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20:10 15.01.2010
Von Simon Benne
Ein Igel behauptet sich auf dem Markt: Es gab einst Mecki-Malkästen, Mecki-Wimpel, Mecki-Lampions und Mecki-Figuren.
Ein Igel behauptet sich auf dem Markt: Es gab einst Mecki-Malkästen, Mecki-Wimpel, Mecki-Lampions und Mecki-Figuren. Quelle: lni
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Die Kulturgeschichte des Igels ist ein weites Feld. Den frühen Grünen war das Stacheltier einst widerborstig genug, um der Partei als eine Art Wappentier zu dienen, ein alternativer Bundesadler gewissermaßen. Auch die Bundeswehr kürte ihn zum Logo, weil er zwar wehrhaft, doch nur bedingt angriffsbereit war. Doch lange galt keineswegs als ausgemacht, dass Igel zu Sympathieträgern taugen: Als die Redaktion der „Hörzu“ 1949 fieberhaft ein Maskottchen fürs Heft suchte, so will es die Legende, präsentierte ein Mitarbeiter dem Chefredakteur Eduard Rhein seufzend eine kleine Igelpuppe: „Was Besseres haben wir nicht.“ Rhein allerdings war begeistert. Er taufte das Tier auf den Namen Mecki, hob es aufs Titelbild – und schuf damit eine Figur, die zu einer Nachkriegskindheit gehören sollte wie Brausepulver und Bluna-Limo.

Millionen junger Leser warteten Woche für Woche auf die Geschichten, die Mecki von 1951 an mit seinen Freunden Charly Pinguin und Schrat in der „Hörzu“ erlebte. Sie warteten auf „Die abenteuerlichen Erlebnisse unseres Redaktions-Igels, für jung und alt aufgezeichnet von Reinhold Escher“ – eine Sprache, die heute betulich und betörend zugleich wirkt. Escher, von Haus aus eigentlich Witzseitenbetreuer, stillte mit seinen Mecki-Geschichten die damalige Sehnsucht nach Exotik: Er schickte den Igel zum Beispiel auf die Insel Luki-Luki und zum Rendezvous mit dem Tiger Halef. Mecki und seine Freunde begegneten indischen Maharadschas und Uruguru-­Indianern, sie bekamen es mit den Sieben Zwergen und fliegenden Teppichen zu tun, stromerten in Geheimgängen und Höhlen herum.

Jetzt widmet das hannoversche Wilhelm-Busch-Museum der „langlebigsten deutschen Comicserie“ eine groß angelegte Ausstellung. Zu sehen sind Originalzeichnungen von allen bisherigen Mecki-Zeichnern, insgesamt sieben Künstlern, die teils parallel arbeiteten. Das Museum präsentiert eine überbordende Fülle an Skizzen, Strips und ganzen ­Storys.

Für die Leser der ersten Stunde kommt die Ausstellung einer Zeitreise in die eigene Kindheit gleich. Selbst Eltern, die damals Mickymaus für amerikanischen Schund hielten, für „Negermusik“ zum Angucken, hatten gegen Mecki meist nichts einzuwenden. Der Igel mit der G.I.-Frisur war ein guter Deutscher. Und er war ein Kind der fünfziger Jahre: brav und sauber, bodenständig und zugleich weltoffen – und vor allem unschuldig. Mecki war, wie Deutschland nach dem Krieg gerne sein wollte. In einer Geschichte lehnt er den Kauf eines teuren Anzugs in solider Kleinsparermanier bescheiden ab: „Dreihundert Demark! Und nachher feiern die Motten Wiegenfest und goldene Hochzeit drin!“

Mit seinem Wohlstandsbauch und seiner Reiselust war Mecki ein (Sp)igelbild der Gesellschaft. Gleich das erste der beliebten Mecki-Bilderbücher, die von 1952 bis 1964 jeweils zur Weihnachtszeit erschienen, führte den Igel ins Schlaraffenland: Mecki frisst sich durch eine Buttercremewand dorthin durch, wo die Würste wachsen. Es war eben Zeit, den Gürtel weiter zu schnallen. Meckis verborgene Wurzeln lagen dabei in der braunen Zeit: Die Brüder Hermann, Ferdinand und Paul Diehl hatten 1937 das alte Märchen vom Wettlauf zwischen Hase und Igel im Auftrag der „Reichsstelle für den Unterrichtsfilm“ als Trickfilm produziert, mit dem noch namenlosen Mecki als Hauptfigur. Und der Zeichner Wilhelm Petersen, der die meisten der Bilderbücher kreierte, hatte in der NS-Zeit als Kriegszeichner den Nazis so nahe gestanden, dass er es nach 1945 schwer hatte, wieder Fuß zu fassen.

Zu Meckis tierischer Karriere im Wirtschaftswunderland passte es, dass die Figur nach allen Regeln der Kunst vermarktet wurde. Die Ausstellung zeigt Mecki-Puppen (von „Steiff“) und Mecki-Wimpel, Mecki-Lampions, Mecki-Laubsägearbeiten und (in einem kleinen Kino) Mecki-Filme. Merchandising gab es dem Namen nach zwar noch nicht, doch es war total. Sogar die DDR versuchte, ­Meckis kapitalistische Erfolgsstory für sich zu nutzen: Dort gab es „Mäcky-Schokolade“. Im Umgang mit dem Copyright pflegte der Sozialismus dabei eine gewisse Großzügigkeit. Nach Achtundsechzig geriet der Igel aus der Adenauer-Zeit in eine Krise. In den Siebzigern sollte das Design flippiger und das Engagement politischer sein. Für biedere Igel war da kein Platz. Mecki traf nicht mehr den Nerv der Zeit, für sechs Jahre verschwand er ganz aus dem Blatt. Reinhold Eschers letzte Geschichte druckte die „Hörzu“ 1977 gar nicht mehr – obwohl es darin ganz zeitgemäß darum ging, wie Industrie und Straßenbau Tieren den Lebensraum nahmen. Im Busch-Museum ist sie jetzt erstmals zu sehen.

Es war ausgerechnet ein Underground-Comiczeichner, Volker Reiche, der Mecki dann zu einem Comeback verhalf. Er verordnete dem Igel eine strickte Modernisierung, schickte ihn aus seinem idyllischen Igeldorf schon mal in die neue Kuppel des Berliner Reichstags oder legte ihm Sätze wie „Bist du jetzt völlig durchgeknallt!“ in den Igelmund. Der Federstrich wurde dem von Reiches „Strizz“-Geschichten, die in der FAZ ­erscheinen, immer ähnlicher. Noch andere renommierte und erfolgreiche Zeichner versuchten, des Igels Image zu entstauben. Ully Arndt setzte ihn um die Jahrtausendwende vor einen Computer, und Harald Siepermann (bekannt durch „Alfred Jodocus Kwak“) ließ ihn gar auf Rennfahrer Michael Schumacher treffen. Das Leserecho soll höchst durchwachsen gewesen sein. Seit gut drei Jahren amtiert Johann Kiefersauer als Mecki-Zeichner. Mit warmen Farben und runden Konturen hat er den Zeichnungen wieder viel vom Charme der frühen Jahre zurückgegeben. Der neue Igel sieht wieder alt aus. Sogar die Gestalt des bösen „Fliegen­peters“ hat Kiefersauer wiederbelebt. Modernismen sind ad acta gelegt, die Nostalgie triumphiert. Im Zeichen der Retrowelle ist Mecki wieder zur Märchenfigur geworden. Da kehrt ein Igel zu seinen Wurzeln zurück.

Zur Eröffnung am Sonntag, 11.30 Uhr, werden gleich vier Mecki-Zeichner im Wilhelm-Busch-Museum im Georgengarten erwartet. Zu sehen ist die Ausstellung bis 11. April. Infos: (05 11) 16 99 99 11.