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Kultur Die etwas anderen DJs
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20:06 21.10.2012
Von Rainer Wagner
Spaß bei der Arbeit: Anke Engelke. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Hannover

Wenn einem jemand seine Lieblingsplatten vorspielt, muss man schon sehr neugierig (oder sehr verliebt) sein, um sich nicht bald zu langweilen. Aber wenn sich zwei hochmusikalische und wortgewandte Menschen gegenseitig Musikstücke zu- und vorspielen, dann kann das ein Publikum auch drei Stunden lang fesseln (eine Pause inbegriffen).

Im ausverkauften NDR Sendesaal folgte eine bunt gemischte Schar dem, was Anke Engelke und Roger Willemsen auspackten. Der Ansturm war nicht nur groß, sondern auch heftig, denn bei freier Platzwahl drängten sich die Zuschauer wie beim Schlussverkauf. Man tritt dem Multitalent (ein Zuschauer nannte es beim Hineindrängeln unhöflich „Klugscheißer“) Roger Willemsen nicht zu nahe, wenn man unter den Zuhörern viele Engelke-Fans vermutet. Dass und wie Willemsen Platten kombiniert und kommentiert, das kennen treue NDR-Hörer schließlich schon lange, aber zusammen mit Anke Engelke trat er jetzt erstmals an den Plattenteller. „Engelke & Willemsen legen auf“ hieß der Abend, aber so ganz stimmte das nicht, denn die beiden ließen auflegen - von Willemsens NDR-Partner Hendrik Hauboldt.

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Die breite Bühne war stimmig dekoriert: ein paar alte Röhrenradios, einige Instrumente, die nicht zum Einsatz kamen, im Hintergrund eine Projektionsleinwand, die eher irritierte, weil dort Bild- und Tonsignale nicht synchron kamen (dass man das heutzutage in einer Funkanstalt nicht hinbekommt, ist schon verwunderlich). Drei Ledersofas, extra breit, damit die Sitztänzerin Engelke auch zappeln konnte, gedimmtes Licht, so wurde der Sendesaal zur gemütlichen Radiostube, in der es mal frech zu- und mal bedeutungsschwanger herging.

Anke Engelke begann mit Blossom Dearies „I’m Hip“, und man konnte in diesem aufgekratzten Stück die Komödiantin und Musikerin Engelke widergespiegelt sehen. Willemsen antwortete darauf mit Earl Hines und „Earl’s Pearl“, das er zu Hause gerne zu „Festen der Selbstentzündung“ auflege. Engelke konterte mit Superlativen und Michael Jacksons „Human Nature“, woraufhin Willemsen, der regelmäßig Klassik und Jazz zwangsvereint, mit der „Jugendbewegung Barock“ kam („Allongeperücken sind nichts anderes als Extensions“). Auf Rameaus „Musette en rondeau“ folgte der (so Engelke) „durchgeknallte“ Chilly Gonzales mit „Dot“. Aber diesen Punkt mochte Willemsen so nicht stehen lassen und reagierte mit Sun Ras „Plutonian Nights“, einer „Unterleibsmusik“, die Engelke zum Sitztanzen animierte. Über Bluegrassmusik und schöne Pointen zum Nichtverhältnis von Engelke und George Clooney ging es zu den Punch Brothers mit „This Girl“, ehe Alonzo Levister mit „Slow Dance“ in die Pause führte.

Dann kam ein „Smasher“, so Engelke. Dieses „Bombending“ erwies sich als Richard Wagners „Tristan“-Vorspiel, was Willemsen erlaubte, ein paar Anzüglichkeiten unterzubringen. Komischer war da schon die Begleitgeschichte, die Anke Engelke zu ihrer „Tristan“-Bekehrung zu bieten hatte. Dass sie den Inhalt des Stücks etwas eigenwillig zusammenfasste, irritierte niemanden. Das Publikum folgte brav den zehn Minuten Wagner, schließlich hatte Engelke diese Ouvertüre als „die Mugge aus Lars von Triers ‚Melancholia‘“ verkauft; allerdings hätte man schon gerne gewusst, wer diese - historische oder nur historisch klingende? - Interpretation dirigiert hat.

Es folgten verspielter Jazz, freches „Exfreund-Dissen“ und das Fastfazit, dies sei einer der „good Days“, ehe Willemsen „nach all den Strapazen“ mit dem Finale aus der Strauss-Oper „Die schweigsame Frau“ eine etwas naheliegende Schlusspointe setzte: Dort singt der Held; „Wie schön doch die Musik, aber wie schön erst, wenn sie vorbei ist!“

Viel Beifall.

Am kommenden Freitag ist das alles um 20.05 Uhr auf NDR Kultur nachzuhören.

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