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Kultur „Ein ganz gewöhnlicher Held“ – So ist Emilio Estevez’ Drama über Obdachlose in Amerika
Mehr Welt Kultur „Ein ganz gewöhnlicher Held“ – So ist Emilio Estevez’ Drama über Obdachlose in Amerika
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06:00 24.07.2019
Auf der Seite der Armen: Stuart (Emilio Estevez) legt sich aus gutem Grund mit den örtlichen Autoritäten an. Quelle: Foto: Koch Films
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Hannover

Für deutsche Ohren klingt das seltsam. In den USA aber ist es nicht ungewöhnlich, wenn Bibliotheksmitarbeiter in der Anwendung von Narcan geschult werden, eines Leben rettenden Mittels bei einer Opiatüberdosis. Die klassische Ausbildung zählt wenig in ihrem Alltag. Sie sind Sozialarbeiter und Ersthelfer – für Bibliotheken und andere öffentliche Räume gilt oft das moralische Gebot, den von der Wohlstandsgesellschaft Ausgegrenzten, auch Drogensüchtigen, zu helfen.

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So wundert sich der engagierte Bibliotheksangestellte Stuart (Emilio Estevez) auch nicht, dass morgens schon Schlangen von Obdachlosen vor der Tür stehen. Weniger, um sich in Weltliteratur zu vertiefen, als sich aufzuwärmen. Denn es ist verdammt frostig in Cincinnati. Sie können in der Bibliothek im Internet surfen, miteinander reden, sich waschen und ausruhen, vielleicht wirft sogar jemand wirklich mal den Blick in ein Buch.

Christian Slater als kalt kalkulierender Staatsanwalt

Als eine Kältewelle die Stadt erfasst und alle Aufnahmeeinrichtungen überfüllt sind, besetzen die Wohnungslosen einfach den Lesesaal für die Nacht. Das ruft die Polizei unter Leitung des erfahrenen Vermittlers Bill Ramstead (Alec Baldwin) auf den Plan, der mit dem auf der Seite der Armen stehenden Stuart verhandelt.

Dagegen rechnet sich Staatsanwalt Josh Davis (Christian Slater) Chancen für seinen Wahlkampf ums Bürgermeisteramt aus, wenn Stärke vorführt, die Medien mit Fake News füttert und von Verdacht auf Geiselnahme faselt bis die Situation eskaliert.

Estevez spielt nicht nur die Hauptrolle, er schrieb das Drehbuch, führt Regie und produzierte das Drama. Vielleicht zu viel auf einmal. Trotz gutem Willen und Ruf nach Solidarität mit Bedürftigen wird etwas dick aufgetragen. Es fängt schon damit an, dass viel von hartem Winter die Rede ist, aber weit und breit kein Schneesturm tobt. Dann sucht Ramstead auch noch seinen drogensüchtigen Sohn, der natürlich zur Besetzergruppe gehört.

Der schüchterne Bibliothekar lebte selbst lange auf der Straße

Außerdem enthüllt ein Dossier, dass der schüchterne Stuart, der gerne im stillen Kämmerlein Tomaten für die Pizza züchtet, selbst lange auf der Straße lebte. Und wenn dann ruckzuck Nachbarn und Pfarrer Kleidersäcke und Esswaren anschleppen, wirkt doch alles bis in die letzte Ecke auserzählt.

Gelungen ist dagegen die Medienschelte. So versteht die Reporterin nicht, dass Stuart bei einem Telefoninterview aus John Steinbecks Roman „Die Früchte des Zorns“ von 1939 zitiert, wenn es um die Verzweiflung der Opfer der Wirtschaftskrise geht.

Dass der Film nicht ins Klischee abdriftet, liegt zuvörderst an der Performance von Estevez. Der Sohn von Janet und Martin Sheen ist ein „ganz gewöhnlicher Held“ und Einzelgänger, der ganz selbstverständlich seine Bürgerpflicht erfüllt im Gegensatz zum karrierefixierten und zynischen Politiker. Da freut man sich doch über ein bisschen humane Gesinnung in der eher herzlosen Welt.

Filmtitel: „Ein ganz gewöhnlicher Held“, Regisseur: Emilio Estevez, Dasteller: Emilio Estevez, Alec Baldwin, Filmlänge: 119 MinutenAltersfreigabe: ohne Angabe

Von Margret Köhler

Der Artikel "„Ein ganz gewöhnlicher Held“ – So ist Emilio Estevez’ Drama über Obdachlose in Amerika" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland.

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