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Kultur Elke Krystufek in der Kestner-Gesellschaft
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22:58 17.12.2009
Frauenbewegung: Elke Krystufek läuft durch den Saal, an dessen Wänden sie die Namen der Künstler hat anbringen lassen, die in der Kestnergesellschaft gezeigt worden sind: blau die Namen der Männer, rot die der Frauen.
Frauenbewegung: Elke Krystufek läuft durch den Saal, an dessen Wänden sie die Namen der Künstler hat anbringen lassen, die in der Kestnergesellschaft gezeigt worden sind: blau die Namen der Männer, rot die der Frauen. Quelle: Martin Steiner
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In den neunziger Jahren hat sich die große, schlanke Frau mit den auffallend geschminkten Lippen und dem festen und zugleich sensiblen Blick auf den Vernissagen ihrer Ausstellungen ausgezogen. Performance nannte sie das. Heute wird automatisch von ihr eine Performance erhofft. Doch sie entblößt sich nicht mehr. Das machen andere für sie. Wie jetzt in der Kestnergesellschaft. „Die anderen machen die Performance“, sagt Elke Krystufek leise und lächelt. Die Ausstellungseröffnung hatte sich verzögert; erst hieß es, sie sei abgesagt, dann konnten sich Künstlerin und Institution doch noch einigen.

Die Protagonisten von Krystufeks Performance in Hannover treten mit Decknamen auf. Sie heißen Moritz und Kläuschen. Der eine ist „Direktor des lokalen Kunstvereins“, der andere sein „Sohn“ respektive Kurator. Sie sind Darsteller in einer Filmposse mit dem Titel „Below the Male Belt“ – „Unter der männlichen Gürtellinie“. Die beiden haben in den zurückliegenden Wochen mit der Künstlerin Mails gewechselt. Es ging um die Vorbereitung ihrer Ausstellung „Less (Male) Art“, um Transporte, Kosten, Formalitäten, das Übliche. Damals ahnten Moritz und Kläuschen noch nicht, dass sie Kunstfiguren sind. Allerdings treten sie nicht selbst in dem Film auf – man sieht nur die Briefe.

Eigentlich hatte die Künstlerin vor, eine Recherche über exotische Phantasien und Genderstereotype auf der Tropeninsel Palau zu machen. Das Hinterfragen von Geschlechterrollen ist ihr Spezialgebiet. Sie war auch auf der Insel, mit einem männlichen Modell, doch das 10 000-Euro-Darlehen der Kestnergesellschaft hat nicht ausgereicht, sagt sie. Deswegen änderte sie das Reiseziel. Nun ging sie auf eine Reise durch die Institution namens Kestnergesellschaft.

Je tiefer sie in die „unfinanzierte“ Filmproduktion eingetaucht sei, desto mehr habe sich „der Dschungel der Institution“ geöffnet, erfährt man in dem dunklen Filmsaal. Moritz schrieb jovial: „Liebe Elke, klar weiß ich, wie du arbeitest, bin schon gespannt, ob du dich nachts einschließen lässt und mit dem großen Pinsel loslegst“ und hängte ein Smiley-Zeichen an. Schnitt. Schwenk auf Klaus Theweleits Buch „Männerphantasien“.

„Ich habe keine Angst, eine unfertige Ausstellung zu eröffnen, schön entspannt bleiben“, schreibt der lokale Kunstvereinsdirektor und weiter: „Die Preview-Besucher lieben halbfertige Ausstellungen, dann fühlen sie sich mitten im Geschehen.“ Dann wird der Ton gereizt. Es fallen Worte wie „Budgetloch“. Von 28.000 Euro „Unterfinanzierung“ ist die Rede – „eine Menge Holz“. Der Künstlerin wird nahegelegt, „Mehrkosten“ zu übernehmen. Moritz bringt nun das Thema Künstlereditionen ins Spiel und fragt: „Hast du dir schon Gedanken gemacht, was du uns geben möchtest?“

Wie Strandgut finden sich dazwischen Fetzen des ursprünglichen Filmvorhabens. Und Fragen wie „Warum hat Gott keine Tochter und keine Frau?“. Den Text für ihren Film hat Krystufek der realen E-Mail-Korrespondenz mit dem Leiter der Kestnergesellschaft und dem Kurator der Ausstellung entnommen. Man fragt sich als Betrachter, ob in der Korrespondenz mit männlichen Künstlern eigentlich auch ein solcher Ton angeschlagen und wieso so häufig von Angst geredet wird. Vor allem aber fragt man sich, ob die Kestnergesellschaft gut beraten ist, ein derartig entblößendes Werk zu zeigen. Als künstlerische Arbeit ist es freilich ein starkes, wuchtiges Stück.

Die von der Venedig-Biennale nach Hannover geflatterten Männerakte Krystufeks (mit zuckergussartigem Gemächt) – sie hingen im Padiglione Austriaco, dem österreichischen Pavillon – wollen zu dem im Film angeschlagenen Ton freilich nicht so recht passen. Bei den Männerakten geht es um ein ganz anderes Thema: den in der Kunstgeschichte bislang unterbelichteten (erotischen) Blick der heterosexuellen Frau und Künstlerin auf männliche Aktmodelle.

Kestnergesellschaft Hannover, Goseriede 11, bis 7. Februar.

von Johanna DiBlasi

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