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Kultur Düstere Diagnosen bei John Cale in Hannover
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00:15 19.02.2013
John Cale Quelle: dpa
Hannover

"Ich wette, ich finde keine 100000 Leute, die John Cale kennen!“ Wette gewonnen. 2260 John-Cale-Fans sind es nur, die sich auf Facebook auf gleichnamiger Seite zusammengetan haben. Ein exklusiver Kreis von Anhängern, die nicht nur wissen, dass ihr Idol Gründungsmitglied von Velvet Underground war, sondern dass es danach bisher 30 Soloalben unterschiedlichster Stilrichtungen veröffentlicht hat.

John Cale sieht sich selbst jedoch nicht als progressiven Rockmusiker, sondern als klassischen Komponisten, der im Rock’n’Roll herumpfuscht. „Ich habe immer das Ziel gehabt, von der Musik leben zu können und nicht jung und wahnsinnig zu sterben wie Mozart“, sagte er mal.

Cales Blick auf den Facebook-Fotos hat etwas Suchendes und Herausforderndes. Etwas Unbequemes. 70-Jährige, die es sich auf den Sofas des Lebens gemütlich gemacht haben, blicken anders. Dann das störrische graue Haar und das Unterlippenbärtchen. Beides lassen ihn intellektuell wirken und so, als sei er zu Attacken aller Art bereit. Seine Optik ist einer Art-Punklegende würdig.

Cales Bartform war in den fünfziger und sechziger Jahren bei schwarzen Jazzmusikern populär. Das war die Zeit, in der er in Wales aufwuchs, in London klassisches Klavier und Viola (Cale: „Das traurigste aller Instrumente“) studierte und dann nach New York ging, wo er mit der Avantgarde flirtete. Mit dem Komponisten John Cage führte er ein Klavierkonzert von Erik Satie auf, bei dem das Hauptthema in 36 Stunden von 13 Pianisten 866 Mal wiederholt wurde. Cale experimentierte auch mit Minimal Music, und er gründete mit Lou Reed, Sterling Morrison und Maureen Tucker zusammen Velvet Underground.

„Wir waren Anarchisten, aber Anarchisten mit Herz“, sagte er. „San Francisco (Wear Flowers in your Hair)“, „All you need is Love“ und „Daydream Believer“ hießen die Hits des Jahres 1967, in dem auch das erste von vier Velvet-Underground-Alben erschien. „The Velvet Underground & Nico“, das mit der berühmten, von Andy Warhol gestalteten Banane auf dem Cover. Die Gruppe klang sinister und hoffnungslos. Es ging um Sex, Drogenmissbrauch und die New Yorker Nacht - aber eigentlich um Einsamkeit. Cales Spiel wirkte im Gegensatz zum optimistischen Sixties-Pop in den Charts wie Instrumentenquälerei. Die schreiende Viola, das wie ein Herz pochende Klavier und die Noise-Orgel hatte man vorher noch nicht gehört. Feedback wurde zu Kunst. In den schönsten Momenten brachte Velvet Underground Schwärze zum Glitzern.

„Kaum einer hat die Alben gekauft, als sie erstmals erschienen. Aber alle, die es taten, haben selbst eine Band gegründet“, sagte Brian Eno von Roxy Music später. Auch für David Bowie, Iggy Pop, Patti Smith, die Talking Heads, Joy Division, R.E.M. Sonic Youth, The Jesus and Mary Chain und My Bloody Valentine waren die „Velvets“ Vorbilder. Ihre Experimentierfreude und ihr radikaler Sound inspirierten so manche Band in Punk, New Wave und Indie-Rock. Der Einfluss reicht sogar bis heute; man muss sich nur die Musik der Dirty Projectors oder von Joanna Newsom anhören. Auch dort erkennt man den gleichen Mut zu neuen Sounds.

„Wenn man einen Song schreibt, muss man sichergehen, dass er keinerlei Beziehung zu dem hat, den man davor geschrieben hat - nicht dieselbe Stimmung, nicht dieselben Wörter, nicht dieselben Bilder“, sagte Cale in einem „Rolling Stone“-Interview zum aktuellen Album „Shifty Adventures in Nookie Wood“. Er hat seinen Fans immer viel zugemutet - nicht nur musikalisch: Während seine Band Elvis’ „Heartbreak Hotel“ zerstückelte, enthauptete er bei einem Konzert am 24. April 1977 im englischen Croydon ein (zu diesem Zeitpunkt bereits totes) Huhn. Die Einzelteile warf er in die Menge. Seine Band, zur Hälfte Vegetarier, verließ die Bühne. Die sich schubsenden Punks im Publikum erstarrten vor Schreck.

Vielleicht haben ihn John Lennons naive Peace-Hymnen „Imagine“ und „Happy Xmas (War is over)“ so sehr genervt, dass er es selbst mit Sarkasmus und Provokation versuchte: „Mercenaries (Ready for War)“ hieß 1980 sein aggressives Statement zum Kalten Krieg.

Und selbst als er seine „Child’s Christmas in Wales“ (1973) in sanften, eingängigen Tönen besang, bluteten dabei „zehn ermordete Apfelsinen“. Es ging nur scheinbar um Geborgenheit und Nostalgie, sondern vielmehr um den Laufstall aus Regeln und Vorschriften von Eltern, Nachbarn, Kirche, Gesellschaft, in den ein Kind hineingeboren wird.

In „Fear is a Man’s best Friend“ (1974) kam er zu dem Schluss: „We’re already dead, just not yet in the Ground“. Cale zufolge dauert die eigene Beerdigung ein Leben lang. Bei solch düsterer Diagnose ist es leider kein Wunder, dass mehr Menschen zu Coldplay knutschen, als über Cale nachdenken wollen.

Trotzdem: Ich wette, es finden sich mehr als 100 John-Cale-Freunde, die zu seinem Konzert in Hannover gehen!

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