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Kultur Elke Heidenreich meldet sich mit Doppelschlag zurück
Mehr Welt Kultur Elke Heidenreich meldet sich mit Doppelschlag zurück
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19:35 06.10.2009
Von Jutta Rinas
Wieder da im Literaturbetrieb: Elke Heidenreich.
Wieder da im Literaturbetrieb: Elke Heidenreich. Quelle: DDP
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"Majestät“ oder gar „Päpstin“ wurde Elke Heidenreich zu Hochzeiten ihrer Literatursendung „Lesen!“ genannt. Ihr Einfluss auf den Buchmarkt war enorm, fast jede ihrer Buchempfehlungen wurde zum Bestseller. Seit ihrem Rausschmiss beim ZDF nach ihren Angriffen auf den Sender im Oktober 2008 war von der Frau wenig zu hören; nur im Internet meldete sie sich regelmäßig zu Wort. In den Medien war mehr über ihre Liaison mit dem 28 Jahre jüngeren Komponisten Marc-Aurel Floros zu erfahren als über neue Literaturprojekte.

Jetzt meldet sich die 66-Jährige mit einem Doppelschlag zurück: Als Roman­autorin und als Verlegerin eines eigenen Musikbuchverlages unter dem Dach des Verlagsriesen C. Bertelsmann scheint sie präsenter als je zuvor. Allerdings: Nicht nur sie selbst, sondern auch ihre Bücher sind in die Jahre gekommen.

Der Dialogroman von Heidenreich und ihrem früheren Lebensgefährten Bernd Schroeder, „Alte Liebe“, und der wichtigste Titel der Edition, „Brendels Fantasie“ von Günther Freitag, handeln von Menschen jenseits der 60, vom Altwerden mit all seinen Besonderheiten. Beide Bücher haben etwas erstaunlich Rückwärtsgewandtes, ja manchmal Ältliches an sich: im Plot, im Sprachduktus, in der Figurenführung. Das ist man von der Kodderschnauze Heidenreich nicht gewohnt. Und es ist wenig erfrischend zu lesen.

Die „Alte Liebe“, die im Titel auf einen stillgelegten Rheindampfer in Köln anspielt, ist noch das kleinere Übel. In dem Roman begegnet man einem alten Ehepaar, das von den Idealen der 68er-Generation zehrt und entsprechend indigniert auf die einzige Tochter herabblickt, die ihre Zukunft durch die Heirat mit einem neureichen Schnösel sichern will. Zu dick aufgetragen wirkt die Hochzeit des Kindes, das sich einen Leipziger Immobilienhai geangelt hat. Peter Maffay und einen Tenor der Leipziger Oper lädt dieser Kulturbanause zur kirchlichen Trauung mit 500 Gästen ein. Viel allzu plakativer Stoff für alt gewordene Bildungsbürger, um sich an der ach so kulturlosen und geld­fixierten Jugend von heute abzuarbeiten.

Immer wieder kokettieren die Eheleute mit ihrer Unkenntnis gegenwärtiger Medienwelten („Michael Mittermaier? Kenn ich nicht.“) und ihrem Unwillen, sich neuen Medien zu öffnen. („Wer liest denn im Internet oder am E-Book. Ich glaube, ich werde alt. Ich will diesen Kram nicht.“). Bibliothekarin Lore mokiert sich über den Quatsch, der heutzutage geschrieben wird (Vampirromane, Tintenherz bis Tintentod). Dass der „Quatsch“ mit den Vampirromanen für Kinder schon 1979 mit dem „Kleinen Vampir“ von Angela Sommer-Bodenburg begann, vergisst Bibliothekarin Lore. Und, klar, Bahnfahrkarten im Internet können die beiden auch nicht kaufen.

Viel zu selten schaffen es die Autoren, ihren Figuren eine authentische Altersmelancholie mitzugeben. Viel zu selten schwingt zwischen steifen Formulierungen wie „Unsere Sexualität bekam einen positiven Schub“ Selbstironie mit: wie etwa in einem Dialog des Paars: „Lore, ich liebe dich.“ „Harry, ist dir nicht gut?“

Der von Elke Heidenreich herausgegebene Roman „Brendels Fantasie“ gibt sich schon mit den verschnörkelten Schriftzügen auf dem Titelbild nostalgisch. Die Hauptfigur, ein sterbenskranker Fabrikant namens Höller, ist extrem weltfern: CDs, Computer, Fernsehen, nichts davon berührt diesen Mann. Höller träumt den alten Künstlertraum, sich mithilfe eines Kunstwerks unsterblich zu machen. Er will dies erreichen, indem er dem großen Pianisten Alfred Brendel die Gelegenheit gibt, eine letztgültige Interpretation von Schuberts „Wandererfantasie“ zu schaffen.

Es verwundert schon, dass Freitag sich da ausgerechnet Brendel ausgesucht hat, der sich immer wieder gegen diesen überhöhenden Künstlerkult gewendet hat. Abschreckend ist die langatmige, gestelzte Sprache. Ganze Absätze braucht der Autor, nur um auszudrücken, dass der Fabrikant Höller es blöd findet, wie Leute heutzutage ihre Schals tragen. In dem schlecht redigierten Buch ist zudem ein so krudes Satzfragment wie „Nicht mehr in sein Leben stimmt“ stehen geblieben.

Aus Österreich kommen großartige Musikerromane wie Thomas Bernhards „Untergeher“ oder Elfriede Jelineks „Klavierspielerin“. Wer dieses Genre schätzt, sollte auf eines der beiden 1978 beziehungsweise 1983 veröffentlichten Werke zurückgreifen. Beide sind moderner, frischer und um ein Vielfaches lesenswerter als Freitags 2009 erschienener Roman.

Elke Heidenreich/Bernd Schroeder: „Alte Liebe“. Hanser. 192 Seiten, 17,90 Euro.

Günther Freitag: „Brendels Fantasie“. Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann. 192 Seiten, 18,95 Euro.