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Kultur Dirigent Andris Nelsons dirigiert „War Requiem“ in Hannover
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21:06 29.05.2013
Von Rainer Wagner
Stardirigent Andris Nelsons
Stardirigent Andris Nelsons. Quelle: Marco Borggreve
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Hannover

Es ist spät geworden am Abend vorher, an dem Andris Nelsons für sein Dirigat von Puccinis „La Bohème“ in der Wiener Staatsoper mindestens so sehr gefeiert wurde wie seine Ehefrau Kristine Opolais, die hier als Mimi auf der Bühne stand. Deshalb ist es am nächsten Vormittag für ihn arg früh, wenn er über schwierige Themen wie den Tod reden soll, weil er Benjamin Brittens „War Requiem“ beschreiben will, mit dem er am Freitag in Hannover gastiert. Da sucht Andris Nelsons sehr bedacht nach den passenden Worten.

Was ist an Brittens „War Requiem“ denn so besonders? „Es ist für einen speziellen Anlass und einen besonderen Ort geschrieben worden.“ Nämlich zur Einweihung der neu gebauten Kathedrale von Coventry. Das Gotteshaus war 1942 bei der Luftschlacht um England von den Deutschen zerstört worden. Die Uraufführung vor 50 Jahren besorgte das City of Birmingham Symphony Orchestra, dessen Chefdirigent und Music Director Andris Nelsons derzeit ist. Im vergangenen Jahr hat Nelsons das Werk zum Jahrestag der Weltpremiere in Coventry aufgeführt. Ein eindrucksvoller Mitschnitt liegt auf DVD (bei Arthaus Musik) vor. Wer Nelsons dort erlebt, der glaubt ihm, wenn er jetzt sagt, er liebe dieses Stück sehr, es sei „eine der großartigsten Totenmessen“. Er nennt es in einem Atemzug mit den Requiem-Kompositionen von Giuseppe Verdi und Wolfgang Amadeus Mozart, die beide „natürlich auch Britten beeinflusst haben“.

Das Ungewöhnliche an Brittens Werk ist nicht nur die Kombination des traditionellen Liturgietextes mit englischen Gedichten des Lyrikers Wilfred Owen, der 1918 im Ersten Weltkrieg gefallen ist. „Diese Gedichte sind extrem ausdrucksstark“, betont Nelsons. Ebenso originell ist der Wechsel zwischen zwei Klangwelten von Kammerorchester und Sinfonieorchester: „Die Sprache der Musik ist sehr klar, sehr berührend, sehr zugänglich. Man muss keine Angst vor dieser Musik haben, auch wenn sie von unserer Angst vor dem Tod erzählt.“ Schließlich klinge das Werk mit einem wunderschönen Engelschor aus (für den morgen Abend im Kuppelsaal der Mädchenchor Hannover zuständig ist): „Am Ende fühlt man sich ruhig und beruhigt nach all den Momenten der Angst und der Verzweiflung.“

Für Andris Nelsons ist Benjamin Britten „der wichtigste britische Komponist“. Dass derzeit so viel vom Wagner- und vom Verdi-Jahr, aber kaum von Brittens 100. Geburtstag die Rede ist, sei nicht angemessen: „Britten verdient mehr Achtung.“ Allerdings hat Nelsons selbst noch keine Britten-Oper dirigiert, das habe sich bislang nicht ergeben, aber besonders „Peter Grimes“ würde ihn reizen. Doch seine große Liebe galt und gilt Richard Wagner. Schon mit dem „Ring des Nibelungen“ an der Lettischen Nationaloper in Riga, wo Nelsons 2003 mit 24 Jahren (!) Chefdirigent geworden war, ließ er die Fachwelt aufhorchen. Gerade erst hat er in Amsterdam im Concertgebouw einen konzertanten „Holländer“ geleitet, der am vergangenen Sonntag auch in deutschen Rundfunkprogrammen live zu hören war.

Besonders Furore machte sein Bayreuth-Debüt 2010. Damals war Hans Neuenfels’ Inszenierung umstritten, Nelsons’ Dirigat aber nicht. Er wurde, was selbst bei größeren Namen in Bayreuth nicht automatisch geschieht, seither immer wieder eingeladen. Sein Fazit: „Bayreuth ist der beste Platz, um Wagner aufzuführen. Es ist ein magischer Ort.“ Das liege an der Atmosphäre, an der Akustik und an der Kennerschaft und Begeisterungsfähigkeit des Publikums. Und am Festspielorchester: „Die Musiker kennen das alles perfekt: die Musik und die akustischen Probleme“. Denn man höre die Bühne nicht gut, die Balance sei schwierig zu halten, und man müsse beim Dirigieren immer etwas voraus sein, was auch gestandene Profis nicht automatisch können: „Entweder man fühlt es - oder nicht.“

Nelsons fühlt es. Und wird in drei Jahren einen neuen „Parsifal“ bei den Bayreuther Festspielen dirigieren. Wenn der Maler Jonathan Meese inszeniert: „Das wird gewiss teilweise sehr speziell.“ Ob er eher ein langsamer oder ein zügiger „Parsifal“-Dirigent sei, das wisse er noch nicht. Aber wenn der Dirigent sich im Orchestergraben mit dem Tempo wohl- fühle, werde es für das Publikum schnell zu langsam: „Man muss sehr fließend musizieren.“

Wer den Operndirigenten Andris Nelsons erleben will, muss nach Bayreuth fahren, nach London (wo er „Elektra“ dirigiert) oder nach Wien, wo er regelmäßig eingeladen wird. Da steht eine „Salome“ an, gerne auch „Eugen Onegin“ oder die „Bohème“, die er jetzt erfolgreich geleitet hat. Dass dies die 402. Aufführung der 50 Jahre alten Zeffirelli-Inszenierung war, stört ihn nicht. Zumal die (eher seltene) Zusammenarbeit mit Ehefrau Kristine eine Art „sentimental journey“ sei. „Wir haben uns bei der Arbeit in Riga kennengelernt und sind stolze Eltern einer zweijährigen Tochter.“

Wann immer eine wichtige Stelle frei wird, wird sein Name genannt. Macht ihn das stolz? „Ich fühle mich geehrt.“ Wichtig sei bei jeder Entscheidung, „dass die Chemie stimmt“. Beim Boston Symphony Orchestra stimmt sie offenbar, in der Spielzeit 2014/15 wird er dort Chef, zunächst für fünf Jahre. Als Simon Rattle bekannt gab, dass er in Berlin in fünf Jahren aufhört, fiel auch Nelsons’ Name (nicht nur, weil auch Rattle zuvor in Birmingham Chef war). Nelsons’ philosophische Anmerkung: „Ich spiele nicht Schach. Man muss das Leben gewähren lassen.“