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22:22 30.07.2014
Oskar Negt, Sozialphilosoph und Bildungspraktiker, wird am 1. August 80 Jahre alt. Quelle: Rainer Surrey
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Hannover

Ganz nach oben, gut drei Meter hoch, deutet der Sozialphilosoph vor der Bücherwand in seinem Arbeitszimmer. Dorthin, wo eine uralte und ziemlich zerfledderte Ausgabe von Meyers Konversationslexikon steht. „Die habe ich nach dem Krieg in Berlin gekauft“, sagt Oskar Negt, der morgen seinen 80. Geburtstag feiert. „Sie war die Antwort des Antiquars auf meine Frage: Was muss man lesen, um gebildet zu sein?“

Was Bildung ausmacht, das hat – nach einem Wort des Soziologen und Philosophen Jürgen Habermas – keiner „emphatischer, ja, inbrünstiger nach- und ausbuchstabiert“ als eben Oskar Negt, der von 1964 bis 1972 Assistent von Habermas war. Was dabei – wie auch sonst – den besondere Eros Negts ausmacht, das hat vielleicht am treffendsten sein langjähriger Wegbegleiter Alexander Kluge in eine Grundformel der Zuversicht gefasst: „Es gibt immer einen Ausweg.“

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Dieses „kommunikative Urvertrauen“ habe ihm Negt nahegebracht, und nur so habe die jahrzehntelange Kooperation der beiden so unterschiedlichen Männer (Kluge: „Wir arbeiten ja zusammen, weil wir Gegensätze sind“) überhaupt funktionieren können. Dass der Filmemacher und Essayist Kluge mit dem Soziologen und Philosophen Negt ungefähr alle zehn Jahre ein Buch schreibt, liegt nach Kluges Worten daran, dass Negt ein „Integrator“ par excellence sei, einer, dessen ganze Haltung „der kritischen Theorie entspricht“.

„Öffentlichkeit und Erfahrung“

Damit ist das gewichtige Stichwort gefallen. Oskar Negt ist mit der kritischen Theorie durch Max Horkheimer und Theodor Adorno beim Studium in Frankfurt erstmals direkt in Berührung gekommen, dort hat er auch Kluge kennengelernt. Doch nach Negts Wechsel auf die Professur für Soziologie in Hannover 1972 hat er – neben vielen anderen Werken – zusammen mit Kluge Bücher geschrieben, in deren Titeln die Stichworte vorkommen, die für sein Verständnis vielleicht noch wichtiger sind, weil sie den Kern seines Denkens und Handelns berühren. Erst, 1972, „Öffentlichkeit und Erfahrung“ und dann, 1981, „Geschichte und Eigensinn“.

Negt setzt auf Eigensinn und Erfahrung, und er strahlt dabei weit über Hannover und über akademische Zirkel hinaus – nicht bloß durch sein frühes Engagement in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit, nicht nur durch Gastprofessuren in der Schweiz, Österreich und den USA. Diese Umtriebigkeit kennzeichnet ihn noch heute: Kürzlich erst ist er von einem dreimonatigen Aufenthalt am Internationalen Institut für Kulturwissenschaften aus Wien zurückgekehrt. Aber in Hannover lässt sich exemplarisch beobachten, dass sich die von Kluge gelobte Haltung Negts außer in einer langen Publikationsliste auch in ganz handfester politischer und pädagogischer Praxis niederschlagen kann.

Generationen von Studierenden haben Negt hier als Hochschullehrer erlebt, und nicht zuletzt als Mann, der Säle füllen kann – vom vergleichsweise kleinen Hörsaal der Sozialwissenschaftler in der Wunstorfer Straße bis zum Audimax bei seiner Abschiedsvorlesung 2002. „Er ist ein packender Redner“, sagt der Sozialphilosoph Detlef Horster, „gerade durch sein umfassendes Wissen kennzeichnet ihn eine reiche, oft assoziativ mäandernde und dabei immer weiter ausgreifende Vortragsweise.“

Emanzipation durch Bildung

Emanzipation durch Bildung, diesen Weg hat sich Negt selbst erarbeitet – und trotz seiner Prägung durch die akademische Linke hat er sich einige Skepsis gegenüber dem radikalen Chic des Linksseins bewahrt. „Im Frankfurter SDS“, sagt Negt über die damalige Studentenorganisation der SPD, „gab es 1960 neben lauter bürgerlichen Studenten genau ein Arbeiterkind – und mich als einziges Bauernkind.“ Als die 68er aufbegehren, befasst er sich längst mit Arbeiterbildung, später zählt er zum Beraterkreis um Gerhard Schröder, selbst ein Bildungsaufsteiger.

Weniger wahrgenommen, aber viel weiter wirksam ist Negts Engagement für neue Erfahrungen in Kindheit und Schule. „Oskar war der Mann der ersten Stunde“, sagt der langjährige Glockseeschulleiter Dieter Hermann. Anfänglich noch in Telefonkonferenzen von Frankfurt aus hat Negt die Gründung dieser Reformschule begleitet. Im Schulgründungsjahr 1972 hat er dann Kontakte zum damaligen Kultusminister Peter von Oertzen und zum damals gerade neu ins Amt gekommenen Bürgermeister Herbert Schmalstieg hergestellt, der ihn bis heute als Freund und „ebenso tiefsinnigen wie fröhlichen“ Begleiter lobt. In der Gründungsphase sei Negts Zuversicht wichtig gewesen, sagt Dieter Hermann. „Wir schaffen das – diese Haltung strahlte er aus, und die kann gar nicht hoch genug geschätzt werden.“ Unterricht in Projekt- und Epochenphasen, individuelles Lerntempo, die Bedürfnisse der Kinder als pädagogischer Ausgangspunkt – das seien Akzente, die direkt auf Oskar Negt zurückgingen.

Oskar Negt, ein Philosoph mit pädagogischem Steckenpferd? Tatsächlich gehören reformpädagogisches Engagement und wissenschaftliches Selbstverständnis für Negt eng zusammen: Er hat sich nicht nur für die politische Durchsetzung der Glockseeschule eingesetzt, sondern sie über zehn Jahre wissenschaftlich begleitet – eine Zeit, in der man außer Negt bisweilen auch Alexander Kluge an der anfangs in der Glockseestraße untergebrachten Schule antreffen konnte. Die war für beide ein Erfahrungsraum zur eigenen Rückkoppelung mit der Realität. Auch darin schlägt sich Skepsis gegenüber Theorien als abstrakten Thesengebäuden nieder. „Man muss den Traditionszusammenhang jeder Theorie in jeder Situation neu aneignen“, sagt Negt, sonst drohe „der Tod der Theorie“. Von der schulischen Praxis hat er selbst offenbar ebenso profitiert wie die Glockseeschule von seiner Theoriebildung.

Auf Spurensuche nach der eigenen Kindheit

Erst in fortgeschrittenem Alter hat sich Oskar Negt auch auf Spurensuche nach seiner eigenen Kindheit begeben. Und darüber hat der Mann, der aus dem ostpreußischen Kleinbauerndorf Kapkeim bei Königsberg als Zehnjähriger im Januar 1945 mit seinen Schwestern über die zugefrorene Ostsee nach Dänemark geflohen ist, ein packendes und berührendes Buch geschrieben („Königsberg – Kalinigrad“, 1998 zusammen mit Hans Werner Dannowski). Es ist derzeit ebenso vergriffen wie ein Großteil seiner übrigen Werke. Doch zu seinem Geburtstag am Freitag kann Negt nicht nur mit so prominenten Gästen wie Günter Grass, Hartmut von Hentig und Klaus Staeck, mit Schröder und mit Habermas rechnen. Sein Verlag bereitet – gleichsam ein verlegerisches Geburtstagsgeschenk – auch eine Werkausgabe vor.

Die wird nicht schlecht in der Bücherwand mit dem alten Konversationslexikon stehen. Nur, der Erreichbarkeit halber, besser weiter unten. Zumal es bei den 19 Bänden wohl nicht bleibt: Auf Negts Schreibtisch häufen sich bereits zentimeterdick die ersten Kapitel seiner biografischen Erinnerungen.

Dominik Graf spricht im Interview über „Die geliebten Schwestern“, ein Historienfilm über Friedrich Schiller und seine Freundinnen.

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