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Kultur Doppelchoreografie von Christe und Mannes im Opernhaus
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18:21 10.03.2013
„Verklärte Nacht“: Catherine Franco und Denis Piza im ersten Teil des Ballettabends.
„Verklärte Nacht“: Catherine Franco und Denis Piza im ersten Teil des Ballettabends. Quelle: Weigelt
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Hannover

Es scheint, als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen: Während eine Glocke ertönt, baumelt eine Handvoll Tänzer kopfüber vom Schnürboden. Das jedenfalls gaukelt der überdimensionale runde Spiegel, der in leichter Schräglage über der Bühne hängt, den Zuschauern im hannoverschen Opernhaus vor. In Wahrheit jedoch befinden sich die Tänzer am Boden. Eben noch in liegender Position, richten sie sich auf, springen, laufen, rudern mit den Armen, so als gelte es, das Spiegelbild mit aller Macht zu verwischen. Zum Klang der Glocke mischen sich Streichinstrumente. Die Musik schwillt an wie ein Fluss, der sich schließlich wie in einem Wasserfall Bahn bricht. „Augen. Spiegel. Seele“, dieses Stück, das der niederländische Choreograf Nils Christe jetzt für das Niedersächsische Staatsballett kreiert hat, ist ein einziger Rausch.

Dass es ein atmosphärisch dichter Tanzabend werden würde, war bereits schon nach den ersten Minuten von Jörg Mannes’ jüngster Arbeit „Verklärte Nacht“ klar. Der Direktor des hannoverschen Balletts eröffnete den zweiteiligen Tanzabend mit seiner Choreografie zu Arnold Schönbergs gleichnamiger Musik, der wiederum ein Gedicht von Richard Dehmel zugrunde liegt. Mannes thematisiert dieses Gedicht, in dem eine Frau ihrem Liebsten bei einem nächtlichen Spaziergang gesteht, ein Kind von einem anderen Mann zu bekommen.

Um die unterschiedlichen Motive wie Romantik, Natur, aber eben auch Schuldgefühl, Zweifel und Angst herauszufiltern und zu beleuchten, setzt Mannes auf eine Bewegungssprache, die, stärker als in vorangegangenen Produktionen stark vom Bühnenbild beeinflusst ist. Der Niederländer Thomas Rupert, der auch für Christes Stück die Kulisse entworfen hat, lässt kahle Baumkronen an die Wand projizieren. Wie ein Briefumschlag wirkt die Fläche in der Bühnenmitte, deren Kanten wie bei einem auseinander geklappten Kuvert nach oben ragen. Die Oberfläche zieren großformatig fotografierte Verästelungen. Wenn die Tänzer sich darauf bewegen, wirkt das wie eine Kletterpartie. Die scharfkantigen Seiten nutzen sie mal zum Erstürmen, mal zum Abrutschen. Und über allem schwebt ein Mond als riesiger weißer Lampion, der das Geschehen je nach Gefühlslage mal in goldenes, mal in fahles Licht taucht.

Die Tänzerinnen tragen rote, hochgeschlitzte Abendkleider aus Spitze (Kostüme: Heidi de Raad), was für zusätzlichen reizvollen Kontrast sorgt. Die Männer dagegen sehen in ihren braunen, eng anliegenden Anzügen eher wie Borkenkäfer aus. Um das ganze Ensemble in dieser 30-minütigen Choreografie einzusetzen, erhebt Mannes sein bewährtes Duo Catherine Franco und Denis Piza zwar zum zentralen Paar, fügt jedoch auch Gruppenszenen und Soli ein, die kaleidoskopartig unterschiedliche Varianten der Handlung (er liebt sie, er liebt sie nicht) thematisieren.

Überwog im ersten Teil des Ballettabends das romantische Moment, kommt im zweiten Teil ein Hauch Mystik dazu. Wieder ist es Nacht, diesmal jedoch eine schwarz-blaue. Ohne Mond, dafür mit viel Nebel. Die rauschhafte Musik am Anfang stammt von Arvo Pärt („Cantus in memoriam Benjamin Britten“ und das sakral anmutende „Fratres“). Den Mittelteil bestimmen Sergej Prokofjews „Visions fugitives“ - flüchtige Bilder eines Augenblicks, die aus zwanzig musikalischen Miniaturen bestehen, von denen keine länger als zwei Minuten dauert.

Das verlangt sowohl dem Choreografen, als auch den Tänzern und nicht zuletzt dem Orchester (Leitung: Mark Rohde) einiges ab. Christe muss vor allem harmonische Übergänge zwischen den schnell wechselnden Parts einbauen, damit das Geschehen nicht zu abgehackt wirkt, und die Tänzer müssen diese anspruchsvollen Schrittfolgen punktgenau umsetzen.

Es ist ein spannendes Wagnis. Doch es gelingt bravourös. Christes kraftvoll athletische Bewegungssprache lässt vor allem die Männer im Ensemble glänzen, aber auch erfahrene Tänzerinnen wie etwa Anastasiya Bobrykova oder Neuzugänge wie Lilit Hakobyan, die sonst eher im Hintergrund tanzen. Christe und seine Frau Annegien Sneep, die ihm assistiert und auch die silbrig schimmernden Latexanzüge für das Stück entworfen hat, haben das Ensemble regelrecht aufgemischt.

Beim furiosen Finale wird der Spiegel plötzlich zum Mond, was geschickt an die Eröffnung anknüpft. Avo Pärts Glockenklänge ertönen. Die Musik ist ruhig. Doch die Tänzer sind nicht zu bremsen. Wie besessen scheinen sie noch einmal die Miniaturen im Schnelldurchlauf zu vertanzen. Tosender Beifall für diese berauschende Nacht-und-Nebel-Aktion.

Nächste Vorstellung am 14. und 23. März, sowie am 5., 10., und 19. April. Karten-telefon: (0511) 99991111.

von Kerstin Hergt

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