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Kultur Experten diskutieren im NDR-Funkhaus
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06:17 13.05.2012
Von Simon Benne
Cem Özdemir hielt im NDR-Funkhaus ein Plädoyer für den Verzicht. Quelle: Herzog
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Hannover

Von Förstern lernen heißt siegen lernen: Schließlich wussten diese schon immer, dass jede Generation die Bäume schlägt, die eine andere gepflanzt hat. Der vor 200 Jahren in der Forstwirtschaft geprägte Begriff „Nachhaltigkeit“ ist heute das Mantra aller Wirtschaftsethik. Doch wie sieht das „Smart Growth“ aus, jenes „kluge Wachstum“, das Wilhelm Krull, Generalsekretär der gastgebenden Volkswagen Stiftung, beim Herrenhäuser Forum beschwor? Wo genau stößt die Ökonomie des Höher, Schneller, Weiter an ihre Grenzen?

Die frisch gekürte Wirtschaftsweise Claudia Buch mochte Wachstum nicht per se verdammen: Schließlich sei mit dem Pro-Kopf-Einkommen im vergangenen Jahrhundert weltweit nicht nur die CO2-Emission, sondern auch die Lebenserwartung gestiegen. „Wachstum bedeutet nicht unbedingt den Verzehr von knappen Ressourcen“, sagte die Tübinger Volkswirtin im NDR-Landesfunkhaus.

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Buch warnte davor, den Einfluss der Politik auf das Wachstum zu überschätzen. Grünen-Chef Cem Özdemir hingegen forderte mit Blick auf wild gewordene Finanzmärkte ein Regulativ: „Wir brauchen wieder einen Primat der Politik“, sagte er. Es sei ein „Marktversagen“, wenn es 2010 weltweit 77,6 Millionen Kfz-Neuzulassungen gegeben habe. Angesichts des Klimawandels warb er mit Verve für einen „Green New Deal“, für eine große ökologische Wende: „Es geht um die Existenz auf diesem Planeten“, sagte er ohne falsche Scheu vor Pathos - und Deutschland könne mit seinem Know-how in der Umwelttechnologie dabei am Ende sogar als Gewinner dastehen.

Die hochkarätig besetzte Runde, von WDR-Redakteurin Tanja Busse spritzig und souverän moderiert, diskutierte all diese ganz großen Fragen auf einer beachtlichen intellektuellen Flughöhe. Kehrseite der Medaille: Manches blieb eher abstrakt. Als Mann aus der Praxis sorgte da Andreas Büchting, Aufsichtsratschef der KWS Saat AG, für Bodenhaftung: „Ein Unternehmen kann es sich nicht erlauben, langfristig nicht zu wachsen“, erklärte er.

Dies konnte aber die Vorbehalte nicht entkräften, die Gerhard de Haan vom Institut Futur der FU Berlin gegen die Ideologie eines grenzenlosen Wachstums vorbrachte: „Unser Wirtschaftsmodell lässt sich nicht weltweit kopieren“, mahnte er – ganz im Geiste von Kants kategorischem Imperativ – angesichts aufstrebender Schwellenländer.

Özdemir plädierte eher für Verzicht: „Wir haben in Deutschland so viele Autos, dass wir die Rücksitze eigentlich gar nicht bräuchten.“ Sein radikalstes Argument gegen die Wachstumsideologie war freilich kein rein ökonomisches: „Unser Empfinden von Lebensqualität hat sich mit dem Wachstum nicht verbessert.“

Da sprach er dem Schweizer Ökonomen Mathias Binswanger aus der Seele, der ebenso klug wie unterhaltsam darüber aufklärte, dass Geld nicht glücklich macht. Anders als Özdemir, der in Sachen Öko-Wende auf innovative Technologie setzte, warnte Binswanger vor einem „Rebound-Effekt“: „Wie reagieren wir, wenn wir sparsamere Motoren entwickeln? Wir fahren mehr, weil wir es uns leisten können.“ Dennoch vertraut er optimistisch auf die Einsichtsfähigkeit der Konsumenten, die ja keinesfalls nur egoistisch handelten: „Menschen verhalten sich teils altruistisch, als soziale Wesen.“

Einen Ausweg deutete auch de Haan an, als er forderte, eher das Wachstum von Bildung, von Wissen zu fördern als das der Wirtschaft. Özdemir stimmte sofort zu. Doch der Wirtschaftsweisen Buch schwante, dass es so leicht nicht sei: „Bildung führt zu Wachstum“, sagte sie. Das klang fast fatalistisch. So blieb als Fazit der Debatte die Erkenntnis: So wie bisher kann es nicht weitergehen. Aber wie man alles ändern soll, weiß kein Mensch.

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