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19:02 13.04.2015
Von Ronald Meyer-Arlt
Foto: Der junge David (Jonas Steglich) und seine Alien-Braut Zelda (Sophie Krauß).
Der junge David (Jonas Steglich) und seine Alien-Braut Zelda (Sophie Krauß).
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Hannover

Zelda kann sehr gut werfen. Sie nimmt einen Apfel und - tschong - knallt er der Statue im Garten den Kopf weg. David, der erst 14 ist, trifft gar nichts. Die anderen nennen ihn Kaulquappe oder Zwerg. Doch Zelda verrät ihm das Geheimnis eines guten Wurfs: „Du musst zuerst das Ziel treffen, dann den Apfel werfen und mit deinem Geist die Zeit umkehren. So kannst du Raum und Zeit zwischen dir und dem Artefakt krümmen.“ Zelda weiß so etwas, weil sie von einem anderen Planeten stammt, und nur auf der Erde ist, um ihre Mission zu erfüllen: ihre DNA mit der des Auserwählten mischen. Das ist Johnny Depp.

„Wie ich Johnny Depps Alien-Braut abschleppte“ ist ein witziges, trashiges, von Marvel-Comics inspiriertes Coming-of-Age-Jugendbuch von Gary Ghislain. Der Autor lebt in Frankreich, schreibt aber auf Englisch. Seine „Alien-Braut“ wurde ins Französische, Deutsche und ins Portugiesische übersetzt. Die Jugendabteilung des hannoverschen Schauspiels wurde auf die Geschichte aufmerksam und sicherte sich das Recht der Uraufführung. Intendant Lars-Ole Walburg entwickelte die Theaterfassung und übernahm die Regie. Am Sonntag war Premiere im Ballhof.

Wieder einmal steht dem Regisseur Walburg ein spektakuläres Bühnenbild zur Verfügung. Kathrin Frosch hat eine Art Skilift über die Ballhof-Bühne gelegt. Wie bei den aus Reinigungen bekannten Kleiderkarussells schweben Requisiten und Bühnenbildbestandteile fortwährend durch den Raum. Diese witzige Auflösung des Ortes in Bewegung, dieses fortwährende Gleiten der Dinge passt hervorragend zum Buch, schließlich schildert Ghislain, wie die Alltagswelt eines 14-Jährigen durch die Begegnung mit einem verblüffenden Mädchen schwer durcheinander gerät.

Jonas Steglich spielt den Jungen mit viel Teenagercharme. Mit ihm stehen zwei Schauspielerinnen auf der Bühne: Sophie Krauß als kühle Alien-Braut Zelda und Sarah Franke als Stiefschwester Malou und in vielen weiteren Rollen. Die drei Schauspieler reichen, um das personen- und handlungsreiche Buch auf die Bühne zu bringen. Großartige Wandlungsfähigkeit demonstriert besonders Sarah Franke, die sowohl die exaltierte Mutter als auch den verpeilten Vater des Helden spielt. Es macht Spaß, ihr zuzuschauen.

Diese Beschränkung auf drei Personen ist auch eine selbstbewusste Kraftdemonstration von Theater: Seht her, mit so wenigen Mitteln lässt sich auf der Bühne so viel erzählen. Es gibt Explosionen, eine rasante Autofahrt und interstellare Reisen. Die stärkste Dramatik aber entfaltet etwas ganz Einfaches: der erste Kuss zwischen David und Zelda.

In dem ganzen Trubel geht vielleicht ein bisschen verloren, dass Gary Ghislains Buch auch eine Abrechnung mit dem übertriebenen Feminismus ist. Und in dem breiten Ausspielen vieler Nebenstränge schwindet ein bisschen der Witz. Die Inszenierung dauert länger als anderthalb Stunden - gegen Ende zieht es sich ein wenig. Eine 14-jährige Zuschauerin, befragt, wie es ihr gefallen habe, meinte: „Ganz gut, aber die Jokes waren jetzt nicht so mega, vielleicht fehlen da auch die Skills.“

Was die Skills angeht, liegt sie sicher falsch. Aber mit den Jokes hat sie recht. Der Autor freilich sieht das anders. Er ist hingerissen von Walburgs Adaption: „Er hat den Roman sehr kreativ auf die Bühne gebracht. Das Ensemble hat alles richtig gemacht. Ich bin sehr glücklich.“ Nun hofft er, dass sein neuer Roman „The Goolz Next Door“ auch den Weg auf die Bühne findet. Gern in Hannover.

  • Weitere Aufführungen: am Dienstag sowie am 2., 11. und 13. Mai.
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