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Kultur Die große Kür zum Abschied
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10:28 08.06.2009
Von Rainer Wagner
Raus mit Applaus: Eiji Oue Quelle: Foto: Frank Wilde

Herzlicher kann ein Abschied nicht ausfallen. Und herzender auch nicht, denn Eiji Oue ist ein Mensch, der nicht nur die Musik umarmt. Dass alle Menschen Brüder werden, das könnte der japanische Dirigent und bekennende Wahlhannoveraner gedichtet und vertont haben. Aber weil er dann doch kein Schiller ist, bleibt er bei seinen Abschiedsworten lieber bei seinem Englisch mit deutschen Einsprengseln. Und Beethoven steht nicht mit seiner „Ode an die Freude“ auf dem Programm dieses Abschiedskonzerts, das eigentlich keines ist. Sondern mit der 7. Sinfonie, mit der zwischen der NDR Radiophilharmonie und Eiji Oue vor zwölf Jahren alles begann. Keine Sinfonie haben das Orchester und sein Chefdirigent in den elf Jahren seiner sich anschließenden Amtszeit so häufig dirigiert wie Beethovens Tanz-Drama in A-Dur. Deshalb war es das naheliegende Stück für Oues Verabschiedung als Chefdirigent.

Dass die am Sonntagvormittag vor Oues letztem regulärem Abonnementkonzert stattfand, dürfte Termingründe gehabt haben (logisch war es ja nicht). Es ist wohl nicht einfach, soviele Amts- und Würdenträger an einem Tag zu versammeln – womit nicht nur die NDR-Gremienvertreter gemeint sind, die NDR-Intendant Lutz Marmor zu begrüßen hatte.

Vor der Musik gab es für diese wichtigen Menschen einen kleinen Empfang, bei dem Maestro Eiji Oue wie ein Young-at-Heart-Rocker mit patrotischem Bewusstsein auftrat: Wer da in seiner Krawatte, Weste und Jackett die deutschen Nationalfarben erkannte, ahnte trotzdem nicht, welche Pointe Oue noch bereit halten würde.
Aber erst einmal gab es im Großen Sendesaal des Landesfunkhauses Hannover, den jenseits der Ehrengäste Abonnenten füllten, die nach dem Motto „wer zuerst kommt“ Karten erhielten. Sie alle begrüßen Oue mit lang anhaltendem Beifall.

Und der dirigiert Beethovens Siebte gleichermaßen als Glaubensbekenntnis und als Selbstporträt eines Mitfühlenden und Mitleidenden. Emphase und Empathie sind da zwei Seiten einer Medaille. Und sein Orchester spielt in einer Mischung aus augenzwinkernder Lebenserfahrung und Herzlichkeit mit.
All das, was wir an Eiji Oues Dirigierstil kennen und lieben (und manchmal belächeln), das bietet er noch einmal als große Kür. Keiner schaufelt so tief mit den Händen, keiner knetet und packt die Musik so beredt.

Flatternde Finger, bremsende Handflächen und nicht zu vergessen ein Kinn, das mehr sagt als der Mund. Und dann immer wieder Phasen, in denen Oue beiseite tritt, in denen er sein Orchester einfach losspielen lässt und wenig bis gar nichts macht. Die können das, heißt die Geste. Die können das nicht zuletzt, weil sie mich haben, ist der Subtext dieser Botschaft. Das hat auch Oues Mentor Leonard Bernstein das auch gerne gemacht. Sich einfach mal anlehnen und die Musiker machen lassen.

Dass Oue im Poco sostenuto Klang für Klang auskostet, dass er eine Kette schöner Stellen schmiedet und sich im Vivace in jeden Moment der Ekstase fallen lässt , das alles liegt auch daran, dass diesmal die Emotionen vielleicht doch etwas tiefer gehen. Da wirkt das Allegretto dann subjektiv länger als es die Zeitmessung ausweist, weil auch hier Oue die Klänge ausformt, als würden sie nie mehr wiederkehren. Und die beiden tänzerisch tobenden Schlusssätze lässt Oue jubeln.Entsprechend Reaktion. Jubel. stehende Ovationen.

Danach zwei Reden: NDR-Intendant Lutz Marmor bedankt sich bei dem „großen Showtalent im besten Sinn“, dessen ehrliche Begeisterung ansteckend sei. Und gibt in diesem Zusammenhang zwei Bestandsgarantieren ab, die hiesige Musikfreunde gerne hören. Die NDR Radiophilharmonie darf ein „ausdrückliches Versprechen, an diesem Engegament festzuhalten“ verbuchen. Und der von Eiji Oue initierte und entscheidend geprägte NDR Musiktag in Zusammenarbeit mit der Musikhochschule (wo Oue ja Professor für Dirigieren bleibt) steht weiter auf dem Programm.

Dann bleibt es dem Landesvater, dem scheidenden Chefdirigenten und künftigen Ehrendirigenten den Dank des Musklades Niedersachsen nicht nur mit herzlichen Worten, sondern auch sehr handfest auszudrücken: Mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Niedersächsischen Verdienstordens. Wenn Wulff vom Manuskript abrückt (und das macht er gut), spricht er von Eiji und wird von Oue zum Dank am Schluss geherzt, gedrückt und geküsst.

Und dann zeigt Eiji Oue seine Verbundenheit mit Stadt und Land auf umwerfende Weise. Er zieht sein Sakko aus und zeigt die Innenseite. Da hat er – eigenhändig, wie er versichert, heute morgen um drei Uhr – auf roter Seide ein großes Niedersachsenross eingenäht (und eine kleine Deutschlandfahne). Das amüsiert und bricht so ein bisschen die Rührung auf, nicht nur bei Oues „NDR Family“. Eine Zugabe kommt noch: ein Herzensstück des Dirigenten. Mozarts „Ave verum“ in Tschaikowskys „Mozartiana“-Bearbeitung. Sehr langsam, sehr verträumt, mit einer zenartigen Schweigeminute des Dirigenten am Ende. Bei diesem Stück sollen wir, sagt Oue, später einmal an ihn denken. Wenn er „nicht zu bald“ gestorben sei.

Aber seine Fans haben wohl vor allem im Ohr, was Oue über sein Zusammenspiel mit der NDR Radiophilharmonie ansagte: „to be continued“: Fortsetzung folgt!

Eiji Oue dirigiert an diesem Donnerstag und Freitag sein letztes Abonnementkonzert als Chefdirigent. Beide Konzerte sind ausabonniert. Das Freitagkonzert wird um 20 Uhr live auf NDR Kultur übertragen. Und am 3. Oktober gibt es außerhalb alle Abozwänge ein Wiederhören mit Oue und der NDR Radiophilharmonie: bei einem Sonderkonzert des Internationalen Violinwetbewerbs Hannover.

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