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Kultur Experten diskustieren die Verlage der Zukunft
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18:20 27.05.2013
Von Daniel Alexander Schacht
Heute schon wieder von gestern: Lesegeräte für elektronische Bücher auf der Frankfurter Buchmesse. Quelle: Thomas Lohnes
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Hildesheim

„Zum Koksen gibt es alles im Headshop, außer Kokain.“ Die Bemerkung des Autors Max Goldt hat der Blogger Sascha Lobo jetzt auf die schreibende Zunft umgemünzt - schließlich können auch gute Texte rauschhafte Zustände auslösen: „Für Literatur gibt es alles im Internet, außer Literatur.“ Das Aperçu führt zur kurzen Antwort auf die Frage, wie wohl der Verlag der Zukunft aussieht: Es wird nicht alles besser, sondern nur einiges anders - und manches wird auch nur anders genannt. Jedenfalls soweit und solange Lobos Formel Geltung beanspruchen kann.

Auf die Frage nach dem künftigen Dreiecksverhältnis von Autoren, Verlagen und Lesern sind aber auch ausführlichere Antworten erhältlich. Und die fallen je nach Stellung zum und im literarischen und verlegerischen Prozess verschieden aus. Das war jetzt bei einer Tagung der Kulturwissenschaftler an der Universität Hildesheim zu beobachten. Da positionierte sich Daniela Seel, Autorin und Gründerin des kleinen Lyrik-Verlags Kookbooks, anders als Jo Lendle, der nächstes Jahr verlegerischer Geschäftsführer des großen Hanser Verlags wird. Und quer zu beiden stellte sich eben der Blogger Sascha Lobo auf, dessen Irokesenfrisur seine Kolumne bei „Spiegel Online“ schmückt - und der für jene Dreiecksbeziehung nichts Geringeres als eine Revolution durchs Internet voraussagt.

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Vielleicht keine Revolution, wohl aber ein anderes Rollenspiel wäre in diesem Dreieck wohl erforderlich, wenn es nach den Autoren geht. Nur wenig mehr als ein Drittel von ihnen ist nach einer Umfrage der Gewerkschaft ver.di zufrieden mit der Arbeit der Verlage. Denn die, so klagen die Autoren, zahlten zu wenig und täten nicht genug, um den Lesern ihre Bücher anzupreisen. Angesichts der Tatsache, dass weniger als drei Prozent der Schriftsteller in Deutschland allein vom Verkauf ihrer Bücher leben können, mutet solcher Unmut fast bescheiden an.

Der 44-jährige Jo Lendle, der in Hildesheim Kulturwissenschaften studiert hat, bevor er in Montreal und am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig war, sieht ebenfalls neue Chancen, aber auch Risiken durch das weltweite Netzwerk: Everybody is a publisher, werde heute gern frei nach dem Internet-Vordenker Clay Shirky behauptet. „In der Tat revolutioniert das Internet die Produktion und Distribution von Literatur.“

Buchläden würden durch Plattformen im Netz abgehängt, der Autor könne sich dem Leser einfach „auf den Schoß setzen“. Nur: Will der Leser das? Lendle, der selbst Bücher schreibt und vor seinem Wechsel zu Hanser den DuMont-Buchverlag geführt hat, warnt vor zwei Kurzschlüssen: Erstens gehöre zum Verlegen mehr als nur Druck und Vertrieb. „Gute Verlage haben nicht einfach Schriftsteller, sie machen sie, indem sie den Rahmen für die Entstehung eines Werkes schaffen.“ Zweitens hätten Verlage über diese kreative Rolle hinaus eine Türhüterfunktion. Nicht nur weil sie Autorenrechte schützten, sondern auch weil sie mit ihrem Profil und ihrem Namen für Qualität bürgten. „Heute ist dann oft von ,Marke‘ die Rede, früher sagte man einfach ,Werk‘.“

Für Qualität plädiert auch Sascha Lobo. Doch der sieht jene Türhüter eher als Handicap denn als Garanten schöpferischer Vielfalt. In der Zukunftswelt, wie sie der oft als „Klassensprecher der Blogger“ bezeichnete 38-Jährige sieht, haben geschlossene Systeme kaum einen Platz. Weder das gedruckte Buch noch das E-Book noch isolierte Internet-Plattformen. „Die Zukunft ist nicht der Kindle, die Verlagsapp oder der Internet-Buchhandel, sondern das browsergestützte Publizieren und Distribuieren.“

Texte einfach ins Netz stellen? Das ist, nicht zuletzt wegen der Autorenrechte, bislang ziemlich unüblich. Lobo wirbt für seine noch im Aufbau befindliche, offene und doch die Urheberrechte wahrende Plattform „Sobooks“. Dort erworbene Texte sollen direkt kommentierbar und auszugsweise mit sozialen Medien verknüpfbar sein. „Allein über Facebook laufen mehr Gespräche als über die hundert nächstkleineren sozialen Netzwerke zusammen“, rechnet Lobo vor. Die Themen seien oft die der Bücher, doch die Verlage nutzten dieses Potenzial kaum.

„Soobooks“ soll Lesetips auf Facebook & Co. ebenso direkt möglich machen wie einen Buchkauf ohne Umwege auf andere Websites - und so auch ein Verkaufstresen sein. Und umgewälzt werde außer dem Vertrieb auch das Schreiben von Texten. „An meinem jüngsten Buch haben bis zu fünf Autoren gearbeitet - gleichzeitig und browsergestützt.“ Die alte Aura des Autors als einsamer Schöpfers würde so durch eine Aura des kollektiven Internetprodukts abgelöst.

Ist das alles gänzlich neu? Keineswegs, erinnert Daniela Seel: Für Lyrik gibt es längst offene Plattformen - internationale wie „Pennsound“ oder deutschsprachige wie „Poetenladen“ oder „Lyrik-line“. Also hat die Revolution schon begonnen? Vielleicht, aber die ganz große Umwälzung, der Sturz aller althergebrachten verlegerischen Verhältnisse, lässt vorerst weiter auf sich warten. „Noch“, erinnert Jo Lendle, „werden 92 Prozent des Buchgeschäfts mit Printprodukten abgewickelt.“ Darin liegt freilich kaum ein Trost für den Buchhandel - denn ins Netz wandert zusehends auch der Printvertrieb ab.