlichen kann, was das Besondere an diesen wunderbaren Instrumenten ist.

Die deutsche Geigerin Isabelle Faust hat in einem Interview einmal gesagt, sie habe Jahre gebraucht, um ihre Stradivari „Dornröschen“ zum Strahlen zu bringen. Stradivaris scheinen ziemlich komplizierte Instrumente zu sein ...

Ich glaube, die Geige von Isabelle Faust war am Anfang einfach nicht optimal eingerichtet. „Dornröschen“ wurde 150 Jahre auf einem Dachboden gelagert, dann von einem Geigenbauer wiederentdeckt, um dann noch einmal für lange Zeit in einem Tresor zu verschwinden. Manchmal „schlafen“ die alten Geigen ein, wenn sie sehr lange nicht spielt werden. Aber mithilfe eines guten Geigenbauers kann ein „schlummerndes“ Instrument in drei Monaten wieder aufgeweckt werden. Eine optimale Stradivari, bei der der Bassbalken, der Halswinkel und so weiter stimmen, sollte leicht spielbar sein. Ich denke, ich kann das sagen kann, ich habe schon mehr als 100 Stradivaris eingerichtet.

Glauben Sie, dass es so verschlungene Geschichten wie die von „Dornröschen“ immer noch gibt? Kann man heute noch hoffen, auf dem Dachboden oder im Nachlass von Verwandten eine Stradivari zu finden?

Natürlich. Erst vor vier Wochen kam eine 90-jährige Dame mit einer alten Geige zu mir. Sie hatte sie von ihrer Mutter geerbt, das Instrument hatte 40 Jahre unberührt auf dem Dachboden gelegen. Als die Nichte dieser Dame als Geigerin an der Royal Academy zu studieren begann - und nur ein billiges Instrument besaß -, wollte sie das Familienerbstück schätzen lassen. Es handelte sich um eine sehr wertvolle, altitalienische Geige von 1750. Es gehört zu den schönsten Momenten in meinem Beruf, solche Nachrichten zu überbringen.

Interview: Jutta Rinas

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