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Kultur Ein Beschreiber und Bewunderer der Weisheit: Gert Scobel
Mehr Welt Kultur Ein Beschreiber und Bewunderer der Weisheit: Gert Scobel
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10:00 20.05.2009
Von Karl-Ludwig Baader
Moderatoren unter sich: Gert Scobel und Kollegein Susanne Fröhlich.
Moderatoren unter sich: Gert Scobel und Kollegein Susanne Fröhlich. Quelle: Timm Schamberger /ddp
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Er kennt sich mit beidem aus, wie das Publikum im Literarischen Salon Hannover schnell merkte. Scobel, als Moderator von Kultursendungen bekannt, breitete sein Wissen aus, das er in seinem Buch „Weisheit. Über das, was uns fehlt“ zusammengetragen hat. Es erwies sich als weise, den Titel der Veranstaltung „Umschalten zum Abschalten. Wenn Weisheit und Fernsehen zusammenfinden“ konsequent zu ignorieren.

Dieser uneitel und präzise formulierende Beobachter, Beschreiber und Bewunderer der Weisheit sieht sich selbst nicht als ein Weiser, sondern als Sucher. Scobel outete sich als Anhänger buddhistischer Weisheitslehren und als Praktiker der Zen-Meditation. Der studierte Theologe macht die Herrschaftsinteressen der Kirchen dafür verantwortlich, dass im Christentum die mystischen Traditionen (für Scobel eine „Befreiungstheologie“) früh an den Rand gedrängt oder gar verfolgt wurden.

Was macht nun Weisheit aus? Scobel nennt unter anderem die Fähigkeit, auf „komplexe Systeme“, die bei leichten Schwankungen große Wirkungen zeigen können, zu reagieren – nämlich gelassen, unideologisch und situationsbezogen. Weisheit zeige sich auch, wenn man gelassen mit dem Unabänderlichen, dem Tod, umgeht. Oder wenn man es aushält, bei der Frage nach dem Sinn des Lebens keine letzte Wahrheit zu finden. Der Weise, meint Scobel, verfüge über eine besonders hohe „Ambiguitätstoleranz“: Er komme sehr gut mit Mehrdeutigkeiten zurecht.

Solche Fähigkeiten hält Scobel für erlernbar: Erleuchtung könne man einüben. Die Wirkung von Meditationstechniken lasse sich zudem durch die Neurowissenschaft nachweisen, mit der sich Scobel sehr intensiv beschäftigt hat. Sie beschreibe das Gehirn als ein hochkomplexes System, das keine Hierarchien, keine oberste Instanz kenne – und die deshalb die buddhistische Vorstellung bestätige, dass das Ich eine Illusion sei.

Scobel will so den Zen-Buddhismus aus der esoterischen Ecke herausholen und verleiht damit der Neurowissenschaft zugleich eine spirituelle Dimension. Ein attraktives Angebot für den florierenden Weltanschauungsmarkt. Aber so eindeutig sind die Ergebnisse der Neurowissenschaft nicht. Eine gute Gelegenheit, Ambiguitätstoleranz zu üben.