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Kultur Große Sänger, neuer Ort
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00:22 23.07.2014
Von Jutta Rinas
Opern-air: 15 000 Zaungäste lauschen nach Angaben des NDR im Maschpark. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Es ist ein Gänsehautmoment. Einer von vielen. Glockentöne, die sich stetig wiederholen, 73 lange Takte lang, schallen zu den durchdringenden Schlägen einer großen Trommel von den erleuchteten Balkons des Neuen Rathauses herüber. Kanonenschüsse hört man plötzlich von irgendwoher aus der Ferne herüberdonnern. Vorne - auf der eigentlichen Bühne im Maschpark - ist man dazu am Ende des ersten Aktes der ersten Freiluft-„Tosca“ der NDR-Radiophilharmonie mit dem scheidenden Chefdirigenten Eivind Gullberg Jensen mit einer Szene voller Drastik, voller Extreme, konfrontiert.

Scarpia, blutrünstiger Polizeichef und Widersacher des Malers Cavaradossi, beschwört an dieser zentralen Stelle in Giacomo Puccinis mehr als hundert Jahre alter Partitur seine ganze Grausamkeit, seine sadistische Lust daran, die Sängerin Tosca zu quälen. Fast einzutauchen scheint er dabei - zunächst optisch und später auch musikalisch - in die Masse der Sänger des Mädchenchors und des Brahmschors auf der Bühne. Die hannoverschen Ensembles intonieren zu den grausamen Fantasien Scarpias ein „Te Deum“ aus der römischen Liturgie. Es ist in diesem Moment mit Händen zu greifen, wie nah sich das abgrundtief Böse und die restaurativ gewendete katholische Kirche in Puccinis Oper sind.

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An diesem Abend spannt sich dazu noch ein berückend schöner Himmel über dem Operngeschehen. Rund um dem Maschsee sieht man Zuhörer auf Picknickdecken lagern. Immer wieder blitzt von Ferne das Licht von Kameras in die Nacht. Stürmischer Applaus nach den berühmtesten Arien der Oper - Toscas „Vissi d’arte“ und Cavaradossis „E lucevan le stelle“ - kommt nicht nur von den 1500 zahlenden Besuchern, sondern weht auch von den Tausenden Zuhörern von draußen im Maschpark herüber. Oper Open-Air ist das, wie man sie sich eindrucksvoller und berührender kaum vorstellen kann.

Von einem Großereignis, wie Hannover es lange nicht gesehen hat, von einem „Spektakel“, ja vom „Musikereignis des Jahres im Norden“ war im Vorfeld dieser Freiluftaufführung die Rede gewesen. Damit, dass tatsächlich alles stimmen könnte - vom Wetter, einer wunderbar lauen Sommernacht, über die herausragenden Qualitäten von Stargästen wie José Cura oder Catherine Naglestad, über die von Gudrun Schröfel hervorragend eingestimmten hannoverschen Chöre, bis hin zur ausgewogenen Klangbalance der akustisch verstärkten Musik - hatten vermutlich selbst kühnste Optimisten nicht gerechnet. Auf jenem als Opernbühne bislang noch unentdeckten Platz hinter dem Neuen Rathaus bekommt man an diesem Abend große Musik, große Emotionen und ein wunderbares Lichtschauspiel geboten: eine „Tosca“, die aufgrund ihrer Rahmenbedingungen tatsächlich ein spektakuläres Event ist, das sich auch für ein klassikfremdes Publikum öffnet, und das zugleich, Ton für Ton und Zeile für Zeile, erfüllt ist von dramatischer Wahrhaftigkeit, von künstlerischer Intensität.

Der scheidende Chefdirigent der Radiophilharmonie, Eivind Gullberg Jensen, hatte für sein Abschlusskonzert in Hannover wichtige Sänger aus seiner bisherigen Laufbahn um sich versammelt. Catherine Naglestad hatte schon 2007 die Tosca in einer umjubelten Aufführung Gullberg Jensens mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin im Festspielhaus Baden-Baden gespielt, Albrecht Dohmen gab in Gullberg Jensens erstem Konzert als Chefdirigent in Hannover in der Schlusszene aus Wagners „Walküre“ den Wotan. Mit Yngve Søberg (hier der Angelotti) hatte er an der norwegischen Nationaloper Erfolge gefeiert.

Dass der Abschied des 42-Jährigen in Hannover ein großer Erfolg ist, hat auch damit zu tun, dass sein Sängerensemble nicht nur mit Gesangskunst punktet, sondern - in einer konzertanten Open-Air-Gala mit spärlichen Bühnenbildelementen - auch mit sängerischer Schauspielkunst überzeugt. Selbst in Momenten, in denen man sieht, wie ein Kameramann auf der Bühne mitsamt seinem schweren Gerät direkt vor Tosca und Cavaradossi hin- und herfährt, während die beiden sich ewige Liebe schwören, spürt man unten im Publikum noch Innigkeit, Intensität. Catherine Naglestad beeindruckt mit ihrem Rollenspiel, das - wie ihr wunderbar strömender Sopran - ganz von innen heraus entwickelt zu sein scheint. Alles ist da, auf eine scheinbar natürliche, ergreifende Weise: ihre Eifersucht gegenüber Cavaradossi, ihre hysterische Angst während der Folterszene, die Gewalt, mit der sie Scarpia ersticht. José Cura ist ein Heldentenor, der auf stereotype Gesten des Opernbetriebs verzichtet, der bei aller Melodramatik auch große Stärken in leisen, lyrischen Momenten zeigt.

Albert Dohmen verleiht dem Polizeichef Scarpia Dämonie. Auch Martin-Jan Nijhof als Sagrestano und Simon Bode als Spoletto überzeugen. Und die Radiophilharmonie? Sie präsentiert sich auf gewohnt hohem Niveau: nuanciert, farbenreich, ein Rundfunkorchester, das sich auch bei einer Operngala wie eine zweite Haut an Sänger anschmiegen kann.

Am Ende gibt es Ovationen im Stehen und die offene Frage: Wird es nach diesem Auftakt eine zweite Open-Air-Oper hinter dem Neuen Rathaus geben? Die Veranstalter, Matthias Ilkenhans, Orchestermanager der NDR Radiophilharmonie beispielsweise, Wolfgang Besemer von Hannover Concerts oder die Stadt Hannover sind jedenfalls von „Tosca“ begeistert - und geben vorsichtige Signale in Richtung Zukunft. Er hoffe, sagt Wolfgang Besemer, dass sich so etwas noch einmal realisieren lasse.

Den Mitschnitt gibt es in der NDR-Mediathek.

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