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Kultur "Forum für Zeitgeschehen" diskutiert über Tschernobyl
Mehr Welt Kultur "Forum für Zeitgeschehen" diskutiert über Tschernobyl
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17:24 30.03.2011
In der ersten Ausgabe des "Herrenhäuser Forums für Zeitgeschehen" dikutierte man am Montag über Tschernobyl und auch über die derzeitige Atom-Katastrophe in Japan. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Eigentlich hätte es eine Gedenkveranstaltung üblicher Größe werden sollen, doch plötzlich hatte man ein Megathema von brennender Aktualität – und auch mehr Zuhörer als gedacht. Mit dem „Forum für Zeitgeschehen“ hat die Volkswagenstiftung eine neue Veranstaltungsreihe in der Schlossküche Herrenhausen eingerichtet.

Die Stiftung, die in Herrenhausen schon mit den „Herrenhäuser Gesprächen“ recht präsent ist und demnächst im neu errichteten Schloss Tagungen veranstalten will, blickt mit der neuen Reihe zurück: Im „Forum für Zeitgeschehen“ sollen historische Ereignisse diskutiert und gegebenenfalls neu bewertet werden. Zeitzeugen sollen zu Wort kommen, der Dialog von Wissenschaftlern, Journalisten und Künstlern gepflegt werden. Das Thema der ersten Ausgabe am Montag hieß „Strahlendes Erbe – 25 Jahre nach Tschernobyl“. Und natürlich war der Saal voll. Passend zur aktuellen Lage wurde das Plenum ein bisschen verändert. Ein Vortrag zu „Lehren aus der Ära Gorbatschow für die Nuklearstrategie heute“ entfiel; stattdessen sprach Wolf R. Dombrowsky, Leiter der Katastrophenforschungsstelle der Uni Kiel, über die Situation in Fukushima.

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Er kritisierte die Berichterstattung über das Unglück und wünschte sich, was sich viele wünschen: die Überblicksperspektive statt lauter Nahaufnahmen, die von persönlichen Schicksalen erzählen. „Etwas, womit die Journalisten gar nicht zurechtkommen“, sagte er, sei das Verhalten der Japaner. Der Katastrophenfachmann klärte darüber auf, dass in Zeiten der Just-in-Time-Produktion keine Ökonomie der Welt darauf ausgelegt sei, die Bedürfnisse aller Konsumenten sofort zu erfüllen. Wenn alle zur selben Zeit tanken oder Mineralwasser wollen, kann das nicht klappen. Wenn aber der soziale Zusammenhalt im Land funktioniert, wird eine Gesellschaft durch keine Katastrophe aus der Kurve getragen werden. In Japan funktioniere der Zusammenhalt, in Haiti dagegen nicht.

Bedenklich klangen seine Einschätzungen zur Lage in Fukushima. Er sprach davon, dass ein Drittel Japans nach einer Kernschmelze im Kraftwerk möglicherweise „nicht mehr zu gebrauchen“ sein werde, und sagte, die Weltgemeinschaft könne schon mal beginnen, alte Truppentransporter auszumotten und eine Art „Arche Noah“ für Japan fertigzustellen. Erstaunlich, dass jemand, der so etwas empfiehlt, den Medien Dramatisierung der Lage vorwirft.

Bei Dombrowskys Ausführungen herrschte gespannte Stille im Saal – beim Rückblick auf Tschernobyl war das nicht immer so. Andreas Meyer-Landrut, damals Botschafter in der Sowjetunion, berichtete, dass Boris Jelzin von „jenem Wölkchen“ gesprochen habe. Und Gabriele Krone-Schmalz , die nach dem Reaktorunglück für die ARD aus der Sowjetunion berichtete, erzählte von einem Russen, der ihr gesagt hatte: „Du musst einen Winter lang gefroren haben, damit es dir egal ist, aus welchem Kraftwerk du die Wärme beziehst.“ Und das war genau die andere Perspektive, die man sich von solch einer Veranstaltung wünscht.

Beim nächsten „Forum für Zeitgeschehen“ am 12. Oktober geht’s um Polarforschung.

Ronald Meyer-Arlt