Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Kultur Dirigent Eivind Gullberg Jensen glänzt in Oslo
Mehr Welt Kultur Dirigent Eivind Gullberg Jensen glänzt in Oslo
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:50 17.09.2009
Von Rainer Wagner
Der Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie, Eivind Gullberg Jensen. Quelle: Martin Steiner (Archiv)
Anzeige

Nennt man das Jetset? Schließlich ist die Cessna 425 keine Düsenmaschine, sondern ein Flugzeug mit zwei soliden Propellermotoren. Und der junge norwegische Dirigent Eivind Gullberg Jensen, der mit dem kleinen Flugzeug schnell mal für den Abend von Hannover nach Oslo fliegt, um dort Dvoráks Oper „Rusalka“ zu dirigieren, hat auch keine Karajan-Attitüde des Ich-werde-überall-gebraucht. Trotzdem ist er an diesem Mittwoch ein bisschen im (Zeit-)Druck. Und das, obwohl er sich seit der Sache in Berlin geschworen hatte, nie mehr solche Terminkollisionen heraufzubeschwören. Damals musste er nach einer „Fledermaus“-Aufführung mit dem Taxi nach Kopenhagen fahren (sieben Stunden Fahrzeit), um dort die Frühmaschine nach Trondheim zu bekommen: Vertrag ist Vertrag.

Warum aber fährt Gullberg Jensen nach der Probe mit der NDR Radiophilharmonie schnurstracks zum Flughafen? Weil die Königin gerufen hat. Nicht ihn persönlich, aber irgendwie doch.

Anzeige

An dieser Stelle muss man bedenken, dass die Oper in Norwegen ein halbes Jahrhundert redlich um Aufmerksamkeit gekämpft hat und mit der norwergischen Opernheroine Kirsten Flagstad als zeitweiliger Chefin auch ein prominentes Aushängeschild hatte. Doch in den internationalen Fokus geriet die norwegische Oper erst, als man sich entschloss, für das beengte „Folketeatret“ einen angemessenen Ersatz zu finden – in diesem „Volkstheater“ läuft mittlerweile „Mamma Mia“.

2003 erfolgte dann der erste Spatenstich für das neue Opernhaus, im Herbst 2004 wurde der Grundstein gelegt. Das 2008 vollendete und 520 Millionen Euro teure Haus gehört zu den spektakulärsten Opernneubauten der vergangenen Jahrzehnte – ähnlich wie in Sydney direkt am Wasser gelegen. Beim Anflug auf Oslo sieht man das Gebäude aus Beton, viel hellem Marmor und Glas eindrucksvoll blinken.

Eröffnet wurde die Oper am 12. April 2008 in Anwesenheit nicht nur des norwegischen Königshauses und anderer Monarchen, sondern auch von Angela Merkel, die – zumindest für deutsche Betrachter – mit ihrem erstmals opulent gezeigten Dekolleté den anderen die Show stahl. Darüber wurde übersehen, dass das Haus bühnentechnisch noch nicht ganz fertig war. Die erste Neuproduktion im neuen Haus kam erst Anfang September 2009 heraus: Am Pult stand Eivind Gullberg Jensen, „another great international Norwegian talent we are proud to present“, wie Operndirektor Paul Curran im Programmheft schreibt.

Als die schon länger gehegten Opernpläne mit Gullberg Jensen konkret wurden, stand schon fest, dass er als neuer Chefdirigent der NDR Radiophilharmonie Mitte September in Hannover beginnen würde. Das war kein Problem, denn die drei Aufführungstermine in Oslo, an denen er in Hannover zu tun hat, übernahm sein Assistent Thomas Wise.

Aber dann fiel den Verantwortlichen auf, dass die Oper in Oslo in diesem Jahr 50 Jahre alt wird. Was zu feiern wäre. Natürlich mit König und Königin (Letztere eine bekennende Opernfreundin). Doch weil Königs zur Premiere noch im Urlaub waren, wurde der 16. September als Fest-Tag ausgeguckt. Und da sollte Gullberg Jensen nicht fehlen, obwohl der zwischen zwei Proben in Hannover noch nicht einmal 20 Stunden Zeit hatte.

Die Lösung: ein gechartertes Kleinflugzeug. Allerdings nicht so klein, wie Gullberg Jensen befürchtete, als man ihn nach Körpergröße und Gewicht gefragt hatte. Den Flug bezahlt übrigens, auch in Norwegen achtet man auf korrekte Verwendung öffentlicher Gelder, ein privater Sponsor.

Also fahren Gullberg Jensen und der HAZ-Reporter (denn wenn schon ein Platz frei ist, kann der auch besetzt werden) kurz nach 14 Uhr vom NDR Landesfunkhaus ab. Kurz vor 15 Uhr wundert sich am General Aviation Terminal (so nennt sich die kleine Abfertigungshalle für noch kleinere Flugzeuge) Flugkapitän Bernd Aschenbach über seinen jugendlichen Fluggast: „Ich dachte immer, Dirigenten müssten mindestens 50 sein.“ Dann geht es los. Angesagte Flugdauer: 2 Stunden 20 Minuten. Aber strammer Gegenwind schlägt eine weitere Viertelstunde drauf. Das könnte eng werden, denn der Flugplatz von Oslo liegt 45 Kilometer außerhalb. Zwar schafft ein Expresszug das in 20 Minuten (die Gullberg Jensen für ein Interview mit einer norwegischen Musikjournalistin nutzt), aber um 18.30 Uhr hat der Dirigent noch eine Verständigungsprobe, und um 19 Uhr geht es pünktlich los. Eine Königin lässt man nicht warten – und eine Liveübertragung im norwegischen Fernsehen auch nicht.

Erst kommt der Königsmarsch, dann die Königshymne. Dann wird geredet. Auch von der Königin. Gegen halb acht ist dann endlich Märchenzeit. Hausherr Paul Curran hat Antonin Dvoráks lyrische Oper von der Wassernymphe Rusalka als Märchen für Erwachsene inszeniert. Und Gullberg Jensen sorgt dafür, dass neben den lyrischen Passagen die dramatischen nicht zu kurz kommen. Er zeigt bemerkenswertes Gespür für die abgründige Naivität dieser Partitur, für ihren Volkston und ihre wagnerische Sehnsucht. Mit präzisen Anweisungen fängt er Wackelkandidaten im Ensemble auf – und treibt das Opernorchester dazu, über seinen Verhältnissen zu agieren: Es spielt besser, als es ist.

Solveig Kringlebotn (als etwas zu dramatische Rusalka), Magne Fremmerlid (als profunder Wassergeist) und Randi Stene (als schillernde Zauberhexe Jezibaba) halten die Nationalflagge im Ensemble hoch, der Slowake Miroslav Dvorsky (als höhensicherer Prinz) sorgt für Authentizität. Nach drei Akten und zwei Pausen sind um 22.50 Uhr alle glücklich und zufrieden. Herzlicher Beifall. Und hinter der Bühne natürlich noch ein Dankeswort der Königin.

Erst kurz vor eins sind wieder an der Maschine. Chefpilot Aschenbach nimmt’s gelassen, offenbar hat ihn die Liveübertragung im Fernsehen beeindruckt. Für die 860 Kilometer zurück haben wir Rückenwind. Gegen drei Uhr morgens sind wir wieder in Hannover, aber noch nicht zu Hause. Und um 9.30 Uhr wartet die NDR Radiophilharmonie auf ihren neuen Chef: Generalprobe. Hinterher hört man, Gullberg Jensen sei „fit wie ein Turnschuh“ gewesen.

Am Abend reißt er sein Publikum mit: Rätselvolle „Traumspiele“, zündender Mozart und zündelnder Wagner wecken Begeisterung.

17.09.2009
Kultur Neuer Dan Brown-Roman - Übersetzen gegen die Uhr
17.09.2009
16.09.2009