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00:22 06.10.2014
Von Martina Sulner
Foto: Der Literaturstar der letzten Monate: die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen.
Der Literaturstar der letzten Monate: die finnische Schriftstellerin Sofi Oksanen. Quelle: dpa
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Frankfurt

Über Klischees kann man sich ärgern. Man kann aber auch damit spielen, und das ist eindeutig die coolere Variante. Cool, also kühl und lässig, präsentieren sich die Finnen gern. Und das auch auf der Frankfurter Buchmesse, die am Dienstag eröffnet wird. Finnland ist in diesem Jahr Ehrengast der weltweit wichtigsten Bücherschau, und das nordeuropäische Land hat ein gewaltiges Programm auf die Beine gestellt, um sich und seine Literatur eindrucksvoll zu präsentieren. Dafür schicken die Veranstalter sogar eine Sauna - finnischer geht’s ja wohl kaum - nach Frankfurt: Ein Feuerwehrauto wurde zu einer fahrbaren Schwitzhütte umgebaut, in der junge Autoren ihre Texte vorstellen - allerdings nur kurz, damit das Publikum nicht zu sehr ins Schwitzen gerät. „Schweiß & Poesie“ nennt sich dieses heiße Lesetreffen.

Fili, eine Art finnisches Goethe-Institut, bringt gut 60 Schriftsteller zur Messe. Für ein Land mit einer sogenannten kleinen Sprache - Finnland hat gerade mal 5,5 Millionen Einwohner - ist die Frankfurter Messe als Schaufenster besonders wichtig. Hier kommen Agenten, Verleger und Journalisten aus aller Welt zusammen, und hier kann man vorzüglich über Lizenzen verhandeln.

Der Star der finnischen Gegenwartsliteratur, Sofi Oksanen, hat solch einen Auftritt allerdings kaum noch nötig, so bekannt ist die 37-Jährige auch außerhalb ihres Heimatlandes. Die Autorin, deren Roman „Fegefeuer“ auch in Deutschland ein Bestseller war, ist Gastrednerin bei der Messe-Eröffnung am Dienstag. Gerade ist auf Deutsch ihr neuer Roman „Als die Tauben verschwanden“ (Kiepenheuer & Witsch, Deutsch von Angela Plöger, 431 Seiten, 19,99 Euro) erschienen. Oksanen, deren Mutter aus Estland stammt, erzählt - wie in „Fegefeuer“ - eher eine estnische denn eine finnische Geschichte. Das Buch handelt von Roland, der in den vierziger Jahren für die estnische Souveränität kämpft, von dem Karrieristen Edgar und dessen Frau Juudit, die sich während der Okkupation Estlands in einen deutschen SS-Mann verliebt. Die Geschichte spielt während des Zweiten Weltkriegs und in den sechziger Jahren. Es ist ein dramatischer Stoff, den Oksanen unangenehm auswalzt; außerdem übertreibt sie es mit den detaillierten Schilderungen von Massakern und Hinrichtungen. Bei ihr ist alles dick aufgetragen, die Charaktere ebenso wie die Schicksalsschläge - Wahn, Suff, Intrigen zuhauf.

Jede Menge historische Romane

Zahlreiche Romane, die in den vergangenen Jahren in Finnland erschienen sind, beschäftigen sich mit der Historie des Landes. Finnland ist eine junge Nation, wurde erst 1919 gegründet. Dass das Land als Folge des „Winterkriegs“ 1939/1940 gegen die UdSSR weite Teile seines Gebiets an die Sowjetunion verloren hat, begreifen noch heute viele Finnen als nationales Trauma. Im Zweiten Weltkrieg kämpften die Finnen an der Seite der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion und verloren dadurch weiteres Land.

Die schwierigen Anfangsjahrzehnte des Landes behandeln zahlreiche Autoren der mittleren und der jungen Generation. Der 53-jährige Kjell Westö etwa, dessen Roman „Das Trugbild“ (btb, Deutsch von Paul Berf, 416 Seiten, 19,99 Euro) jetzt in den Handel gekommen ist, erzählt schon in einer Trilogie über Menschen aus Helsinki. Der erste Band, „Wo wir einst gingen“, spielt in der Zeit nach dem Bürgerkrieg 1918/1919. Westö ist der bekannteste finnisch-schwedische Autor; rund 5,5 Prozent der Finnen gehören der schwedischen Minderheit an.

Auch Juha Itkonen blickt in seinem Roman „Ein flüchtiges Leuchten“ (Droemer, Deutsch von Stefan Moster, 544 Seiten, 19,99 Euro) zurück: Der 38-Jährige hat einen Familienroman geschrieben, der drei Generationen umspannt. Darin geht es auch um das problematische Verhältnis zur UdSSR: Mit der Sowjetunion bestand seit 1948 ein „Freundschaftsvertrag“, der das Land an den starken Nachbarn im Osten band. Itkonens Protagonist träumt denn auch von einem Leben in den USA. Doch natürlich gibt es auch Autoren, die Gegenwartsstoffe erzählen. Von Rikka Pulkkinen, die vor einigen Jahren mit dem Roman „Wahr“ einen großen Erfolg hatte, ist jetzt der Liebesroman „Die Ruhelose“ (List, Deutsch von Elina Kritzokat, 348 Seiten, 18 Euro) erschienen. Sehr gegenwärtig ist auch Johanna Holmströms Roman „Asphaltengel“ (Ullstein, Deutsch von Wibke Kuhn, 393 Seiten, 14,99 Euro). Darin geht es um die Schwestern Leila und Samira, deren Vater aus Algerien stammt. Die Mutter, eine zum Islam konvertierte Finnin, ist streng religiös - und das Leben der beiden Mädchen schwierig. Samira flüchtet von zuhause, und Leila muss sich in der Schule zur Wehr setzen, wo sie als „musumuija“, als muslimisches Mädchen, gemobbt wird. Ein kraftvoller, realistischer Roman aus dem Land, in dem die rechtspopulistische Partei Die wahren Finnen zweistellige Wahlerfolge erzielt hat.

Ein Gastland in Zahlen

  • 20 Millionen Bücher werden in Finnland pro Jahr verkauft. Das sind vier Bücher pro Person, Kinder mit eingerechnet.
  • 17 Bücher liest jeder Finne pro Jahr.
  • 45 Minuten täglich vertieft sich jeder Finne in ein Buch.
  • 70 Prozent der Finnen lesen ein Buch pro Monat.
  • 10.000 Neuerscheinungen (Lehr- und Sachbücher inklusive) veröffentlichten die 103 finnischen Verlage 2013, rund 5000 davon waren literarische Neuerscheinungen.
  • 16 Prozent der verkauften Bücher sind fiktionale Literatur, diese macht den größten Teil des Buchumsatzes aus.
  • 80 Prozent der Finnen nutzen Bibliotheken.
  • 13 Bücher pro Jahr leihen die Finnen in Bibliotheken aus – in Deutschland leiht jeder Benutzer nur drei Bücher jährlich aus.
  • 93 Prozent der Finnen finden es wichtig, dass es im eigenen Wohnort eine Bibliothek gibt.
  • Finnland hat die höchste Gesamtauflage an Zeitungen pro Kopf in der EU und die dritthöchste weltweit.
  • 97 Prozent der jungen Finnen lesen Zeitung.
  • Auf 100 Einwohner kamen im vergangenen Jahr 172 Mobilfunkverträge.
  • 23 Prozent der finnischen Gesamtschulen haben weniger als 50 Schülerinnen und Schüler.

sam/Quelle: Frankfurt Buchmesse

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