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Kultur Die „Einstürzenden Neubauten“ im Capitol
Mehr Welt Kultur Die „Einstürzenden Neubauten“ im Capitol
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17:26 11.11.2014
„Lament“ ist selbst für die Verhältnisse der Einstürtzenden Neubauten besonders.
„Lament“ ist selbst für die Verhältnisse der Einstürtzenden Neubauten besonders. Quelle: Michael Thomas
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Hannover

Der Titel lautet „Der 1. Weltkrieg (Percussion Version)“. Drei Mitglieder der Einstürzenden Neubauten trommeln auf grauen Plastikrohren. 120 Anschläge pro Minute, ein Beat für jeden Tag des Krieges. Eine Tonbandstimme sagt die Namen von Kriegsschauplätzen, Sänger Blixa Bargeld zählt die Kolonialmächte in der Reihenfolge ihrer Beteiligung auf. Am Ende, nach so vielen Namen, nach so vielen Tagen, da kommt ein Trommelwirbel, und Bargeld sagt, dass der Erste Weltkrieg mit dem nächsten Takt ende. Klack. Wenn Konzertbesucher sagen: „Krass, wie lange so ein Krieg dauert“, und das nicht als Scherz gedacht ist, dann hat da jemand etwas Bbesonderes geschaffen.

Die Einstürzenden Neubauten droschen Anfang der Achtziger auf Schrott und Müll ein, weil sie keine Instrumente hatten – so die Legende. Sänger Bargeld sagte einmal, dass 1980 das „Zeitklima“ für diese Band, für diese Musik reif war. „Es gab einen Haufen Mist, für den sich kein Schwein mehr interessiert hat – da war alles Neue willkommen.“ Später war Bargeld viele Jahre auch Gitarrist von Nick Cave (und sang auf Konzerten den Part von Kylie Minogue in „Where The Wild Roses Grow“). „Lament“ ist nun eine Auftragsarbeit für die Region Flandern. Am Wochenende hatten die Neubauten dieses Performanceprojekt in Diksmuide aufgeführt, einer Kleinstadt an der Yser, die im Ersten Weltkrieg zerstört und später wieder aufgebaut wurde.

Die Neubauten spielen dieses 73-minütige Themenalbum auch im Capitol am Stück. Die „Kriegsmaschinerie“ läuft an. Die Bandmitglieder schlagen und schleifen und hauen also auf allerlei Metall, das Bühnenhelfer unentwegt anschleppen. Alles verdichtet sich, bedrohlich, als walze sich da einer dieser Panzer über Schützengräben, über Stacheldraht und Helme und Menschen und Menschlichkeit.

Nach einigen „Hymnen“ auf Kaiser und König zitieren Bargeld und Bassist Alex Hacke mit verfremdeten Auto-Tune-Stimmen aus den Telegrammen, die sich Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. zusandten. Das Rohe, das Industrielle, das diesen Krieg so bestimmen sollte und alle Kriege danach, das drücken die Neubauten auch in ihren Instrumenten aus, die Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard ergänzen. Ein Klangspiel aus Granatenhülsen, eine Harfe mit fünf gespannten Stacheldrahtstücken statt Saiten, eine alte Gehhilfe aus Holz – mit einer Saite zum Kontrabass gemacht. Dort, wo es passt und nicht ohnehin übertönt wird, da setzen vier Streicher ein, die inmitten all des Metalls platziert sind. Es gibt ein paar Stimmungen, die man mit Stacheldraht einfach schlecht beschreiben kann.

„Sag mir, wo die Blumen sind“

Ein Glanzstück ist nicht nur Bargelds Sprechversion von „Sag mir, wo die Blumen sind“. Besonders schön ist „Der Beginn des Weltkrieges 1914 (Dargestellt Unter Zuhilfenahme eines Tierstimmenimitators)“. Bargeld hatte sich für die Recherche Tondokumente aus dem Deutschen Rundfunkarchiv schicken lassen. Darunter fand sich ein Stück des Kabarettisten Joseph Plaut aus dem Jahr 1926. Dieser ließ den Ausbruch des Krieges von Tieren auf einem Hof in den Vogesen erzählen. Ente, Gans und Schwein sehen die Marschierenden, sehen die Artillerie, das Schaf aber will es nicht wahrhaben. Am Ende, da ruft der alte Pfau, der schon den Krieg 1870 hatte kommen sehen: „Hitler!“ Joseph Plaut hatte da 1926 auch Einiges kommen sehen.

Die Einstürzenden Neubauten haben noch nie ein erwartbares Rockkonzert gespielt. Doch „Lament“ ist selbst für ihre Verhältnisse besonders. Nicht jedem gefällt dieses Kriegswerk. „Macht doch mal Musik“, ruft einer im Publikum. „Halt doch mal die Fresse“, antwortet eine Frau – die meisten anderen Zuschauer applaudieren da. Am Ende kommt zumindest noch ein „Hit“ wie „Let’s Do It A Dada“. „Lament“ ist abstrakt, und doch eine gelungene musikalische Annäherung an den Krieg. Es kommt spät in diesem „100-Jahre-Jahr“, in dem so viel geschrieben und berichtet wurde. Blixa Bargeld hielt am Anfang ein Plakat in die Höhe mit dem Text: „Der Krieg bricht nicht aus, war nie gefangen oder angekettet.“ Krieg ist immer da, Krieg ist von Menschen gemacht. Das kann man nicht oft genug sagen.

Gerd Schild

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