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Kultur Frührentnerin mit Kinderwunsch
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00:23 26.04.2014
Von Stefan Stosch
Luise (Iris Berben) lässt keine Konfrontation aus, in jedem (Rede-)Duell schnappt sie zurück.
Luise (Iris Berben) lässt keine Konfrontation aus, in jedem (Rede-)Duell schnappt sie zurück. Quelle: Senator
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Hannover

Diese Frau hat Eier. Okay, das lässt sich jetzt so oder anders verstehen, trifft aber in jedem Fall zu: Luise (Iris Berben) lässt keine Konfrontation aus, in jedem (Rede-)Duell schnappt sie zurück – und es gibt viele Duelle in diesem Film. Ebenso hat die Molekularbiologin aber auch vor 20 Jahren ihre Eier fachgerecht eingefroren, unbefruchtet natürlich. Jetzt wird die Sechzigjährige nach einem Büro-Nahkampf mit einer Kollegin in den Vorruhestand abgeschoben, und plötzlich spürt sie tief in sich drin: Sie will ein Kind nach der Karriere. Nur ein Spermaspender fehlt noch.

Das Problem ließe sich per Bestellung bei einer Samenbank lösen. Die Reproduktionsmedizin macht heute vieles möglich – worüber Luise zumindest in der Theorie bestens informiert ist. Frau muss nur wollen. So leicht ist es dann aber doch nicht: Was bei älteren Männern inzwischen ganz normal scheint – Nachwuchs auch in deutlich reiferen Jahren zu bekommen –, wird Luise als Unverantwortlichkeit ausgelegt.

Als Typ unwürdige Greisin läuft sie durch die Stadt. Unglauben ist noch die freundlichste Reaktion. Da schiebt sich für Momente ein tragische Note in diese aufgekratzte Geschichte, in der immer mal wieder die Trauer über verpasste Lebenschancen anklingt.

Unterkriegen lässt sich Luise aber nicht. Erst überfährt sie mit ihrem Auto die dauerschreiende Baby-Testpuppe, die ihre Nachtruhe so empfindlich stört. Dann findet sie ein Prachtexemplar von Spender – gerät durch Zufall aber mit dessen Vater Frans (Edgar Selge) aneinander. Frans ist gerade auf dem ultimativen Jugendtrip und schreckt auch vor Zungenpiercing nicht zurück, um seine nicht einmal halb so alte Freundin zu beeindrucken.

Klar weiß man von nun an, wie der Hase läuft in Sigrid Hoerners Komödie „Miss Sixty“. Wer sich anfangs nicht ausstehen kann, liebt sich später um so mehr. Das war schon so, als noch Rock Hudson und Doris Day in romantischen Komödien antraten.

Aber die Vorhersehbarkeit ist kein Makel. Der Geschlechterkrieg ist immer wieder und immer noch eine spaßige Angelegenheit, jedenfalls für die Zuschauer, wenn auch nicht unbedingt für die Beteiligten – sofern er nur mit genügend Bösartigkeit ausgetragen wird. Und das ist hier der Fall. Die Pointen sitzen, das Timing stimmt, Drehbuchautorin Jane Ainscough weiß, dass Frau und Mann nicht unbedingt zueinander passen.

Bald geht es schon nicht mehr nur um Luises Babywunsch. Vorzugsweise die Männer kriegen ihr Fett weg. Der Alt-Achtundsechziger Frans ist ein dankbares Objekt des Spotts, wenn es darum geht, sich lächerlich zu machen. Nebenbei bekommt aber auch der leerlaufende Kunstbetrieb eins übergebraten, Frans ist schließlich Galerist. Und auch die Journalistenzunft muss hier Federn lassen.

Das eigentliche Pfund aber sind die Darsteller in dem Kinodebüt von Hoerner, die bislang vorwiegend als Produzentin gearbeitet hat („Pigs will fly“, „Im Schwitzkasten“). Iris Berben, 63 Jahre alt, versteht es auch mit künstlichem Test-Babybauch, sich würdig durch die Kinderabteilung zu schieben. Und Edgar Selge, 66, ist mit Toupet und verkrampft schwungvollem Gang – wegen Hexenschuss nach Sex mit seiner jungen Geliebten – eine Wucht. Wenn er bei Luise auf dem Sofa sitzt und die Welt nicht recht durchschaut, versprüht er Loriot-Humor (und sieht sogar ein bisschen so aus wie der Humorist). Es gelingt ihm tatsächlich, seinen Frans vor einem Ende als Schießbudenfigur zu retten.

Auf Luises Couch ist übrigens auch deren kernige Mutter Doris mit von der Partie. Darstellerin Carmen-Maja Antoni trägt genauso zum Spaß an diesem Film bei wie Michael Gwisdek als Frans’ abgeklärter Freund Dieter, der stets und nicht zu Unrecht die Lust auf „Muschis“ hinter den hochtrabenden Reden seines Kumpels vermutet.

Man sollte „Miss Sixty“ keinesfalls in das zurzeit so beliebte Genre Seniorenkomödie einordnen. Dafür sind die Protagonisten viel zu gut in Form. Dieser Film schöpft aus dem prallen Leben und hält sich glücklicherweise bis zum Schluss von jedweder Sentimentalität fern. Wenn Frans Luise erklärt, sie sei die schönste Frau in seiner Galerie („jedenfalls in diesem Teil des Raums“), dann meint er das auch so. Dass Luise auch eine der älteren Frauen ist, ist ebenso klar. Aber älter werden wir ja alle. 

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