Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse
Mehr Welt Kultur Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:13 08.10.2010
Von Martina Sulner
Das Buch auf dem Bildschirm: In Frankfurt ist das bereits Normalität – und Kunstobjekt.
Das Buch auf dem Bildschirm: In Frankfurt ist das bereits Normalität – und Kunstobjekt. Quelle: dpa
Anzeige

Denn hier hat kein Autofahrer illegal geparkt, sondern der Pkw dient als Werbeträger: Auf der vorderen Ablagefläche liegt Sascha Lobos Buch „Strohfeuer“. Neben dem Debüt­roman von Deutschlands bekanntestem Blogger weist, ungefähr doppelt so groß wie der Roman mit seinem himmelblau-pinkfarbenen Cover, ein „Fahrzeug-Identifizierungsschein“ den Audi als legal abgestellt aus. „Bei Ausfahrt am Tor abzugeben“ steht auf dem Blatt.

„Agora“ heißt der Platz zwischen den Hallen großspurig. Eigentlich ist es nur ein großes, gepflastertes Rechteck, das wohl niemals einen Architektur- oder Designpreis erhalten wird. Neben dem Audi stehen hier auch ein Lesezelt und diverse provisorische Radiostudios herum, Biertische und Imbissbuden sind ebenfalls aufgebaut. Da mag in diesem Herbst Jonathan Safran Foers Buch „Tiere essen“ noch so erfolgreich sein und in Deutschland medienwirksam über Vegetarismus debattiert werden: Das lukullische Angebot auf der „Agora“ ist retro; im Angebot sind Hot Dogs und Grillwürste.

Zwischen Debatten und Wirklichkeit klafft mitunter eine erhebliche Lücke. Doch auf der Buchmesse kann man in diesem Jahr auch erleben, wie ein seit Jahren diskutiertes Thema in der Wirklichkeit ankommt – das E-Book. Darüber, ob E-Books gebraucht werden, sprechen in Frankfurt nur noch wenige. Stattdessen präsentieren Aussteller preiswerte und leicht zu handhabende digitale Lesegeräte. Manche Verlage bieten bereits „Enriched E-Books“ an. ­„Digitalbuch Plus“ nennt der Rowohlt Verlag solche „angereicherten“ Titel. Seit dieser Woche sind vier digitalisierte Rowohlt-Bücher auf dem Markt (darunter auch Lobos „Strohfeuer“), die zusätzlich zum Text Fotos und Filmausschnitte anbieten oder sogar die Möglichkeit, mit dem Autor über seinen Text zu diskutieren.

Wer Johannes Wickerts digitalisierte Monografie über Albert Einstein liest, kann in einem Filmausschnitt Einsteins Rede von der Berliner Rundfunkausstellung 1930 sehen. Manche Bücher wird der Reinbeker Verlag künftig in vier Versionen herausbringen: als Hardcover, als Taschenbuch, als digitalisierten Text und als angereichertes „Digitalbuch Plus“, das man bislang allerdings nur auf Apples iPad oder iPhone nutzen kann. Der Verlag wolle, so der Kaufmännische Geschäftsführer Peter Kraus vom Cleff, in Zeiten der Digitalisierung so neugierig und innovativ bleiben, wie man früher war, als Rowohlt die ersten Taschenbücher auf den deutschen Markt brachte. Doch: „Der mediale Hype steht im krassen Gegensatz zum ökonomischen Ertrag“, so Kraus vom Cleff. Bis jetzt mache das Unternehmen nur ein halbes Prozent seines Umsatzes mit Digitalbüchern.

Hohe Erwartungen verbanden sich mit dem Auftritt von Rowohlts Hausautor Jonathan Franzen. Der amerikanische Literaturstar stellte gestern seinen neuen Roman „Freiheit“ vor. Seine Brille blieb dabei unangetastet – am Dienstag hatte ein Mann in London sie bei einem öffentlichen Auftritt von Franzens Gesicht gestohlen. In Frankfurt blödelte der Autor gutgelaunt herum, sagte aber wenig Substanzielles zu seinem Familienroman. Die Zuschauer hingen trotzdem an seinen Lippen.

Erwartungsgemäß kontrovers fiel die Reaktion auf den Auftritt Thilo Sarrazins aus, der über sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ diskutierte. Da drängelten sich sogar noch mehr Besucher als bei Franzen. Sarrazin erntete neben Beifall auch reichlich Buhrufe.

Rund 1000 Autoren – darunter viele aus dem Gastland Argentinien – sind in diesem Jahr auf der Buchmesse zu erleben, die morgen Abend zu Ende geht. Stars und Sternchen – und Ausnahmeautoren wie der Israeli David Grossman, der morgen den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhält.

Doch so sehr sich die Prominenz in Frankfurt auch drängelt, so sehr die Branche um Innovationen bemüht ist: Manchmal geht es in Frankfurt immer noch altbacken zu, etwa beim Vortrag mit dem Titel „Ertragsquelle Stammkunde“. Rund 75 Prozent der Leser halten „ihrer“ Buchhandlung die Treue. Und damit das auch so bleibt, lauten die Ratschläge an Buchhändler zum Beispiel: Mailanfragen der Kunden unbedingt beantworten und Anrufer nicht in Telefonwarteschleifen hängen lassen! Wenn das beherzigt wird, warten auf Buchkäufer herrliche Zeiten.