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Kultur Die einzige Deutsche in Cannes: Regisseurin Katrin Gebbe
Mehr Welt Kultur Die einzige Deutsche in Cannes: Regisseurin Katrin Gebbe
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19:03 22.05.2013
Von Stefan Stosch
Regisseurin Katrin Gebbe nimmt mit ihrem Film „Tore tanzt“ als einzige Deutsche an den Filmfestspielen in Cannes teil. Quelle: dpa
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Hannover

HAZ-Mitarbeiter Stefan Stosch im Interview mit Regisseurin Katrin Gebbe.

Frau Gebbe, Sie sind schon seit ein paar Tagen in Cannes. Wie haben Sie das Festival erlebt?

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Die Aufmerksamkeit ist Wahnsinn. Aber das war ja auch klar. „Tore tanzt“ ist der einzige deutsche Langfilm im Programm. Es gibt noch einen Kurzfilm und einige Ko-Produktionen. Das war’s. Und zwischen all meinen Terminen muss ich ja immer wieder zum Apartment, um mich für die Galavorstellungen umzuziehen.

Wie viele Abendkleider haben Sie denn dabei?

Zehn. Man braucht ja jedes Mal was Neues.

Wann haben Sie erfahren, dass Sie den ganz großen Koffer benötigen?

Spät, der Film ist ja nachnominiert worden - erst Ende April. Andere große Festivals waren auch interessiert, aber der große Traum von Cannes schien geplatzt.

Für eine Debütfilmerin ist Cannes aber auch ein gewaltiger Anspruch.

Ich habe „Tore tanzt“ ja nicht unter der Maxime gemacht: Der Film muss nach Cannes. Ich will eine eigene Marke setzen, eine eigene Handschrift vorzeigen. Das ist das Wichtigste. Aber man braucht Aufmerksamkeit, sonst geht man unter, und die gibt es nur bei einem großen Festival wie Cannes oder der Berlinale.

Wird Ihnen in Cannes das Gefühl vermittelt, quasi in nationalem Auftrag unterwegs zu sein?

Es geht um einen Film, in dem die Festivalmacher in Cannes offensichtlich etwas Besonderes gesehen haben. Ich begreife die Nominierung durchaus als Ermutigung in Richtung Deutschland, muss aber auch sagen: Dieses ewige Geweine über die geringe Beachtung bringt ja nichts. Wir müssen mutige Filme drehen!

Woran liegt es, dass es davon offenbar nur wenige gibt?

Nicht unbedingt an den Regisseuren, sondern auch an den Förderern, die gewisse Projekte nicht unterstützen. Wir hatten das Glück, tolle Leute zu finden - die Filmförderung Hamburg Schleswig- Holstein und die Nordmedia, auch das „Kleine Fernsehspiel“ vom ZDF. Na ja, zur Not hätten meine Produzentin Verena Gräfe-Höft und ich uns auch eine Kamera auf den Kopf geschnallt und heimlich gedreht. Aber wir brauchten finanziellen Rückhalt. Der Film hat eine knappe halbe Million Euro gekostet.

Die Hauptfigur Tore ist ein sogenannter Jesus-Freak. Was ist das?

Die Bewegung ist in Hamburg aus dem Bedürfnis entstanden, eine moderne Kirche zu gründen, auch für Außenseiter, Leute aus der Subkultur. Was ein Freak ist, weiß man ja nie so genau, vielleicht ein Prophet, vielleicht ein Irrer. Das passt ganz gut zu dem Jugendlichen Tore.

Aber der Typ ist auch eine Provokation, wenn er bei jeder Gelegenheit Gott anruft. Oder?

Natürlich. Als Filmemacher darf man ja auch provozieren. Tore versucht, nach dem christlichen Ideal zu leben. Da wird man schnell zum Einzelkämpfer. Mal sehen, wie die Zuschauer in Cannes reagieren. Vielleicht laufen sie ja aus dem Kino raus - ist hier ja wohl schon häufiger passiert, etwa vor einigen Jahren bei Michael Hanekes „Funny Games“. Ich hoffe aber, dass die Zuschauer auch das Poetische, Sensible an meinem Film wahrnehmen.

Geht es im Kern überhaupt um Glauben?

Stimmt, die Religion ist eher der Aufhänger. Letztlich stecken darin tiefe menschliche Fragen, etwa die nach gut und böse. In der Familie, die Tore aufnimmt, wird eine Art Sündenbock-Mechanismus ausgelöst. Alle laden ihre Frustration auf Tore ab.

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